Radmitnahme im ICE: 

netzeitung.deNeue Runde im Kampf um das Fahrrad

 Herausgeber: netzeitung.de

ICE – Probleme bem Einsteigen mit Fahrrad? (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe ICE – Probleme bem Einsteigen mit Fahrrad?
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Bahn weigert sich seit langem, Fahrräder der Reisenden im ICE zu transportieren. Doch Verständnis für die Argumente des Konzerns ist rar. Die Bundesregierung dringt nun verstärkt auf einen Pilotversuch, um Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen zu können.

«Das Rad muss mit», verlangen Fahrradfreunde seit Langem. Nicht nur in Regionalbahn oder –express, im Interregio oder dem Eurocity wollen sie ihre fußgetriebenen Lieblinge bei sich haben dürfen. Auch auf der schnellen Reise mit dem ICE sollen die Fahrräder mit. So verlangen es der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club ADFC und Politiker verschiedener Lager. Bisher sind ICE-Reisende, die auch am Zielort per Rad flexibel sein wollen, auf meist klapprige Leihräder oder die exotischen «Call a bike»-Modelle der Bahn angewiesen, die in den fünf größten Städten Deutschlands rollen oder auf Gehwegen herumstehen.

Dass der grüne Bundestagsabgeordnete Toni Hofreiter sich dafür einsetzt, ist erwartbar. Auch der Unions-Tourismuspolitiker Jürgen Klimke drängt die Deutsche Bahn, in den Hochgeschwindigkeitszügen endlich einige Sitze auszubauen und dafür Fahrradständer hineinzuschrauben. Weil das Gespräch mit dem Bahnkonzern über lange Zeit erfolglos blieb, wandte sich Klimke an die Bundesregierung.

Die schlägt sich vage auf die Seite der Fahrradfreunde. In einem Gespräch mit der Deutschen Bahn forderte Ulrich Kasparick, Staatssekretär im Verkehrsministerium, das Unternehmen auf, sich wenigstens auf einen Pilotversuch einzulassen. Der Konzern lehnte ab. Für Kasparick ist das «zunächst unbefriedigend», wie er in einem Brief an Abgeordnete schrieb, der der Netzeitung vorliegt. Er will weiter darauf drängen.

Bund will den Beweis
Die einzige Möglichkeit, Fahrräder im deutschen Hochgeschwindigkeitsnetz mitzunehmen, bietet die französische Bahn – mit dem über Karlsruhe und Stuttgart verkehrenden TGV-Schnellzug Straßburg-Paris. Der Berliner Konzern trägt eine lange Liste von Gründen vor, warum Fahrräder in ICEs nichts zu suchen haben (siehe Kasten). «Denkverbote» nennt das Tourismuspolitiker Klimke. «Die Fahrradmitnahme kann sich für die Bahn durchaus lohnen, wenn man die Außendarstellung des Unternehmens mit bedenkt», sagte er der Netzeitung. Gerade die gern komfortabel reisenden ICE-Nutzer wollten ihre teuren Fahrräder auch am Zielort nutzen. «Dass der ICE-Nutzer kein Fahrrad mitnimmt, ist mir neu.» Der Hamburger ist entschlossen, den öffentlichen Druck zu erhöhen.

Staatssekretär Kasparick will den Beweis, dass der Bahn durch die Fahrradabteile in ICEs wirklich unvertretbar hohe Nachteile entstehen. Die «betrieblichen und wirtschaftlichen Interessen» des Unternehmens müssten Berücksichtigung finden. Um die Einwände nachvollziehen und gegebenenfalls ausräumen zu können, werde die Bundesregierung «auf Durchführung des Modellversuchs bestehen» und darüber mit der Bahn im Gespräch bleiben. Auch Klimke akzeptiert, dass der Umbau der Züge Geld kostet. «Deshalb wollen wir flächendeckende Fahrradmitnahme erst in kommenden Zuggenerationen, jetzt nur ein Pilotprojekt auf einer Strecke.»

Neue Kundengruppen erschlossen
Die Zweifel der Rad-Befürworter an den Argumenten der Bahn nährt sich auch aus den Erfahrungen anderer Staaten. Im Hochgeschwindigkeitsnetz der TGV-Züge in Frankreich sind Fahrräder nach Voranmeldung kein Problem. Jeder Zug hat vier Stellplätze. Der belgische Schnellzug Thalys, der in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland verkehrt, nimmt Fahrräder mit, wenn sie sich zusammenklappen lassen. Stellplätze für gewöhnliche Fahrräder sind geplant. Die britische Eisenbahngesellschaft GNER nahm bis zu ihrer Auflösung auf den Langstreckenverbindungen von London in Richtung Yorkshire in Nordost-England und nach Schottland jederzeit Fahrräder mit. Auch das Nachfolgeunternehmen nationalexpress wirbt für den Radtransport - angeboten zum Nulltarif.

Für Klimke halten sich die Nachteile für die Deutsche Bahn in Grenzen. Die Fahrradmitnahme müsse keinesfalls kostenfrei sein. Zudem könne die Bahn neue Kundengruppen erschließen, die auch eine Fahrkarte für ihren Sitzplatz lösen, meint der Tourismusexperte. Die Fahrradabteile schüfen zudem mehr Flexibilität für andere Bahnnutzer mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer.

Auch Benno Koch, Fahrradbeauftragter des Berliner Senats, hat kein Verständnis für die Abwehrhaltung des Konzerns. Besonders die angegebenen Umbaukosten hält er für irreführend: «Ohne eine einzelne Schraube lösen zu müssen, kann die Bahn im Kofferabteil der ICE-Typen ICE-T und ICE-3 Fahrräder mitnehmen», sagt Koch. Züge dieser Bauart verkehrten zwischen Hamburg und München (über Berlin und Leipzig) sowie zwischen Dresden und Frankfurt. Beim nächsten Werkstattbesuch ließen sich im ICE-T zudem bis zu 30 weitere Stellplätze schaffen, sagt er. Koch kennt die Züge, Ende der 90er Jahre war er als Fahrradexperte bei der Entwicklung der Wagen mit einbezogen. Die beiden ICE-Routen wären insofern «hervorragend geeignet» für den angestrebten Pilotversuch.

Um Ausgleich bemüht
Die Deutsche Bahn befürchtet besonders, dass das fein getaktete System von Ankunft und Abfahrt durch das Ein- und Ausladen von Fahrrädern durcheinandergerät. Denn aufgetretene Verspätungen pflanzen sich im Netz unbarmherzig fort, weil Anschlusszüge eine gewisse Karenzzeit auf den Fernzug warten. «Die Verlängerung der Haltezeiten sehe ich nicht, wenn man eine vorherige Anmeldung der Fahrräder obligatorisch macht», hält Klimke dagegen. In den anderen Ländern könnten Fahrgäste ihre Räder mitnehmen, «ohne dass das Bahnnetz zusammengebrochen ist».

Die Deutsche Bahn ist in der Sache nun offensichtlich um Ausgleich bemüht – wohl, um ihre ICEs weiter fahrradfrei halten zu können. Der Konzern habe versichert, dass er «rund um die Fahrradmitnahme» in den Zügen Verbesserungen schaffen wolle, heißt es aus dem Ministerium.


Für das Web ediert von Tilman Steffen