«Bodenlose Sauerei»:
Streit über Greenpeace-Steine in der Nordsee
18. Aug 2008 17:10
 |  Die Felsbrocken sollen die Fischer am Fischen hindern | Foto: AP |
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Die Umwelt-Aktivisten wollen ein bedrohtes Ökosystem schützen und werfen dafür zum zweiten Mal Felsbrocken ins Wasser. Fischereiverbände und Behörden sind empört. Von einer «substanzlosen PR-Aktion» ist die Rede.
Greenpeace hat seine umstrittene Aktion in einem Naturschutzgebiet westlich von Sylt fortgesetzt: Am Montag wurden zum zweiten Mal tonnenschwere Steine in der Nordsee versenkt, wie die Umweltschutzorganisation mitteilte.
Ziel sei, das Naturschutzgebiet am Sylter Außenriff vor der Zerstörung durch Grundschleppnetze sowie Sand- und Kiesabbau zu schützen. Das Bundesumweltministerium kritisierte dies als «rechtswidrige Handlung» und «substanzlose PR-Aktion». Der Fischereiverband sprach von einer «bodenlosen Sauerei».Am vergangenen Dienstag hatte Greenpeace die ersten 40 von geplanten 1000 Steinen versenkt, um zu verhindern, dass in dem Areal mit Schleppnetzen gefischt und mit schweren Saugbaggern Sand und Kies abgebaut wird.
Steine als künstliche Riffe
«Grundschleppnetzfischerei pflügt den Meeresboden regelrecht um. Und das in einem Gebiet, das seit vier Jahren als Schutzgebiet gemeldet ist», sagte Greenpeace-Meeresexpertin Iris Menn. Die Umweltschützer betonten, bei den rund einen Kubikmeter großen und drei Tonnen schweren Brocken handle es sich um Natursteine, die beim Wiederaufbau von beschädigten Riffen helfen. Eine Gefahr gehe davon nicht aus, da die Positionen regelmäßig den Wasserschutzdirektionen und den Fischereiverbänden mitgeteilt würden.Obwohl die Behörden Greenpeace bereits ein Ordnungsgeld von 50.000 Euro angedroht haben, halten die Umweltschützer an ihrem Vorhaben fest. «Die Artenvielfalt in der Nordsee ist es uns wert», sagte Iris Menn, Meeresexpertin bei Greenpeace, am Montag in Hamburg. Insgesamt habe die Organisation 500.000 Euro in die nach eigenen Angaben «bisher aufwändigste Greenpeace-Kampagne zum Schutz der Meere», investiert.
Das 5500 Quadratkilometer große Gebiet ist seit vier Jahren ein von der Bundesregierung bei der Europäischen Union gemeldetes «Natura 2000»-Schutzgebiet. «Trotzdem finden keine Maßnahmen zum Schutz der Fische statt, es gibt keine Beschränkungen für die Fischerei», sagte Menn. Deshalb sei Greenpeace aktiv geworden.
Greenpeace forderte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) auf, die Fischerei in dem Schutzgebiet komplett zu verbieten und auch den Abbau von Sand und Kies zu stoppen. «Wir brauchen großflächige Schutzgebiete, in denen sich die Artenvielfalt regenerieren kann», sagte Menn. Als positives Beispiel führte sie die Adria an. Zehn Jahre nach der Einführung eines Schutzgebietes sei dort an dessen Grenzen viermal so viel Fisch gefangen worden wie zuvor.
Kritik vom Fischereiverband
Der Verbandspräsident der Küsten- und Kutterfischer, Norbert Kahlfuss, kritisierte die Greenpeace-Aktion. Sie sei ein schwerer Eingriff in die Berufsausübung der Fischer und widerspreche jeglichem Recht und Gesetz. Der Verband unterstütze deshalb die Klagen von betroffenen Fischer.«Wir haben uns zusätzlich an die entsprechenden staatlichen Behörden gewandt, diesem Treiben ein Ende zu bereiten und Strafen zu verhängen», sagte Kahlfuss. Noch sei offen, ob der Verband auf ein Wiederaufnehmen der versenkten Steine bestehen oder lediglich eine Markierung der Gefahrenstellen fordern werde, sagte Kahlfuss.
Auf jeden Fall habe die Aktion zunächst eine verstärkte Stellnetzfischerei in dem Gebiet zur Folge. Das kann laut Kahlfuss besonders den Schweinswalen zum Verhängnis werden, die Greenpeace eigentlich besonders schützen will.
Kutter angeblich in Gefahr
Die Fischer werfen den Umweltschützern vor, sogar den Untergang von Kuttern in Kauf zu nehmen, falls Schleppnetze an den Felsblöcken hängen bleiben. Dem widersprach Iris Menn: «Die Fischer wissen, wo die Steine liegen.» Bevor Greenpeace den ersten Stein versenkt habe, sei eine Warnmeldung abgeschickt worden. Diese habe innerhalb kurzer Zeit alle Fischer erreicht. Die Positionen der Steine würden regelmäßig den Wasserschutzdirektionen und Fischereiverbänden mitgeteilt.Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) nannte die Aktion illegal. Schon kurz nach Beginn der Aktion vergangene Woche hatten Fischereiverbände auch aus Dänemark erklärt, man prüfe juristische Schritte. Im dänischen Parlament soll Fischereiministerin Eva Kjer Hansen zu einer Anfrage der Dänischen Volkspartei (DVP) Stellung beziehen, ob es Möglichkeiten zu einer strafrechtlichen Verfolgung von Greenpeace- Mitgliedern gebe.
«Substanzlose PR-Aktion»
Laut Bundesumweltministerium ist das Einbringen von Steinen in die Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) eine rechtswidrige Handlung. «Sie fällt unter das ausdrückliche Verbot nach dem Hohe-See-Einbringungsgesetz, Abfälle und sonstige Stoffe und Gegenstände in die Hohe See einzubringen», sagte ein Ministeriumssprecher und fügte hinzu: «Die Aktion ist darüber hinaus naturschutzpolitisch unseriös und erkennbar eine substanzlose PR-Aktion.» Kein anderer EU-Mitgliedstaat sei bei der Ausweisung von Meeresschutzgebieten so weit wie Deutschland, das rund ein Drittel seiner AWZ-Fläche gemeldet habe. Das Umweltministerium entwickelt dem Sprecher zufolge derzeit Maßnahmen, um die negativen Auswirkungen bestimmter Fischereipraktiken zu minimieren. Über Beschränkungen müsse jedoch abschließend der EU-Fischereirat entscheiden, über den Sand- und Kiesabbau die Länder. (dpa/AP)