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Vom Schulversager zum Attentäter: 

Psychogramm eines Gotteskriegers

01. Jul 2008 21:18
Youssef El H.
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Ein Anschlag als «Schrei nach Anerkennung» eines jungen Mannes: Der mutmaßliche «Kofferbomber» ließ sich von seiner Isolation und radikalen Botschaften aus dem Internet treiben. Vor Gericht haben die Psychologen seinen Kopf ausgeleuchtet.

Wie in Trance wippt Youssef El H. (23) hin und her. Mal scheint er verärgert, mal grinst er verlegen. Das Bild, das der Psychiater Professor Norbert Leygraf und der Psychologe Norbert Schalast von ihm zeichnen, macht den Libanesen am Dienstag im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts sichtbar nervös. Keinen kaltblütigen Killer Osama bin Ladens, keinen selbstlosen Märtyrer des Heiligen Krieges haben die Gutachter in dem jungenhaften Angeklagten entdeckt – sondern einen Studienversager mit Psycho-Krise und Selbstwertproblem.

Der mutmaßliche «Kofferbomber von Köln» ist nach Ansicht der Gutachter in die Rolle des Gotteskriegers geschlüpft, weil er dem Erwartungsdruck seiner Eltern nicht gerecht werden konnte, die ihn als Diplom-Ingenieur aus Deutschland zurück erwarteten. Stattdessen hatte er es bis zum Anschlagversuch auf zwei Regionalzüge Ende Juli 2006 nicht einmal geschafft, sich einen Studienplatz zu besorgen. Das monströse Attentat sei ein «Schrei nach Anerkennung» gewesen, die ihm an der Uni und bei Frauen versagt geblieben war, stellten die Mediziner fest.

Hetze aus dem Internet genügt

Für die Sicherheitsbehörden ist die Gutachter-Diagnose gleichwohl unheilvoll: Demnach braucht es keine straffe Terror-Organisation und keine Schulung in afghanischen Al-Qaeda-Lagern, um zum islamistischen Attentäter in Deutschland zu werden. Die Propaganda-Hetze aus dem Internet, eine gescheiterte Integration und einige persönliche Rückschläge reichen aus. Der Islamismus wirkt dann als Katalysator: Wer die Geselligkeit des Westens mit Alkohol und Frauen meidet, steigert seine Isolation und seine Abhängigkeit von radikalen Freunden.

Youssef El H. ist durchschnittlich intelligent, aber nicht gerade fleißig und diszipliniert. Seine schlechten Deutschkenntnisse tun ein Übriges, um als Student in Deutschland einen glatten Fehlstart hinzulegen. In dieser Situation habe er «Halt in der Religion gefunden», hatte er vor Gericht ausgesagt. Dieser Halt trieb ihn in Kiel auf die Straße, um lauthals gegen die Mohammed-Karikaturen zu protestieren. Schließlich, das hat er gestanden, widmete er sich in Köln dem Bombenbau.

Vergleichbar mit Weltbild der Nazis

Der Libanese wirke nach außen hin «ausgesprochen freundlich und unaggressiv», berichtete Leygraf. Mit seinem islamistischen Weltbild habe er dennoch die wahllose Tötung unschuldiger Menschen planen und vor sich rechtfertigen können. Dies sei vergleichbar mit Nazi-Verbrechern, die sich bei ihren Massenmorden ebenfalls moralisch im Recht gesehen hätten.

Als jüngstes von 13 Kindern war Youssef El H. nach eigener Aussage als verwöhntes «Nesthäkchen» aufgewachsen. «Er war an einem Punkt angelangt, an dem er seinen Eltern sein beschämendes Scheitern hätte eingestehen müssen», sagte Leygraf. In dieser Situation habe er sich mit einem spektakulären Attentat für eine andere Form von «Ruhm» entschieden. Dies zeige sich auch darin, dass er als Nummer 13 der Familie während der Tat ein Trikot des Fußball-Stars Michael Ballack mit der Rückennummer 13 getragen habe. «Seine narzisstischen Wunschvorstellungen kann man symbolisch nicht besser verdichten», sagte Schalast.

Die letzten Hemmungen beseitigt

Kurz vor der Tat sei dann noch einer seiner Brüder bei einem israelischen Luftangriff im Libanon ums Leben gekommen. Außerdem starb sein großes Idol, der Terroristenführer Abu Mussab al-Sarkawi, im Irak. Dies habe möglicherweise «letzte Hemmungen beseitigt», um vom Sympathisanten zum Kämpfer zu werden. (Von Frank Christiansen, dpa)

 
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