Boom bei Mitfahrgelegenheiten: 

netzeitung.deGeteilter Sprit ist halbes Leid

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Bisher waren Mitfahrzentralen etwas für Studenten und gereifte Lebenskünstler. Doch seit manche Tankfüllung die 100-Euro-Marke knackt und Mobilität zum Luxusgut avanciert, verzeichnen die Netzwerke der Fahrer und Mitfahrer zweistellige Zuwachsraten. Von Tilman Steffen

Ist der Tank leer, sind jedes Mal 70 Euro fällig. Thomas Schilling, 45, angestellt in einem Callcenter, fährt täglich aus dem vorpommerschen Pasewalk zur Arbeit nach Neubrandenburg. Am Abend hat sein Ford Focus 100 Kilometer mehr auf dem Zähler. Alle sieben Tage muss der Wagen an die Zapfsäule.

Vor einem Jahr waren da höchstens 63 Euro futsch. Doch spätestens seit Dezember ist es jede Woche etwas mehr - nur wenige Cent, aber stetig. Schilling nimmt auf die tägliche Fahrt nun eine Kollegin mit, um sich die Kosten zu teilen. «Doch die könnte demnächst abspringen, weil sie eine andere Arbeit sucht», klagt er. Seit drei Wochen bietet der Geplagte deshalb seine Touren auch in zwei Online-Mitfahrzentralen an - hin früh um sieben, zurück zehn Stunden später. Schilling ist seitdem ständig per Handy erreichbar.

2007 war es der Bahnstreik, der den Mitfahrzentralen Zuwächse bescherte, heute treiben die Spritpreise den Online-Vermittlungen die Reisenden zu. Bei dem populären Portal Mitfahrgelegenheit.de stieg die Klickzahl im Jahresvergleich um 30 Prozent. Die nicht weniger bekannte Mitfahrzentrale.de zählt ein Fünftel mehr Neuanmeldungen, mfz.de meldet einen ebenso hohen Zuwachs an Fahrgemeinschaften. Studenten sind nur ein kleiner Teil der Nutzer, Angehörige aller Einkommensschichten drängt es zur Mobilitäts-Symbiose: «Wir haben auch den Porsche-Fahrer dabei, der sich mit netten Menschen unterhalten will», sagt Jarov Milev von Mitfahrzentrale.de. Notorische Egoisten lassen alle Skepsis fahren und teilen ihre Sitzpolster wildfremden Menschen zu. Phlegmatiker engagieren sich als Verkäufer in eigener Sache. Wer bisher nur davon gehört hatte, dass man die sonst leeren Plätze sinnstiftend füllen kann, verschafft sich am Computer Zugang zum virtuellen Strecken-Markt. Morgenmuffel üben sich als Plaudertaschen, Spontis halten sich plötzlich an fest vereinbarte Abfahrtszeiten. «Das hat mit dem gestiegenen Benzinpreis zu tun», begründet Milev den Boom.

10.000 vermittelte Fahrten gibt sein Unternehmen an – pro Tag. Hunderttausende Euro gehen da am Straßenrand von Hand zu Hand. Die meisten Menschen fahren oder nehmen mit, um zu sparen, fand das 1998 gegründete Unternehmen in einer selbst erstellten Nutzerumfrage heraus. Wer auf der Seite sucht oder anbietet, ist meist zwischen 20 und 39 Jahre alt, mittlerweile angestellter Akademiker und allein im Haushalt. Am meisten buchen junge Erwachsene unter 30. Nur ein Viertel der Nutzer studiert noch.

Bus und Bahn sind diesen Menschen zu teuer oder zu unflexibel. Ein Großteil der rollenden Kurzzeitgemeinschaften will zudem die Umwelt schonen. An dritter Stelle rangiert das Bedürfnis, sich während der Fahrt einfach zu unterhalten und Leute kennen zu lernen. Nur ein Viertel fährt mangels eigenem Auto mit.

