Zentralrat der Juden zu Sen-Affäre:
Solidarität nach «politischem Attentat»
30. Jun 2008 14:43
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| Foto: AP |
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Vor fünf Jahren erhielt Faruk Sen für seinen Einsatz für die deutsch-türkischen Beziehungen noch das Bundesverdienstkreuz. Jetzt soll seine Bilderbuch-Karriere jäh zu Ende gehen. Er sieht sich als Opfer.
Im Essener Zentrum für Türkeistudien, das der heute 60-Jährige über Jahrzehnte hinweg aufgebaut und geleitet hat, hat Sen neuerdings Hausverbot. Die Türschlösser sind ausgewechselt, der Dienstwagen ist entzogen. Ein Beitrag für die kleine türkische Zeitung «Referans» soll ihm den Job kosten.
In dem Artikel war Sen einem jüdischen Unternehmer öffentlich zur Seite getreten, der in der Türkei mit antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen hatte. Um die Türken daran zu erinnern, dass seine Landsleute in vielen Ländern Europas wie die Juden ebenfalls in der Minderheit sind und gegen Vorurteile zu kämpfen haben, hatte er die Türken dabei als «neue Juden Europas» bezeichnet.Für diese Wortwahl hat Sen sich längst entschuldigt. «Das ist natürlich etwas unüberlegt gewesen», sagte er. Doch er vermutet, dass ganz andere Gründe hinter dem Antrag des Stiftungsvorstands stehen, ihn zu entlassen. Sen sieht sich als Opfer eines «politischen Attentats», glaubt, «dass mehr dahintersteckt». «Ich gehe davon aus, dass man auf so einen Anlass gewartet hat, um mich loszuwerden.»
Merkel ist schlecht für die Türken
Gegen seinen Rausschmiss will er, falls das Stiftungskuratorium dem Vorstand folgt, vor Gericht ziehen. Den Zentralrat der Juden hat er dabei auf seiner Seite. Sen sei weder ein Holocaust-Relativierer noch ein Antisemit, schrieb der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, in einem Brief an den nordrhein-westfälischen Integrationsminister und Kuratoriumsvorsitzenden Armin Laschet. Seine anstehende Entlassung sei «unseriös».Tatsächlich hat sich der SPD-Mann Sen in den Reihen der CDU in der Vergangenheit nicht nur Freunde gemacht. Und an der Spitze des Stiftungskuratoriums steht seit dem Regierungswechsel in NRW im Jahr 2005 mit Armin Laschet ein CDU-Minister. Dass Sen den Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2006 als «reine Showveranstaltung» bezeichnete, trug nicht zur Verbesserung seines Verhältnisses zur NRW-CDU bei.
Um Verdienste betrogen
«Merkel ist schlecht für die Türken in Deutschland», hatte er einem Bericht von «Spiegel Online» zufolge vor der Bundestagswahl 2005 in einem Interview mit der türkischen Zeitung «Hürriyet» gesagt. Überhaupt sieht sich der ehrgeizige Wissenschaftler, der als 23- Jähriger nach Deutschland kam, immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, in seinem Geburtsland Türkei keineswegs so vermittelnd und loyal aufzutreten wie in Deutschland.
Dort wandele er sich zum «Mustertürken», der anti-türkischen EU- Rassismus beklage, schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien hält dem beurlaubten Direktor zudem vor, das Vertrauen in das Institut schon in der Vergangenheit beschädigt zu haben. Insbesondere in türkischen Medien vermittele Sen einen verzerrten Eindruck vom Zusammenleben von Deutschen und Türken und polarisiere mehr, als dass er zur Integration beitrage, heißt es in dem Vorstandsbeschluss.Faruk Sen sieht sich um seine langjährigen Verdienste betrogen. Dem Institut, dessen Leitung er 1985 übernahm, hatte der promovierte Betriebswirt sogar zu einem beratenden Status bei den Vereinten Nationen verholfen. Am 18. Juli entscheidet das Stiftungskuratorium in einer Sondersitzung über die Zukunft Sens. (Anja Semmelroch, dpa)