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Presseschau zu Clement: 

«Den kleinen Finger ausgestreckt»

07. Aug 2008 21:23
Fingerzeig von einem alten Haudegen
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Eine Geste der Zerknirschung und unbequeme Ansagen zum Zustand der SPD: Die deutsche Presse kommentiert Clements Auftritt eher beifällig. Was die Leitartikel zu diesem Thema schreiben, fasst die Netzeitung zusammen. Mit Audio

Westdeutsche Zeitung (Düsseldorf): «Ein bisschen Frieden»

Das sind die Bilder, auf die die Republik gewartet hat: Wolfgang Clement zeigt sich von seiner weichen Seite und bedauert live und in Farbe seine Wahlkampfäußerungen gegen die eigene Partei. Der alte Medien-Profi hat seinen Auftritt perfekt inszeniert und setzt im letztmöglichen Augenblick ein Ausrufezeichen, bevor alle Welt nach Peking blickt.

Nationale Pressestimmen zum Anhören:

Die SPD reagiert erleichtert so, als ob ein irrationaler Politik-Rambo seine Waffen abgegeben hätte. Doch Beck, Kraft und andere mögen sich nicht täuschen: Es ist nur ein bisschen Frieden, den Clement gestern verkündet hat. Was er nicht sagt, was aber seine dröhnende Botschaft ist: Es ist an der Parteispitze, also vor allem an Kurt Beck, die Partei wieder auf einen Kurs zu bringen, mit dem auch der alte Schröder-Flügel leben kann.

Neues Deutschland, Berlin: «Halbherziges Mea Culpa»

Für Clement muss der gestrige Akt schon das höchste der Gefühle gewesen sein. Mehrere seiner Genossen sollen mit ihm geackert haben, damit er wenigstens sein Bedauern zum Ausdruck bringt. Den hessischen Genossen, die er vor der Landtagswahl zu Jahresbeginn mit seiner indirekten Nichtwahlempfehlung düpierte, hilft das späte wie halbherzige Mea Culpa nicht weiter. Wohl aber der SPD-Spitze, die sich gestern vor Begeisterung über das angebliche Einlenken des von Parteiausschluss bedrohten Delinquenten fast nicht mehr einkriegte. Dabei kann von Läuterung nun wahrlich keine Rede sein. In der Sache, so ist mit Clements Erklärung klar, wird das Raubein aus Nordrhein-Westfalen auch weiter motzen und mit seiner Auffassung zur Energiepolitik die Beschlusslage der Partei ignorieren.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: «Nicht klein beigegeben»

Clement hat die Brücke betreten, die das SPD-Präsidium am Montag über den innerparteilichen Graben hinweg zu ihm geschlagen hat. Leicht war es sicher nicht, den alten Rechthaber zu einer Geste der Zerknirschung gegenüber den Genossen an der hessischen Basis zu bewegen. Es müssen schon viele gute Freunde dabei geholfen haben. Kurt Becks Aufatmen war nicht zu überhören: Clement ist seinen Gegnern in der SPD ein kleines Stück entgegengekommen und wird dafür «Sozialdemokrat bleiben» dürfen. Klein beigegeben hat er aber nicht. Wenn der Schock, den das Ausschlussverfahren gegen ihn hervorgerufen hat, die SPD doch noch dazu bringen sollte, ihre Energiepolitik zu überdenken, dann hätte Clement ihr sogar einen Dienst erwiesen. Anders als mit einem dröhnenden Gongschlag war sie ja nicht aufzuwecken.

Thüringer Allgemeine, Erfurt: «Keine Kraft für Befreiungsschlag»

Eine Entschuldigung war das nicht. Trotzdem wäre die SPD schlecht beraten, wenn sie den von Wolfgang Clement ausgestreckten kleinen Finger nicht packen würde. So ein Sommer ist lang, und das Gezerre darum, ob nun die Sprüche des Ex-Ministers der Partei mehr geschadet haben oder der ihm angedrohte Ausschluss, könnte sich gut noch über Wochen hinziehen. Derzeit muss die ehrwürdige Partei damit leben, dass alles, was ihre Spitzenleute auch nur anschauen, schief geht. Sicher kann es nur hilfreich sein, wenn sich die Partei viel schneller als verabredet auf den Herausforderer der Kanzlerin festlegte. De facto ist die Sache ja auch längst entschieden. Dann könnte Steinmeier den Versuch starten, den ganzen Flohzirkus wieder zu disziplinieren. Aber offenbar fehlt der Beck-Truppe zu einem Befreiungsschlag derzeit die Kraft.

Berliner Kurier: «Sprung über den Schatten»

Clement hat nichts zurückgenommen, er hat sich erklärt. Das war kein Plädoyer eines eitlen Ich-Menschen. Es war eins für die Sache, die dem Sozialdemokraten am Herzen liegt. Er kneift nicht, bettelt nicht, versucht, nicht beleidigt zu sein. Auch wenn es schmerzt, ehrlos genannt zu werden. In gewisser Weise sprang Clement gestern über seinen Schatten. Er will ja gar nicht geliebt, sondern nur verstanden werden. Und das hat er wohl erreicht. Wer ihn gestern reden hörte, begriff, was die SPD verlieren würde. Es sind die Unbequemen, die eine Partei formen, nie die Angepassten.

Leipziger Volkszeitung: «Knallharte Wortmeldung»

Langstreckenläufer sind richtige Kerle. Darin unterscheiden sie sich von joggenden Warmduschern, die ihre MP3-Player um den Block Gassi führen. Wolfgang Clement ist solch ein richtiger Langstreckenläufer. Einer von den besonders ehrgeizigen dazu. Wer ihn erlebt hat, wird sich wenig wundern, dass seine mit Spannung erwartete Wortmeldung im Ton durchaus verbindlich, aber in der Sache knallhart ausfiel. Das ist viel in einer Zeit, da bei der SPD Erklärungen schon vor dem Abfassen richtig gestellt werden. Mehr Entgegenkommen durfte die alte Dame nicht von einem erwarten, der ihr mehr gewogen ist, als es die Krisengebeutelte, Schwindsüchtige und permanent vor Demoskopen auf der Flucht Befindliche derzeit wahrhaben will.

Frankfurter Rundschau: «Zeitbombe entschärft»

Zumindest ein Sprengsatz für die SPD ist entschärft. Nach der Erklärung von Clement dürfte der Ausschluss des ehemaligen Vize- Parteichefs vom Tisch sein. Sichtlich angespannt und unsichtbar von höchster Stelle eindringlich bearbeitet, rang sich der notorische Sturkopf zu einer Entschuldigung durch, wie man sie von ihm selten gehört hat. Künftig werde er die Regeln beachten. Das müsste dem Parteigericht reichen, um die Höchststrafe in eine Rüge umzuwandeln. Die Causa Clement hat Beck gelöst. Die Zeitbombe in Hessen aber tickt weiter. Erst wenn sie entschärft ist, könnte die SPD den Versuch eines Neustarts unternehmen. (dpa)

 
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