Obama in Berlin: Obama, das Brandenburger Tor und der Baukran23. Jul 2008 14:57  |  Bühnenbau am Großen Stern
| Foto: nz/tst |
|
Für den Auftritt des Gastes setzt Berlin einiges in Bewegung, selbst Straßenlaternen und Tonnen von Stahl. Für die Fans besteht Plakatverbot. Blicken wird der designierte Präsidentschaftskandidat nicht nur auf das Brandenburger Tor, sondern auch auf eine Baustelle, berichtet Tilman Steffen.
Hier gehts zum NZ-Obama-Quiz>>>
Die Hoffnung, dass sich die Rolle der USA in der Welt ändert, hat Triloko Sharma längst aufgegeben. «Es bräuchte 5000 Obamas», sagt der Inder auf Berlin-Besuch bei seiner Visite an der Siegessäule. Professor Sharma ist Sinologe und lehrt in Dänemark. Er kennt sich aus mit den Kulturen. Barack Obama will die Wende jedenfalls versuchen. Für Donnerstagabend hat sein Wahlkampfstab vom Berliner Bezirk Mitte das Areal um die Berliner Siegessäule gemietet, um den Präsidentschaftsanwärter eine wegweisende außenpolitische Rede halten zu lassen. Zehn-, vielleicht hunderttausende Deutsche sollen ihm dabei zujubeln, die US-Amerikaner daheim an den Fernsehgeräten sollen ihn wählen.
Eigentlich wollte Barack Obama am Brandenburger Tor sprechen. Dort wo Ronald Reagan geschichtsträchtig das Niederreißen der Mauer verlangte («Mr. Gorbachev, tear down this wall»). Schon John F. Kennedy durfte nicht durchs Tor schreiten, die DDR-Führung ließ das Monument verhängen, als der US-Präsident Berlin besuchte. Bei Obama erhob Bundeskanzlerin Merkel Einspruch, wohl, um Ärger mit dem republikanischen Noch-Präsidenten Bush zu vermeiden. Obamas Stab wich an die Siegessäule aus, von der aus das Tor wenigstens zu sehen ist. «Mit seinem Besuch setzt Obama ein Vermächtnis fort»,
sagt Michael Steltzer, Vorsitzender der Auslands-
Demokraten in Berlin. Obamas Crew in Chicago beauftragte eine Eventagentur, Bühnen, Lampen und Lautsprecher heranzukarren. Ein weiteres Büro fertigt die Journalisten ab und verteilt Fotografen und Kameraleute auf die begehrten Podestplätze. Am Donnerstag ist in den US-Medien Obama-Tag. Die nach Berlin eingeflogenen US-Korrespondenten werden zur Hochform auflaufen. Obamas Auftritt in der deutschen Hauptstadt ist der Höhepunkt seiner Europatournee, nur in Berlin spricht der Präsidentschaftsanwärter öffentlich. «Sein Besuch ist ein Geschenk für die Stadt», sagt Steltzer.
 |  Kilometerweise Zaun | Foto: nz/tst |
|
Die örtliche Baubehörde scheute keinen Aufwand und ließ am Großen Stern sogar Straßenlaternen versetzen, weil sie die Fernsehkameras stören könnten. Am Tag vor der Show begann an der Siegessäule der Bühnenbau. Die Security ließ seit Mittwochmorgen nur noch Linienbusse und Radfahrer durch. Bagger karrten tonnenweise glänzendes Metall heran, Roadies in schwarzen T-Shirts ziehen Kabel und schrauben Gerüste. «Wir arbeiten auch die Nacht durch», sagt einer der Männer. Die Funksprüche der Projektleiter knarzen über den Platz. Bis zum Morgen wird das Gelände zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor dicht sein. Hunderte Meter Zaun stehen bereit.
Publikum ist Staffage Am Donnerstagvormittag entsteigt der designierte Kandidat im militärischen Teil des Berliner Flughafens Tegel der Präsidentschaftskandidaten-Maschine. Um 11 Uhr spricht er im Kanzleramt mit Angela Merkel, am frühen Nachmittag ist er Gast im Auswärtigen Amt bei Minister Steinmeier. Vor seiner Rede absolviert Obama dem Vernehmen nach einen Stadtrundgang: Holocaust-Mahnmal, Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor. Ob ihn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit dabei begleiten würde, haben Obamas Leute noch nicht beim Senat angefragt. Wowereit ist offiziell im Urlaub. «Er hält sich bereit», heißt es dennoch aus dem Roten Rathaus.
Politiker aus der zweiten Reihe moserten, die Siegessäule sei eine schlechte Wahl für Obama, weil das nach den siegreichen Feldzügen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich aufgestellte Monument «Symbol deutscher Überlegenheit» sei. Aus dem Gebüsch des Tiergartens blicken preußische Größen wie Bismarck, Roon oder Moltke als gigantische Statuen in Richtung des Bauwerkes. In Zeiten der Demokratie machten die Schwulen das aufragende Monument zu ihrem Symbol, die Raverszene startete hier die erste Love Parade.