Jenny ist so eine. Die Bibliothekswissenschaftlerin und ihr französischer Freund sind um 17 Uhr hinter dem Bahnhof Dresden Neustadt mit dem Fahrer eines blauen Astra Caravan aus Berlin verabredet. Vor allem Freitag- und Sonntagnachmittag ist dort kaum ein Parkplatz zu bekommen, denn hier findet zusammen, wer sich zuvor via Internet verabredete. In fünf Minuten ist man von hier auf der Autobahn nach Berlin. Jenny arbeitet bei der Staatsbibliothek der Hauptstadt, ihr Freund ist Koch. Das Pärchen sitzt fast jedes Wochenende in fremden Pkws. «Bei den Bahn-Preisen ist das gar nicht anders zu machen», sagt sie. 70 Euro würde der Schienenkonzern für zwei Eurocity-Tickets kassieren. In dem blauen Astra fahren beide für 20 Euro mit. Die Spritkosten für den Trip sind damit fast gedeckt und Jenny und ihr Freund können fast vor der eigenen Haustür aussteigen – eine klassische Win-Win-Situation.

Während die Politik Mobilität zur «sozialen Frage» erklärt und die Autoindustrie eher erfolgsarm zum Bau sparsamerer Autos animiert, handelt das Volk und vernetzt sich: Die 16 Liter Super, die der Astra-Motor auf der Autobahn nach Berlin verbrennt, transportieren problemlos vier oder gar fünf Menschen - und nicht nur den Fahrer. «Ein erhebliches Sparpotenzial», sieht auch Daniel Kluge vom Verkehrsclub Deutschland. Ob sich diese Erkenntnis in Zeiten monatlich neuer Ölpreisrekorde stärker durchsetzt, wird erst klar, wenn das Bundesverkehrsministerium ab August erste Ergebnisse seiner neuen Mobilitätsstudie veröffentlicht. Kluge ist skeptisch: «Alte Gewohnheiten zu ändern, dauert oft etwas länger.» Laut der letzten Umfrage von 2002 sitzen in jedem fahrenden Auto – statistisch gesehen – nur 1,5 Personen.

Und die Hälfte aller Fahrten ist im Durchschnitt kürzer als sechs Kilometer – eine Distanz, die bei gutem Wetter mühelos auf dem Fahrrad zu überwinden ist. Aber selbst Frischluftmuffeln ist bereits geholfen: Zu den jüngsten Gründungen gehört das Netzwerk Citypendler.de, das Daniel Auener mit einem Studienkollegen in Berlin startete. Seit Juni können dort Kurzstreckenfahrer auf Google-Maps-Karten nach Gleichgesinnten suchen. Wer zur verabredeten Zeit an der Straßenecke steht, zahlt teils nur 50 Cent für den Weg zur Arbeit – die S-Bahn kostet viermal soviel. Auener sieht das Projekt zwar «noch entfernt von der kritischen Masse», aber zeigt sich «sehr zufrieden» mit den ersten Wochen. In weiteren Großstädten entdecken erste Nutzer das Citypendler-Netz. Genaue Nutzerzahlen hält Auener noch geheim.

Das Problem bei den Pendlern ist, dass sie nur einmal auf die Webseite kommen. «Wenn sie sich einmal gefunden haben, erwischen wir sie überhaupt nicht mehr», sagt Mario Pohle, Betreiber von in Erfurt ansässigen Portals mfz.de. Sind die Bande einmal geknüpft, lebt die Fahrgemeinschaft außerhalb des Webs weiter. Die Hauptkundschaft kommt eher spontan oder gelegentlich auf der Seite vorbei.

Doch die Zahlen steigen allerorten. Mitfahrgelegenheit.de sieht einem Rekordergebnis entgegen: «Wir verzeichnen Wochentags derzeit über 70.000 Besuche und bis zu 1,2 Millionen Seitenaufrufe», frohlockt Geschäftsführer Stefan Weber. Im gesamten Juni waren es 1,8 Millionen Besucher. Die Klicks dürften vor allem aus dem Osten kommen: Von Dresden aus gab es Mitte der Woche mehr als 17.000 Angebote, in Chemnitz 14.000, Berlin und Stuttgart folgten, Rang fünf hatte Würzburg.

Weber setzt nun auch auf Preiseffizienz beim Bahn fahren: Für Ende 2008 kündigt er den Start eines Portals für Ticket-Gemeinschaften an. Denn auch auf der Schiene lässt sich kräftig sparen: Mitfahrer von Bahncard-Inhabern zahlen auch nur die Hälfte, Gruppen- und Wochenendtickets ermöglichen Fahrten schon zum Gegenwert einer Kinokarte. Mehrere der gegründeten Portale dümpeln heute mit wenigen Angeboten vor sich hin. Doch das wird sich ändern.