Nach dem Urteil aus Karlsruhe: 

netzeitung.de«Ab heute Raucherkneipe»

 Herausgeber: netzeitung.de

Noch während der Urteilsbegründung wurden die ersten Kippen angezündet (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Noch während der Urteilsbegründung wurden die ersten Kippen angezündet
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Im «Moseleck», in «Detta's Dart Treff» und im «Doors» herrscht Freude über die Entscheidung des Verfassungsgerichts. Viele haben schon die Zigarette danach geraucht - und philosophieren über die Vorteile des Tabakkonsums.

Gunnar und Thomas sitzen außerordentlich zufrieden an einem Ecktisch in «Detta's Dart Treff» vor ihrem Bier zur Mittagszeit an diesem Mittwoch. «Das ist gut», sagt Gunnar und meint damit den Spruch des Bundesverfassungsgerichts, das kurz vorher das Berliner Rauchverbot in Eckkneipen gekippt hat. «Das ist schon richtig.»

Viel ändern wird sich allerdings nicht in der Kneipe an der Berliner Torstraße, wo Wirtin und Gäste das Karlsruher Urteil im Radio verfolgt haben. Zwar galt seit 1. Januar in der Hauptstadt in allen Gaststätten ein Rauchverbot, mit Ausnahmen nur für abgetrennte Hinterzimmer. Trotzdem hat die Wirtin die Aschenbecher offenbar nie eingemottet.

Vorbild Helmut Schmidt
«Wir haben hier immer geraucht», meint Gunnar und steckt sich eine blaue Club an. Da geht es für Gunnar und Thomas ums Prinzip. Sie kennen viele gute Gründe fürs Rauchen in der Kneipe. Es fängt an mit dem Altkanzler Helmut Schmidt. Wenn der sich im Fernsehen eine nach der anderen anstecken darf, meint Thomas, dann wäre es ungerecht, wenn das die normalen Leute nicht dürften.

Der frühere Bundeskanzler sei insgesamt ein «sympathischer Zeitgenosse». Und es hört auf mit ganz grundsätzlichen volkswirtschaftlichen Erwägungen - die vielen Milliarden Steuereinnahmen, die den Staat stützen, und die vielen Arbeitsplätze. «An dem Produkt Zigarette hängen ja Millionen von Arbeitsplätzen, nicht nur in der Zigarettenindustrie, sondern auch in der Krankenhausindustrie», gibt Thomas zu bedenken. Die Ärzte, die Krankenschwestern - «wenn alle immer nur gesund leben würden, dann wären die alle arbeitslos».

Er persönlich glaubt allerdings, dass das Joggen auf der Straße gesundheitsschädlicher ist das Rauchen in der Kneipe. Und wenn wirklich ein Nichtraucher Bedenken habe, dann könne er ja wegbleiben. In den Kneipen seien die Raucher ganz eindeutig in der Mehrheit, weiß der Stammgast.

Letztlich ist es den beiden deshalb auch egal, ob der Berliner Senat als Reaktion auf das Karlsruher Urteil vielleicht ein komplettes Rauchverbot ohne alle Ausnahmen verhängt. Das sei so ähnlich wie die Prohibition in Amerika, sagt Gunnar: Wenn es verboten ist, reizt es nur umso mehr. Und Thomas fügt an: «Dann machen wir es illegal. Dann machen wir die Läden runter und feiern hier unsere Fete alleine.»

«Wir sind alle erwachsen»
Sylvia Thimm, Wirtin des «Doors» im Berliner Prenzlauer Berg und Klägerin in Karlsruhe, kann sich aber nicht vorstellen, dass es wirklich zum totalen Rauchverbot kommt. Das wäre ihrer Ansicht nach eine unerträgliche Bevormundung. «Wir sind alle erwachsen», sagt Thimm, die das Urteil in Karlsruhe persönlich entgegen genommen hat.

«Ich bin rundum zufrieden», betont die Wirtin. Das Schild «Raucherkneipe», das die Verfassungsrichter nun übergangsweise bis zu einer Gesetzesänderung angeordnet haben, hat sie schon vorbereitet. Sie müsse nur noch in Berlin anrufen, dann werde es an ihrer Kneipe aufgehängt. Dort sind am Tag ihres großen Triumphs mittags aber noch die Rollläden herunter gelassen.

«Das habe ich dem Urteil zu verdanken»
Da sind ihre Kollegen in Frankfurt am Main schon weiter: Seit Mittwoch kurz nach 10 Uhr werden die Gäste des «Moselecks» im Bahnhofsviertel von einem neuen Schild begrüßt: «Ab heute Raucherkneipe» steht darauf. «Ich begrüße das Urteil des Bundesverfassungsgerichts voll und ganz», sagt der Wirt.

Die Kneipe sei für die Mittagszeit gut gefüllt, sagt er. Acht Leute stehen am Tresen oder sitzen an den Tischen. Alle rauchen. «Das habe ich dem Urteil zu verdanken. Gestern saßen um die gleiche Zeit nur zwei Leute hier.»

Auch im «Kronprinzeneck» in der Elbstraße freut sich die Wirtin über das Gerichtsurteil: «Ich finde es super, dass das Verbot aufgehoben wurde. Ich hoffe, dass es jetzt so bleibt und in einem Jahr nicht wieder geändert wird.»

Hoffung auf Rückkehr der Gäste
Auch im «Alten Schlagbaum» in der Berger Straße wird wieder geraucht: Die Bedienung der Eckkneipe kann sich darüber nicht so ganz freuen. «Ich bin Nichtraucherin, deshalb fand ich das Rauchverbot in Ordnung. Aber sollen sie doch qualmen. Mir ist das egal.»

Gast Hans-Jürgen Walter zündet sich eine neue Zigarette an und trinkt einen Schluck Apfelwein. Er ist heute seit längerem wieder Gast in der «Bernemer Marktstube» in der Mainkurstraße. «Früher war ich oft hier, doch seit dem Rauchverbot bin ich in Kneipen gegangen, wo ich rauchen konnte.» Wirtin Renate Stey bestätigt das: «Wir haben durch das Gesetz einige Gäste verloren.» (Verena Schmitt-Roschmann und Falk Sinß, AP)