Bei früheren Events, der WM- und der EM-Fanmeile oder der Liebes-Demonstration der Techno-Fans, stand neben den Stars das Publikum im Mittelpunkt. Die Fußballfreunde erlebten auf Großbildschirmen gemeinsam die Torkämpfe, die Nationalelf zeigte sich auf der Bühne den Fans. Zum Techno-Umzug tanzte man sich vereint in Ekstase. Obamas Leute wiegen die Besucher auch diesmal in dem Glauben, wichtig zu sein. Doch in Wahrheit treibt der Demokrat den Millionenaufwand nur für die Fernsehzuschauer bei CNN und den anderen wichtigen US-Networks und Stationen. Das deutsche Publikum an der Siegessäule ist Staffage, es bildet die Kulisse wie das Brandenburger Tor. Noch ist nicht einmal klar, ob Obamas Worte in Berlin simultan übersetzt werden. Wer nur mäßig Englisch versteht, sollte ein tragbares Radio dabei haben - die Sender übertragen ins Deutsche.
Auslands-Demokraten fiebern Diejenigen, die sich am Donnerstag einen Platz zwischen Brandenburger Tor und Großem Stern erobern, tun das als Statisten in einer Medienproduktion. Das Drehbuch schrieben wahlkampferprobte US-Profis, die Regeln bestimmen Obamas Regisseure. Das Design ist strengen Regeln unterworfen. Eigene Schilder oder Transparente mitzubringen ist verboten. Denn Bush-bashing hält das Team des demokratischen Präsidentschaftsanwärters für ebenso schädlich wie McCain-kritische Botschaften. Statt handgefertigter Unterstützung sollen die tiefblauen Plakate und Spruchbänder der Obama-Kollektion die Bilder dominieren. Wer einen individuellen Auftritt anstrebt, dem bleibt nur das Drucken eines T-Shirts. Doch auch da trachten Obamas Leute nach dem Einheitslook: Unter den Werbeartikeln findet sich neben Fähnchen, Winkschildern (Rally Signs) und verschiedenen Buttons auch ein dunkelblaues Ärmelhemd mit der Aufschrift «Change – You can believe in».
 |  Obama-Anhänger in Berlin | Foto: dpa |
|
Auch die Auslands-Demokraten bereiten sich auf den Besuch des aussichtsreichen Präsidentschaftsanwärters vor. Täglich steht das «Obama-Team» entweder an einer Einkaufsstraße im Berliner Westen oder am Alexanderplatz im Osten, um die blauen Kärtchen und Flyer mit dem Konterfei des Idols zu verteilen. Die Helfer mobilisieren die hierzulande lebenden US-Bürger für die Wahl. Ein nicht einfaches Procedere: Wer abstimmen will, muss sich für die Wahl zunächst registrieren lassen. Das Team hat Formulare dabei.
 |  Am Mittwochmorgen stand außer der Säule hier noch gar nichts | Foto: nz/tst |
|
Beizeiten da sein Die Gemeinschaft der Auslandsamerikaner bilden in Berlin vier Gruppen. Zunächst die Republikaner, zu denen jedoch nur deutsche Mitglieder zählen. So stellt es zumindest die Gegenseite dar. Dann die Berliner Gruppe von «Democrats Abroad», etwa 300 Anhänger der Obama-Partei, die den Besuch Obamas nutzen, um deutschlandweit ihre Leute für die Wahl zu mobilisieren. Die in mancherlei Richtung engagierten «American Voices Abroad» sind «politisch, aber neutral», wie Ann Wertheimer sagt, die Sprecherin der Voices. Als 2003 eine halbe Million Menschen gegen den Irakkrieg durch Berlin zogen, standen sie mit in den ersten Reihen. Die «Bridgebuilders» kümmern sich um die deutsch-amerikanische Freundschaft und engagieren sich für die Rettung des Berliner Amerika-Hauses. Die Kulturgruppe «Cafe American» ist ein Ableger der «Voices». In Berliner Cafés laden die Mitglieder zu Lesungen und Diskussionen.
 |  Blick aufs Tor, das Rote Rathaus und den Kran
| Foto: nz/tst |
|
Allesamt fiebern sie der Ankunft Obamas entgegen – mit Ausnahme der Republikaner vielleicht, die eher aus Neugier als aus Begeisterung am Großen Stern vorbeischauen werden. Obamas Widerpart McCain ist Dauergast in Deutschland und wird zu keiner Wahlveranstaltung anreisen. Als regelmäßiger Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz kennt er sich aus im transatlantischen Gefüge.
Wer Obama nicht nur über einen der Großbildschirme sehen will, sollte beizeiten da sein. Ab 16 Uhr darf das Volk auf die Meile. Taschen sollte man zu Hause oder am Arbeitsplatz zurücklassen. In Obamas Umgebung herrscht in Berlin Sicherheitsstufe II («ein Anschlag ist nicht auszuschließen»). Da ist jedes Gepäckstück verdächtig. Sollte sie scheinen, wird die Sonne das Brandenburger Tor in goldenes Abendlicht tauchen. Von der Bühne aus werden Kameras den Blick auf die Menschenmasse einfangen, im Hintergrund das Tor mit der Siegesgöttin Victoria, der Turm des Roten Rathauses. Nur ein vierzig Meter hoher Baukran sabotiert die Ästhetik. Denn direkt hinter dem Säulenbau entsteht die «Kanzlerbahn», eine U-Bahnlinie, die eigentlich schon zur Fußball-WM fertig sein sollte. Über eine Anfrage der Obama-Crew, den Kran vorübergehend abzubauen, ist hier nichts bekannt. «Das würde Unsummen kosten», wehrt einer der Bauleute ab. «Wir haben genug Zeitverzug.»
|