Obama in Berlin:
Presse: Die Mensch gewordene Projektionsfläche
24. Jul 2008 10:30
 |  Vor wenigen Tagen zeigte er sich der Truppe in Afghanistan
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Kommentatoren sehen ihn schon durch sein Alter, aber vor allem das Charisma seines Auftretens prädestiniert für die Aufgaben der Politik von morgen. Doch auch er setzt im Irak auf das Militär. Die
Netzeitung dokumentiert Pressestimmen.
«Stuttgarter Zeitung»: Ein gutes Zeichen
Ja, ist der Mann eigentlich schon Präsident? Wo Barack Obama auftaucht wie jetzt in Berlin träumen viele Menschen von einem Neuanfang in den internationalen Beziehungen. Der Kandidat selbst, für den seine Weltreise in erster Linie eine Wahlkampftournee ist, trägt mit seinem selbstbewussten Auftreten und den penibel kontrollierten Bildern alles dazu bei, um diesen Eindruck zu verstärken. Der republikanische Konkurrent John McCain ist da zu Recht ein bisschen neidisch. Es ist in jedem Fall ein gutes Zeichen, wenn den amerikanischen Wählern das Bild ihres Landes in der Welt inzwischen so wichtig ist, dass beide Präsidentschaftskandidaten daran glauben, sie könnten und müssten mit Auftritten auf dem internationalen Parkett beim heimischen Publikum punkten.
«Der Tagesspiegel»: Obama muss den anderen Blick wagen
Die heutige Rede legt, versteht sich, den Vergleich mit den Vorgängern nahe Kandidatenstatus hin, Präsidentenglanz her. Doch fallen dann vor allem die Unterschiede ins Auge. Kennedy 1963 und Reagan 1987 waren noch mit der Zweiteilung der Welt konfrontiert, und selbst die Perspektiven einer ungeteilten Welt, die Clinton 1994 beschwor, lebten noch ganz von der Erfahrung des großen politischen Schismas. Obama wird - und muss einen ganz anderen Blick wagen. Denn er ist schon durch sein Alter, aber vor allem das Charisma seines Auftretens prädestiniert für die Aufgaben der Politik von morgen: die Neuorientierung in einer Welt, die von der Globalisierung geschüttelt wird und nach einer neuen Ordnung sucht
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«Die Zeit»: Obama ist kein Pazifist
Obama, ein Vierteljahrhundert jünger als McCain, wuchs in einer anderen Epoche auf. Er hat nicht gedient, das starre Freund-Feind- Denken ist ihm eher fremd und ebenso die Kriegsrhetorik nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Um einem Missverständnis gleich vorzubeugen: Obama ist kein Pazifist, er will Al-Qaeda militärisch besiegen und würde auch vor einem Militärschlag gegen Iran und einem Krieg zur Verteidigung Israels nicht zurückschrecken. Doch Diplomatie und das direkte Gespräch mit den Gegnern haben Vorrang
«Süddeutsche Zeitung»: Mensch gewordene Projektionsfläche
Wird dieses Land, das unseren Alltag so sehr prägt, von einem Präsidenten wie George W. Bush regiert, dann löst es heftige Reaktionen aus, wenn deutsche Erwartung und die US-Realität auseinanderklaffen. Ein Kandidat wie Obama, unbekannt und gleichzeitig kennedyesk, ist auch in Deutschland eine Mensch gewordene Projektionsfläche. Jeder kann in ihm aus sehr verschiedenem Blickwinkel seine Sehnsucht erkennen. Die Sehnsucht nach dem guten Amerikaner.
«Westfälischer Anzeiger»: Unterschied nur im Tonfall
Er ist jung, erfrischend, er ist schwarz, charismatisch und er verkündet den Wandel. Anders als sein Konkurrent John McCain ist Barack Obama in allem das Gegenteil des ungeliebten US-Präsidenten George W. Bush. Eines aber wird im Fieberwahn gerne übersehen: Außenpolitisch unterscheidet sich Obama von Bush und McCain allenfalls im Tonfall. Einen schnellen Irak-Rückzug wird es unter ihm ebenso wenig geben. Und mit Blick auf Afghanistan hat Obama klar gemacht, dass er noch hartnäckiger auf internationalen Beistand für die US-Truppen drängen wird. Auch und gerade in Berlin.
«Frankfurter Neue Presse»: Die Liebe geht nicht so weit
Wohl in keinem anderen Land ist die Obama-Euphorie so groß wie in Deutschland Doch das Irak-Problem, das er von Bush erben würde, könnte auch Obamas Verhältnis zu Berlin belasten. Obama weiß, dass bei schnellem Abzug das Chaos im Irak sofort wieder losbrechen würde. Um seine Anhänger nicht zu enttäuschen, wird Obama versuchen, die Verbündeten mehr in die Verantwortung zu nehmen. Doch Merkel weiß, dass bei den Deutschen die Liebe zu Obama nicht so weit geht, dass sie noch mehr Soldaten in gefährliche Auslandseinsätze schicken wollen. Und so wird auch die große Obama-Euphorie im Alltag abkühlen. Um all die Erwartungen zu erfüllen, die dem Kandidaten entgegengebracht werden, würde es ohnehin fast einen Messias brauchen.