Eine Stunde Audienz:
Obama für alle – inklusive Merkel
21. Jul 2008 16:02
 |  Auch die Kanzlerin will sein Autogramm | Foto: AP |
|
Auf dem Sprung in die Sommerferien ist die Kanzlerin, aber natürlich harrt sie noch in Berlin aus, bis der US-Star seine Visitenkarte abgegeben hat. Die Frage, wieviele Zuhörer Obamas Auftritt anlocken wird, führt zu kuriosen Vermutungen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel plant für Donnerstag eine längere Unterredung mit dem US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama in Berlin. Die Kanzlerin wolle ein «sehr offenes, ausführliches Gespräch» mit Obama führen, das etwa eine Stunde dauern werde. Letztlich gehe auch darum, dass sich beide kennenlernten, sagte Regierungssprecher Thomas Steg. Neben den bilateralen Beziehungen werde es um Fragen im Zusammenhang mit der NATO sowie die Lage im Irak und in Afghanistan gehen.
Ähnlich wie beim Besuch von Frankreichs heutigem Präsidenten Nicolas Sarkozy in der Phase seines Wahlkampfs wird es nach Stegs Worten vor dem Gespräch mit Merkel nur einen Fototermin geben. Es sei nicht vorgesehen, dabei Fragen zu beantworten. Nach dem Gespräch mit Obama geht die Bundeskanzlerin in ihre Sommerferien. Sie wird zum Auftakt zunächst die Wagner-Festspiele in Bayreuth besuchen, bevor sie mit ihrem Mann Joachim Sauer zum Wandern in die Berge abreist.Der Senator aus Illinois wird nach den bisherigen Planungen am Vormittag mit einer Sondermaschine auf dem militärischen Teil des Flughafens in Berlin-Tegel landen. Am Abend folgt seine mit Spannung erwartete Grundsatzrede zum transatlantischen Verhältnis an der Siegessäule. Das Treffen mit der Bundeskanzlerin findet um 11 Uhr im Kanzleramt statt. Ein weiteres Treffen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist um 14 Uhr geplant.
Eine Million Zuhörer?
Zwei Stunden später soll die Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule (Großer Stern) für die Öffentlichkeit geöffnet werden. Dort werden wie zu Zeiten der Fußball-Fanmeile Großbildschirme stehen. Die knapp einstündige Rede soll gegen 19 Uhr beginnen. Über die Zahl der Zuhörer bestehen äußerst unterschiedliche Schätzungen. Sie reichen von einigen Zehntausend bis einer Million. Als möglich gilt die Anreise vieler Amerikaner aus Europa. Allein in Berlin leben mehr als 13.000 Amerikaner.Obama, der einmal in Berlin übernachtet, hält sich in Deutschland länger auf als in Frankreich und Großbritannien, wo er zum Abschluss seiner gut einwöchigen Auslandsreise zu Besuch ist. In Berlin hält er auch die einzige Rede unter freiem Himmel. Begonnen hatte seine Tour am Wochenende in Afghanistan. Inzwischen reiste er in den Irak weiter. Vor der Ankunft in Deutschland steht Nahost auf dem Plan.
Brandenburger Tor symbolisiert «Wandel»
Der Auftritt des 46-Jährigen auf der Ostseite der Siegessäule - «von hinten gefilmt vor vielen Menschen und dahinter das Brandenburger Tor», wie der USA-Experte Harald Wenzel sagte - ist die einzige öffentliche Rede während der Europa-Reise des Senators aus Illinois, der dem Republikaner George W. Bush im Weißen Haus nachfolgen will. Das Brandenburger Tor in Sichtweite der Siegessäule sei das europäische Bauwerk, das am stärksten für Wandel stehe - und «change» sei ein Schlüsselwort der Obama-Kampagne, sagte der Politikwissenschaftler vom John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Die Organisatoren des Auftritts überlassen dabei nichts dem Zufall: «Plakate oder Transparente sind nicht gestattet», heißt es auf Handzetteln, die seit Montag für das Ereignis werben. Rund um den Veranstaltungsort im Tiergarten sollten von Dienstag an umfangreiche Sperrungen eingerichtet werden. Die Verkehrslenkung riet Autofahrern, das Zentrum bis Freitagfrüh möglichst zu meiden.
«Kein transatlantisches Paradies»
Der neue Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, warnte bereits vor überzogenen Erwartungen an Obama. Der ehemalige Botschafter Ischinger sagte der «Berliner Zeitung»: «Egal, wer die Wahl gewinnt, wir werden nicht plötzlich in ein transatlantisches Paradies eintreten.» SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sprach sich dafür aus, den Besuch als «Impuls zur Erneuerung des transatlantischen Verhältnisses» zu begreifen. Der Koordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Karsten Voigt (SPD), sagte dem Deutschlandfunk, die Rede Obamas könne Berlin wieder zum Symbol der deutsch-amerikanischen Beziehungen machen. Die Einwände gegen Obamas ursprünglich gewünschten Auftritt am Brandenburger Tor sah er «neben der Sache» liegend. Es sei selbstverständlich, dass deutsche Kanzlerkandidaten in den USA im Weißen Haus empfangen würden, sagte Voigt. Es sollte gute Tradition werden, dass amerikanische Präsidentschaftskandidaten nach Berlin fahren. Dort gebe es zahlreiche Orte mit komplizierter Geschichte. Es führe von der deutschen Wirklichkeit weg, wenn für Reden nur Orte zugelassen wären, die keine Vergangenheit hätten.
Stölzl gibt Geschichtsunterricht
Ähnlich äußerte sich der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums, Christoph Stölzl. Er sagte im MDR, bei der Ortswahl Siegessäule gehe es nicht um preußische Kriegssymbolik, sondern darum, «ein schönes Bild fürs Fernsehen zu haben». Amüsiert äußerte er sich über die Einwände aus CDU und FDP gegen die Siegessäule als Ort der Rede. Auch der durchschnittliche Berliner wisse nicht, dass die dort angebrachten Kanonen Beutestücke aus den deutschen Freiheits- und Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich seien. Die Kritik, dass Adolf Hitler die Säule dort habe aufstellen lassen, wies Stölzl zurück. Die Säule stehe am Großen Stern, weil sie Hitlers größenwahnsinnigen Bauprojekten zwischen Reichstag und Krolloper im Wege gestanden habe. (dpa/AP)