Pullover statt Heizen: 

netzeitung.deDer Alles-Spar-Senator

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Sarrazin mit seinem Chef (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sarrazin mit seinem Chef
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Aus dem Munde Thilo Sarrazins wird jede Binsenweisheit zur Provokation. Ihn lässt das kalt. Man kann den Berliner Finanzsenator für untragbar halten - oder für einen der letzten authentischen Politiker. Selbst Kritiker geben ihm hintenrum Recht. Von Tilman Steffen

Thilo Sarrazin tritt auf das Podium. Als die Kameraleute die Linsen auf ihn richten, pustet er mit aufgeblasenen Backen zwei Stöße Luft aus. Betont auffällig sieht das aus. Es könnte Sarrazin-Klamauk sein, aber auch ein Ablenken von seiner Anspannung. Denn auf dem Tisch vor ihm liegt nicht nur die Berliner Finanzplanung bis 2020. Der Finanzsenator muss sich auch wieder für Worte rechtfertigen, die sich via Interview im Volk verbreiteten. Weit mehr Journalisten als sonst sitzen im Saal 319 des Roten Rathauses, darunter auch solche, die wegen der Budgetplanung gekommen sind.

«Pullover» ist das Reizwort, weswegen sich Sarrazins Gegner gerade wieder warmlaufen. Vor blauem Hintergrund referiert der Senator Zahlen, es geht um «konsumtive Sachausgaben», Anpassungen, Steuern und Tilgung. «Bei 2007 habe ich ein Fähnchen dran gemacht», lotst er durch ein Papier mit Tabellen und Diagrammen. Die Grafik Nummer 1 «liebe ich ganz besonders» – sie zeigt den steilen Anstieg der Berliner Schulden auf 60 Milliarden Euro.

Eine Zeitung hat ein Sarrazin-Interview gedruckt: Wenn die Energiekosten einmal so hoch sein sollten wie die Miete, sagt er, sollten sich die Leute überlegen, ob sie nicht mit einem dicken Pullover bei 15 oder 16 Grad im Zimmervernünftig leben könnten. Die Linkspartei rebellierte heftigst, der Mieterbund warnte vor Schimmelbildung, der DGB forderte gar Sarrazins Kopf.

Beim Anfahren mit dem Auto zeitiger hochschalten und bei Ampelrot den Motor abstellen, die Wohnung nur auf 20 Grad heizen - seit der Ölkrise in den 70ern sind das Kosten sparende Binsenweisheiten. Nur wenn Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin sie ausspricht, ist das anders.

Gerade für die Linkspartei ist er dann die wandelnde Provokation. Kaum ist dem Sparkommissar der Pullover-Tipp entschlüpft, feuern Reformkritiker und Sozialromantiker aus allen Rohren. «Gegen Sarrazins soziale Kälte helfen auch Pullover nicht», schallte es von der Erregungsfront herüber. Linksfraktionsgeschäftsführer Ulrich Maurer schlug vor, den Senator ins Kühlhaus zu verlegen, wo er im Pullover einen kühlen Kopf zurückerlangen könne. «Kalt duschen», empfahlen die Grünen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Sarrazin mit seiner Botschaft, Energie effizient zu nutzen, im Kern Recht habe.

Es ist nicht ganz klar, wohin Sarrazin durch seine rotbraune Brille sieht, wenn er seinen Schnauzbart hebt und den Blick in den Raum richtet. Klar ist jedoch, hier sitzt ein Mann, der seine Hörer gern in Nebensätzen unterhält. Wie ein Oberlehrer bringt er die Unterrichtsstunde voll drögen Stoffs über die Runden, indem er in sein Referat Kostproben gereifter Albernheit einflicht. Die Berliner Schuldenkurve endet für ihn in einem «Hochplateau, das Sie noch 30 Jahre nach rechts verlängern können». Dass er eigentlich Finanzmarktexperte ist, versteckt er hinter Sätzen wie: «Es ist das Problem, dass man Schulden verzinsen muss.» Das sind Billig-Bonmots, die sich in Schülerzeitungen unter der Rubrik «Lehrersprüche» finden.

Nur, außerhalb der Schulen gibt es keine Lehrersprüche. Und der sprechende Sarrazin ist etwas anders als der gedruckte. Sobald des Senators rhetorische Suche nach Unterhaltung am Zeitungskiosk nachlesbar ist, herrscht an Ärger kein Mangel. Dabei ging es in dem Interview nur im weiteren Sinne um ALG-II-Empfänger. Und Sarrazin hatte korrekterweise darauf hingewiesen, dass es keinen schnellen Ausweg aus der Energiekrise gibt.

Es gibt unter Journalisten einige, die Sarrazin nur beobachten, um den nächsten Aufreger nicht zu verpassen. Geht ein Interview in Druck, prüfen die Nachrichtenchefs zunächst das Skandalpotenzial. «Rheinische Post: Energiestreit: Berliner SPD-Finanzsenator empfiehlt Pullover gegen Kälte», kabelte die Düsseldorfer Regionalzeitung um Mitternacht herum eine Vorausmeldung über das Interview an die Nachrichtenagenturen.

