03.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Schön hier, aber wenig Jobs...
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zu weit weg, zu viele Ältere - eine Grenzstadt im Osten hat mit 20,1 Prozent die bundesweit höchste Arbeitslosenquote. Ähnlich dramatisch ist die Situation sonst nur in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns.
Die Stadt an der Grenze zu Polen ist berühmt für ihre Prachtbauten, berüchtigt ist sie für die hohe Arbeitslosenquote. Die historische Innenstadt von Görlitz mit ihren Renaissancebauten wurde nach dem Mauerfall vor dem Verfall gerettet. Sie zeugt vom einstigen Reichtum der Stadt, die im Mittelalter durch den Tuchhandel aufblühte. Die aktuelle wirtschaftliche Situation ist weniger rosig: Görlitz ist mit 20,1 Prozent derzeit die deutsche Stadt mit der höchsten Erwerbslosenquote.
Die Rote Laterne hatte Görlitz in der Vergangenheit immer mal wieder. Ähnlich dramatisch ist die Situation sonst nur in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, in der Gegend um Demmin etwa. Die hohe Arbeitslosigkeit in Görlitz hat mehrere Ursachen. «Ein Grund ist die sehr einseitige Ausrichtung der Industrie zu DDR-Zeiten», sagt Rathaussprecherin Kerstin Gosewisch. Viele Menschen waren damals in und um Görlitz in der Braunkohle- und der Textilindustrie beschäftigt. Die sind mit dem Ende der sozialistischen Planwirtschaft nahezu komplett zusammengebrochen.
«Es ist bislang nicht gelungen, das zu kompensieren», sagt Gosewisch. «Das braucht sehr viel Zeit.» Hinzu kommt die Grenzlage selbst. Einerseits ist die Nähe zum Nachbarland ein großes Plus, deutsch-polnische Kulturveranstaltungen sind längst selbstverständlich. Die Nachbarn feiern zusammen. Aus Sicht der Arbeitssuchenden ist die Randlage an der Neiße aber wegen des Lohngefälles und der auch auf polnischer Seite knappen Stellen kein Segen: Deutsche, die in der Nachbarstadt Zgorzelec arbeiten, sind noch die Ausnahme.
Bescheide ErfolgeDer Geschäftsführer der Arge in Görlitz, Eberhard Nagel, sagt, an den Grenzen zu Polen und Tschechien sei die Arbeitslosigkeit generell hoch. Somit könnten die Betroffenen nur im halben Umkreis nach neuen Jobs suchen: «Es fehlen eben 180 Grad.» Als zusätzliches Problem in Görlitz gilt, dass es in der Stadt mit ihren rund 58.000 Einwohnern vergleichsweise viele Langzeitarbeitslose gibt. Der offiziellen Statistik zufolge waren zuletzt insgesamt 5454 Menschen ohne Arbeit. Davon sind 1178 weniger als ein Jahr ohne Stelle. Daneben gibt es 4276 ALG-II-Empfänger, die bereits länger als ein Jahr Arbeit suchen.
Dabei sind diejenigen noch nicht einmal mitgezählt, die gerade eine Fortbildung absolvieren oder einen Ein-Euro-Job ausüben - zusammen sind das noch einmal mehr als 1000. Görlitz setzt besonders stark auf Qualifizierung und Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt. «Wir haben damit Erfolge, wenn auch bescheidene», sagt Nagel. In anderen Städten würden - bezogen auf die Zahl der Betroffenen - zwar mitunter deutlich mehr Ein-Euro-Jobs angeboten. «Die Arbeitslosenquote sieht dann vielleicht etwas besser aus, wirklich gewonnen hat man damit aber nichts», sagt Nagel. Die Leute seien ja immer noch im System.
Görlitz hat heute nur wenige größere Arbeitgeber. Dazu zählen der Waggonbauer Bombardier, ein Turbinenwerk des Siemens-Konzerns und eine Brauerei. Zuletzt siedelten sich neue Investoren aus der Metallverarbeitung und Informationstechnik-Branche an.
Nicht so beweglichUm immerhin zwei Punkte sank die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vorjahr, die Stimmung hellte sich auf. Doch all das reicht noch nicht aus, um die Arbeitslosigkeit spürbar abzusenken. Schließlich ist die Stadt auch für Pendler in den Westen eine denkbar schlechte Adresse, weil besonders weit entfernt. Immerhin hat es noch Autobahnanschluss. Nachbarstädte wie Löbau oder das schmucke Zittau im Dreiländereck zu Tschechien haben nicht einmal das. Verschärfend wirkt sich auch Görlitz' Metropolenfunktion aus: Viele Menschen ohne Arbeit aus der ländlich geprägten Umgebung zieht es hierher, weil Wohnraum vorhanden ist und die Wege kürzer sind.
Darunter sind auch relativ viele ältere Hilfeempfänger. Die seien naturgemäß nicht mehr so beweglich wie Jüngere, sagt Nagel. «Die wollen nicht mehr so weit weg.» Hinzu kommt, dass eine große Zahl aus wenigen ähnlichen Berufen kommt, aus der Textilbranche vor allem und aus dem Bergbau. «Das macht die Vermittlung nicht gerade einfacher», sagt der Arge-Chef. Von August an wird Görlitz nicht mehr kreisfrei sein und dann auch nicht mehr separat in der Statistik auftauchen. Die Rote Laterne dürfte die Stadt dann los sein. Die Probleme allerdings nicht. (Lars Rischke, AP)