Rauchverbot: «Sonneneck» – qualmfrei in den Ruin04. Jul 2008 14:19, ergänzt 19:15  |  Bleibt die Tür bald zu?
| Foto: nz/tst |
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Es klingt wie aus einer anderen Welt: Skadi Bernts Großvater durfte noch in der S-Bahn rauchen. Seit vier Tagen muss nun sogar ihre Gaststätte rauchfrei sein. Vor dem Jobcenter retten kann sie nur noch die Justiz. Von Tilman Steffen
Die blonde, resolute Dame führt ein kleines Unternehmen an einer Straßenecke im Berliner Nordosten: Eine Handvoll Tische, zwei Schritte von der Theke entfernt. Telefoniert wird per Münzfernsprecher, die Küche ist bürgerlich und die Preise sind moderat. «Meine Gäste kommen zu mir, um Kommunikation zu haben», sagt die blonde Mittvierzigerin, also sich treffen, Bier trinken, quatschen und eben auch rauchen. So war es zwei Jahrzehnte lang. Skadi Bernt ist unsicher, ob sie das 20-jährige Eröffnungsjubiläum im November noch feiern kann oder statt dessen zum Jobcenter gehen muss. Denn auch der heißeste Sommer ist einmal zu Ende.
Das spätestens seit Juli bundesweit geltende Rauchverbot in Gaststätten soll die Gesundheit von nichtrauchenden Gästen und Personal schützen. Die Restaurants kümmert das wenig. Es ist warm draußen, die Gäste sitzen lieber in der Sonne und beim Essen stört das Rauchen sowieso. Nur vereinzelt beschwerten sich Gäste, heißt es im «Alten Fritz» am Berliner Alexanderplatz. Die Gäste des spanischen «Las Olas» sind zu 75 Prozent Nichtraucher, erzählt der Wirt und lehnt sich entspannt an die Theke. Im Herbst werde er dann einen zweiten Gastraum aufmachen, für die Nikotinfreunde.Doch der gesetzliche Qualmbann bedroht die Existenz der Gastronomen, die täglich allein hinter der Theke ihrer Einraum-Kneipe stehen. Diese Wirte hoffen auf die für Ende Juli angekündigte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes über das Rauchverbot in Kleinkneipen. Die Richter entscheiden über ihre Existenz. Denn wer in der Eckkneipe sein Bier trinken geht, hat fast immer auch Zigaretten in der Jackentasche. Die Gesetze der Länder erlauben das Qualmen aber nur in abgetrennten Raucherräumen, in denen der Wirt nicht bedienen darf.
In Skadi Bernts «Sonneneck» führt eine Tür nach draußen, eine zur Küche und eine zur Toilette. Ein zweiter Gastraum ist nicht drin. Deshalb stehen die vier Männer auf dem schmalen Gehweg vor der Kneipe, in der Hand Gläser mit Bier und Zigaretten.
Die KlageEine der Klagen gegend das Rauchervot in Kleinkneipen hat die Berliner Wirtin Sylvia Thimm eingereicht, die seit 2002 das "Doors" im Szenestadtteil Prenzlauer Berg führt. Das Verfassungsgericht hat die Klage als eine der drei Musterklagen ausgewählt. Für Ende Juli ist die Entscheidung angekündigt. |
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Bis 1000 Euro Bußgeld sind fällig, wenn der Wirt Gäste rauchen lässt. Ein hohes Risiko, das Skadi Bernt nicht eingehen will. Zwar gibt sich die Berliner Bezirksverwaltung moderat: «Vorerst gibt es keine gezielten Kontrollen», entwarnt Jens-Holger Kirchner, Chef des Ordnungsamtes. «Wir schnüffeln keinem hinterher.» Doch auf Hinweise und Anzeigen müsse er schon reagieren. Und da ist ja immer noch die Wirte-Konkurrenz, die von der nächsten Straßenecke aus beobachtet, ob im «Sonneneck» Zigaretten glimmen oder nicht. Die Sonne sinkt, den Gastraum betreten Ulrike und Renate. An der Theke gibt es Küsschen links, Küsschen rechts, man kennt sich. «Die beiden würden gern mit den Männern draußen quatschen, aber sie rauchen selber nicht», erklärt Skadi Bernt, während sie zwei Pils einlässt. Die Frauen sitzen lieber am Tisch. Anfang der Woche ließ man sich drinnen noch gemeinsam nieder. Doch seit das Rauchverbot in Gaststätten verbindlich gilt, ist es mit der Gemeinschaft im «Sonneneck» vorbei.
Forum- » Diskutieren Sie mit!Rauchverbote in Flugzeug, Bus, Bahn, Gaststätten ... Für Raucher ist es eng geworden. Nur noch wenige Ausnahmen sind möglich. Angemessener Nichtraucherschutz oder Amoklauf der Politik? Was meinen Sie?
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Wo andere Restaurants sich gerade im Sommer üppig ins Freie verbreitern, kann Skadi Bernt Raucher nur auf den Gehweg schicken. Straßentische haben auf dem schmalen Trottoir keinen Platz. Bis Ende Juni war das kein Problem, das «Sonneneck» hat die von Berlin gewährte Kneipenraucher-Schonfrist voll ausgenutzt. Nun, da sie die Ascher wegräumen musste, werde ihr Umsatz um 40 Prozent schwinden, prophezeit die Wirtin. Der Gaststättenverband Dehoga führt Wirtschaften an, die 70 Prozent weniger in der Kasse hatten, nachdem sie das Rauchverbot vollzogen. Derzeit sichert das warme Sommerwetter den Umsatz noch, drin sitzen will sowieso keiner. Skadi Bernt verdrängt den Gedanken an Ende September, wenn es kühler wird. 80 Prozent ihrer Kundschaft sind Raucher, sagt sie. «Die Gäste haben mir gesagt, wenn sie drinnen nicht rauchen dürfen, trinken sie ihr Bier zuhause.» Vielleicht rettet ja die Justiz Skadi Bernt vor dem Jobcenter. Selbst Ordnungsamtschef Kirchner würde den Einraumkneipern gönnen, dass sie die Ascher wieder rausstellen dürfen: «Ich würde das für vertretbar halten.»
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