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Bundeswehr-Gelöbnis: 

Pazifisten-Ekstase und preußische Rituale

21. Jul 2008 09:33
Das Gelöbnis am Reichstag
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Eigentlich will die Bundeswehr eine Armee des Volkes sein. Doch das Militär wirklich zur Gesellschaft hin zu öffnen, heißt, auch über Althergebrachtes neu nachzudenken, meint Tilman Steffen.


Was die Bundeswehr vor dem Reichstag bot, trug die Züge eines christlichen Gottesdienstes. Das Gelöbnis ist ein fest gefügter Wechsel von Musik und Worten, der auf eine weiheartige Handlung hinführt, deren Sinn sich Außenstehenden nicht sofort erschließt. Als Liturg stimmte Verteidigungsminister Jung Mitwirkende und Besucher auf das Kommende ein, die Predigt hielt Altkanzler Helmut Schmidt. Es gab, wie in der Kirche, eine Reihe gemeinsam ausgeführter Körperbewegungen – und wo die Christen gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen, stand bei den Rekruten das Gelöbnis.

Wichtiger Unterschied: Während Christen der höheren Macht vertrauen, verlässt sich das Militär ausschließlich auf seine eigene Stärke. Und in die Kirche darf jeder einfach hereinkommen. Der Reichstag dagegen war am Sonntag weiträumig abgesperrt.

Erschöpfter Soldat (r.) Der Gruß gilt allerdings der Fahne hinter den Reihen
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Das Gelöbnis der Bundeswehrrekruten in Berlin – in diesem Jahr das zehnte - ist eines der wenigen erhaltenen Riten unserer Zeit. Viel preußischer Geist wehte, so etwas wie Tradition war spürbar. Das Individuum verliert in solchen Momenten seine Bedeutung, es wird Teil des Ganzen. Die 500 Rekruten, eine Ehrenformation und das Stabsmusikkorps des ministeriellen Wachbataillons – alle zwischen 178 und 194 Zentimeter groß, bart- und brillenlos – verschmolzen unter blauem Himmel zum Symbol.

Etwa ebenso viele geladene Gäste – mehrheitlich Angehörige der Rekruten, die Bundeskanzlerin und diverse Bundesprominenz - vertraten auf der überdachten Tribüne die Öffentlichkeit. Die nicht geladene Öffentlichkeit war nur zu hören – in Form der knapp 1000 Meter entfernt genehmigten Gegendemonstration. Vielleicht saß sie auch still vor dem Fernseher, um die Live-Übertragung bei Phoenix zu sehen.

Das wäre zumindest ein sinnliches Erlebnis gewesen: Das Mix aus Abendsonne, weißen Wolkenfetzen, saftiggrüner Wiese und das sorgsam gestaltete Arrangement blauer und grün-grauer Uniformen vor dem sandsteinernen Reichstag sind der Traum eines jeden Bildregisseurs. Die Rekruten selbst sahen nur zum Schluss etwas davon, zu intensiv blendete die untergehende Sonne aus Richtung Kanzleramt hinüber. Noch hat die Bundeswehr keinen Einfluss auf den Lauf der Gestirne. Mindestens ein knappes Dutzend der Stehenden brach die Tortur gezwungenermaßen ab und musste auf dem Weg hinter eine der Tribünen gestützt werden.

Die Bundeswehr hatte sich das für das Areal um den Reichstag eine weiträumige Absperrung genehmigen lassen. Polizisten aus mehreren Bundesländern hielten die Gelöbnisgegner auf Abstand. Doch spätestens, als ausgewählte Rekruten sich still um die Truppenfahne sammelten, drangen die Schreie der Kriegsgegner verständlich hörbar in das Ritual herein.

In der Welt von Anarchisten und Pazifisten, die staatliche Ordnung oder das Militär ablehnen, hat ein Zeremoniell wie das vor dem Reichstag keinen Platz. Differenzierter betrachtet, kommt zumindest die Frage nach der Form auf: Deutsche Soldaten sind heute keine Landesverteidiger mehr.

Hinter der Pressetribüne
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Weit entfernt von der Heimat versuchen sie Frieden und Demokratie in Krisengebieten zu schaffen, sie schießen im UN- oder Nato-Auftrag auf Rebellen und Handlanger des Terrors. Immer mehr ähnelt ihre Arbeit der von Polizisten, immer mehr individuelle Verantwortung lädt der Staat den Soldaten auf. Das System von Befehl und Gehorsam hat sein Mindesthaltbarkeitsdatum längst erreicht.

Soldaten auf den kostbaren Rasen geschickt
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Das muss sich bald auch in den Formen niederschlagen. Wenn etwa der Siemens-Konzern einen Jahrgang neuer Azubis begrüßt, treten die nicht uniformiert im Gleichschritt an. Doch sie sind der gemeinsamen Aufgabe, das Beste für ihr Unternehmen zu erreichen, ebenso verpflichtet wie die Rekruten der Bundeswehr. Keiner vergattert Azubis zum Gelöbnis oder gar zum Schwur, ein unterschriebener Vertrag reicht vollkommen aus. Auch Soldaten könnten Freude daran haben, während eines Festaktes in der Nähe ihrer Lieben zu sitzen.

Angehörige und Gäste
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Sind sie in der Truppe begrüßt, wird gemeinsam mit dem Volk gefeiert. Die Militärangehörigen als Individuen zu profilieren, statt sie durch Gleichschritt und Befehlsgehorsam zu entmenschlichen, machte ihre Existenz vielleicht sogar für die Pazifisten akzeptabel. Statt ekstatisch schreiender Gegendemonstranten könnte sich die Meinungsfreiheit anderer Mittel bedienen. Dagegen ein den Preußen entlehntes Ritual auf Dauer aufrecht zu erhalten, heißt jedoch, den Bezug zwischen Soldatendasein und Lebenswirklichkeit weiter aufzugeben.
 
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