Türken die «neuen Juden Europas»:
Sen soll nach umstrittenen Vergleich gehen
26. Jun 2008 18:44
 |  Hatte schon länger Differenzen mit dem Vorstand: Faruk Sen | Foto: dpa |
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Der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien in Essen hat beschlossen, ihren Direktor wegen seines Vergleichs von Türken und Juden abzuberufen. Sen will sich juristisch dagegen wehren.
Weil er die Türken als die «neuen Juden Europas» bezeichnet hat, soll der Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT), Faruk Sen, mit sofortiger Wirkung entlassen werden. Der Vorstand hat am Donnerstag nach eigenen Angaben einen entsprechenden Antrag beim Düsseldorfer Integrationsminister und Kuratoriumsvorsitzenden Armin Laschet gestellt. Sen kündigte an, sich mit juristischen Mitteln gegen seine drohende Abberufung wehren zu wollen.
Der 60-Jährige hatte die Situation der in Europa lebenden Türken in einem türkischen Zeitungsbeitrag mit der Judenverfolgung in der Nazizeit verglichen und damit heftigen Widerspruch ausgelöst. Nach einem Bericht der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hatte der Wissenschaftler die türkischstämmige Bevölkerung als die «neuen Juden Europas» bezeichnet. Obwohl sie seit 47 Jahren in Mittel- und Westeuropa beheimatet seien, würden sie « - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Erscheinungsformen - wie die Juden diskriminiert und ausgeschlossen».
«Hat dem Ruf des Zentrums schwer geschadet»
Nach seiner Krisensitzung sagte der Vorstand nun, der 60-Jährige habe dem deutsch-türkischen Verhältnis und dem Ruf des Zentrums schwer geschadet. Durch seine Äußerungen vermittle der Direktor insbesondere in den türkischen Medien einen verzerrten Eindruck über das Zusammenleben von Deutschen und Türken und polarisiere damit, statt zur Integration beizutragen. Wann das Kuratorium über den Antrag des Vorstands entscheide, ist nach Angaben einer Sprecherin des Integrationsministeriums noch unklar. Der dem Kuratorium angehörende stellvertretende FDP-Landtagsfraktionschef Christian Lindner sagte, seine Partei unterstütze die Entscheidung des Vorstands. Das Zentrum brauche nun einen personellen und wissenschaftlichen Neuanfang.
Einstimmige Entscheidung
Der einstimmig gefassten Entscheidung des Vorstands zur Abberufung Sens ging offenbar schon ein länger schwelender Konflikt voraus: So hieß es in der Begründung, nicht nur die jüngsten öffentlichen Äußerungen hätten dem Vertrauensverhältnis einen schweren Schaden zugefügt. Sen sei bereits mehrfach vom Vorstand auf seine Pflichten hingewiesen worden, weil er fortlaufend gegen den Stiftungszweck verstoße. Trotz aller bisherigen Verdienste sehe der Vorstand für die zukünftige Entwicklung des Zentrums daher keine Alternative zur Abberufung. Sen ist seit Gründung des Zentrums im Jahr 1985 als Direktor im Amt.
Sen nahm an Krisensitzung nicht teil
Er selbst konnte laut ZfT aufgrund einer Erkrankung nicht an der Krisensitzung teilnehmen. Dem Vorstand lag jedoch eine schriftliche Stellungnahme des Direktors vor. Nach einem Gespräch mit dem früheren Vizevorsitzenden des jüdischen Zentralrats, Michel Friedman, äußerte Sen demnach erneut sein Bedauern über die Verwendung der Bezeichnung «Neue Juden Europas» in dem Artikel. Es sei vollkommen klar, «dass nicht nur das Schicksal der Juden in der Nazizeit und das der Türken unvergleichbar sind». Auch habe die gesamte 2000-jährige Geschichte der Judenverfolgung eine einmalige Qualität, die historische Vergleiche überhaupt verbiete. Sen wolle dies in seiner nächsten Kolumne in dem türkischen Blatt klarstellen.
Laut Vorabmeldung der «tageszeitung» will sich Sen nun juristisch gegen die Entscheidung des Vorstands wehren. Sie sei eine Überreaktion, absolut falsch und für ihn nicht hinnehmbar, erklärte er demnach. (AP)