31.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Behörden stellen Rudolstadt Persilschein aus
Seit eine Pfarrersfamilie floh, steht die thüringische Stadt unter Rassismus-Verdacht. Die Vorwürfe seien weitgehend unbelegt, behauptet eine Untersuchung die allerdings nicht überall hingesehen hat.
Der Bericht war für viele Menschen ein Schock: Aus Angst vor neuen rassistischen Anfeindungen flüchtet die Familie eines Pfarrers aus dem thüringischen Rudolstadt ins Rheinland. Als «Nigger» sei eines der fünf Kinder von Reiner Andreas Neuschäfer beschimpft, ein anderes verprügelt worden. Und das nur, weil Frau Neuschäfer eine indische Mutter und ihre Kinder etwas dunklere Haut haben, berichtete das Ehepaar Anfang April.
Sie selbst sei beschimpft und in einigen Geschäften nicht bedient worden, sagt Mutter Miriam Neuschäfer. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen; eine Flut von Hass-Briefen prasselte auf die Rudolstädter nieder. Inzwischen wird klar: Die Vorwürfe können nicht erhärtet werden - das legen zumindest die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft, Schulamt und Kirche nahe.
«Die Sache wird im Sande verlaufen»Er sei jeden Montag in der Schule verprügelt worden, hatte Sohn Jannik im Fernsehen erzählt. Inzwischen hat das Schulamt Rudolstadt festgestellt: Die Behauptung ist falsch. Auch der Vater habe keinen Beleg für die Behauptung liefern können, heißt es im Abschlussbericht der Behörde zu dem Fall.
Dem widerspricht Neuschäfer vehement. So habe es keine Gespräche etwa mit der Kinderärztin oder Schülern gegeben, die die Vorfälle bezeugen könnten. Die Staatsanwaltschaft Gera, die wegen Körperverletzung ermittelt, wird den Fall wahrscheinlich ebenfalls bald ad acta legen. «So wie es aussieht wird die Sache im Sande verlaufen und wir die Ermittlungen einstellen», sagt ein Sprecher.
Die Fremdenfeindlichkeit ganz normaler BürgerBekannt war zuvor lediglich eine Schulhofprügelei im Frühjahr 2007, die zur Anzeige gebracht worden war. Dabei soll es jedoch keinen fremdenfeindlichen Anlass gegeben haben. Die Ermittlungen waren damals eingestellt worden, da alle Beteiligten noch nicht strafmündig waren. Ein Beleg für die Behauptungen der Neuschäfers ist jedoch ein anderer Vorfall. Zwei Kinder der Familie seien dreimal von Mitschülern beschimpft worden, hatte die Leiterin der Anton-Sommer- Grundschule, Angelika Swirszczuk, eingeräumt. Dabei soll auch das Wort «Nigger» gefallen sein.
Neuschäfer hat stets betont, dass die von seiner Familie erhobenen Vorwürfe keine Einzelfälle seien. Er spricht von Fremdenfeindlichkeit ganz normaler Bürger im Alltag. Daran hält er fest. Er werde als Nestbeschmutzer und Lügner dargestellt, kritisiert er und versichert: «Es ist ganz klar, dass es diese Sachen gegeben hat.» Belege für die Vorwürfe ist die Familie aber offenbar schuldig geblieben.
Widersprüche auf beiden SeitenAuch die Thüringer Landeskirche wehrt sich gegen Vorhaltungen: Es sei kein Fehlverhalten kirchlicher Mitarbeiter festgestellt worden. Neuschäfer hatte seinem Arbeitgeber vorgeworfen, von den Anfeindungen gewusst, aber nie Hilfe angeboten zu haben. Der Streit ist noch nicht ausgestanden. Da er nicht die geforderte Auflistung der von ihm angeprangerten Vorfälle eingereicht hat, hat Neuschäfer eine Rüge erhalten.
Dagegen hat er nach eigenen Angaben Widerspruch eingelegt. Auf das Angebot eines persönlichen Gesprächs von Landesbischof Christoph Kähler an Frau Neuschäfer sei bis heute keine Reaktion erfolgt, heißt es im Kirchenamt. Auch dieser Darstellung widerspricht der 40-Jährige.
Neuschäfer sprach nie von Neonazis Viele Rudolstädter sahen sich von Anfang an zu Unrecht an den Rassismus-Pranger gestellt - und dürften sich nun bestätigt fühlen. Und der Fall Neuschäfer hat auch Kritik an der Berichterstattung einiger Medien hervorgerufen. Besonders geärgert hatten sich viele Einwohner über einen Bericht der ARD-«Tagesthemen» zu dem Fall, der mit den Worten «Rechter Terror: Neonazis vertreiben Pfarrersfamilie» angekündigt worden war.
Pikant dabei: Selbst Pfarrer Neuschäfer und seine Frau hatten nie von Neonazis gesprochen. Ein Bürger hat Anzeige gegen die ARD wegen Verleumdung und Volksverhetzung erstattet, so dass sich die Staatsanwaltschaft auch mit diesem Fall befassen muss. Es werde noch geprüft, ob der Beitrag strafbar sein könnte und ein Anfangsverdacht besteht, heißt es dort. (Andreas Hummel, dpa)