Sarrazin erhitzt das nicht merklich: Kein böses Wort fällt über die Journalisten, die durch ihre Nachfragen das Thema ja überhaupt über der Wahrnehmbarkeitsschwelle halten. Was er gesagt hat, dazu steht er. «Auch Kühlhäuser brauchen Strom», kontert er die Attacke der Linken. Sarrazin verströmt das Bestreben, sich nicht verbiegen zu wollen. Auf dem Podium sitzt ein Manager, der nicht Politiker sein will und doch Senator ist. «Die meisten Politiker versuchen so zu antworten, dass sie nicht angreifbar sind», sagt ein Berliner Sozialdemokrat, der Sarrazin genauer kennt. Der Westfale dagegen sei «der einzige, der halbwegs authentisch ist».

Seine Profession, seine Botschaft ist das Sparen – egal ob Geld, Elektrizität oder sonst etwas. Stolz erzählt Sarrazin, dass er nach dem Winter den Tank seiner häuslichen Ölheizung noch nicht nachfüllen musste. Mit 25 Zentimetern Rest-Pegel vom Frühjahr hoffe er, über den Sommer zu kommen. Für das Nachtanken warte er auf einen kurzfristigen Ölpreisknick. Kommt der bis Oktober nicht, geht wohl der Grünen-Wunsch in Erfüllung: Der Senator duscht dann kalt.

Besonders die letzten seiner Verbal-Provokationen waren mit ihm persönlich verbunden («Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten gehen»; «Bei uns waren es zuhause immer 16 Grad.»). Der studierte Volkswirt Thilo Sarrazin, in den letzten Kriegstagen in Gera geborener Sohn eines Arztes, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Karriere begann im Bundesfinanzministerium, er organisierte den Umtausch der DDR- und Westmark, er privatisierte das DDR-Volkseigentum. Heute saniert er Berlin – eine durch Vetternwirtschaft und uneinlösbare Gewinnversprechen finanziell ruinierte Stadt.

Menschen, die ihn gut kennen, halten ihn für introvertiert und uneitel. Er selbst bezeichnet sich als spontan. Wohl die Verbindung dieser Eigenschaften war schon mehrmals von fataler Wirkung. Die Regelmäßigkeit, mit der sich Sarrazindurch pointierte Bemerkungen>>> ins kommunikative Abseits manövriert, könnten auf einen Mangel an Kontrolle hindeuten. Zumindest passt da ins Bild, dass sich Sarrazin 2001 mit Bahnchef Mehdorn überwarf, dem Mann, der ihn erst ein Jahr zuvor in den Konzern geholt hatte, um das Schienennetz zu sanieren.

Einen Mangel an Eigenkontrolle räumt er sogar selbst ein: Seinen «Grundfehler», die «Neigung zu spontanen Äußerungen», müsse er «in den Griff bekommen», bekannte er nach der Für-fünf-Euro-jederzeit-arbeiten-Aufregung im Juni, und gelobte «Selbstdiszipinierung». Ein tiefer Kniefall für einen 63-Jährigen – oder eine späte Erkenntnis. Noch im selben Gespräch verfiel er jedoch in sein charakteristisches Muster zurück: «Es war eine dämliche Äußerung», polterte Sarrazin über die von ihm aufgestellte These. Seine Neigung, die Verhältnisse der Nachkriegszeit aufs Heute zu beziehen, war damals selbst seinem engsten Umfeld zu viel. «Das muss man zurückweisen», hieß es aus der SPD. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit soll Sarrazin im kleinen Kreis gerüffelt haben.

Für Aufruhr sorgte Sarrazin auch mit seiner Kalkulation, für 128 Euro monatlich könne ein ALG-II-Empfänger «ausgewogen und auskömmlich essen». Das kann tatsächlich jeder - vorausgesetzt, er hat gelernt zu kochen und preisbewusst einzukaufen. Wer das beherrscht, wird auch seine Wohnung nicht überheizen, vielleicht sogar die Ventile herunterdrehen, bevor er das Haus verlässt. Aus Sarrazins Mund würde so etwas zur Provokation. Sein Umfeld klagt über die Journalisten um ihn herum, die nur auf Skandalisierbares aus sind. Man wartet darauf, dass er von ALG-II-Empfängern verlangt, sich das Rauchen abzugewöhnen, um im Winter auch warm duschen zu können.

Doch das Fehlen einer Alternative und sein Ruf als exzellenter Fachmann halten Sarrazin im Amt. «Wenn er nicht so gut wäre, wäre er längst abgeschossen», heißt es aus der Berliner SPD-Fraktion. Wenn sein Nachfolger erst im Amt ist, wird sich Berlin eines Ausnahmepolitikers erinnern – an einen zum Starrsinn neigenden Schnauzbartträger, der alles seinem Ziel unterordnet, die Berliner Staatsfinanzen in die Balance zu bringen. Selbst seinen eigenen Ruf. Sarrazin, 63, muss ja auch nicht wieder gewählt werden.