Kanzlerkandidat der SPD: Schonfrist für Steinmeier26. Jun 2008 13:47  |  Beck (r.) und Steinmeier in der Parteivorstandssitzung
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Langsam erholt sich die SPD vom 20-Prozent-Umfragetief. Als Kanzlerkandidat sehen Beobachter eher Parteivize Steinmeier als den Vorsitzenden Beck. Doch die SPD würde sich mit dem Außenminister im Kampf gegen die mächtige Merkel-Union wichtiger Optionen berauben, meint Tilman Steffen.
Beck ist ein Mann des Volkes. Bodenständig, einer vom Lande, ein Maurersohn, der selbst Elektriker lernte. Er ist das Gegenprogramm zu den Berufspolitikern, die als Rechtsanwälte und anderweitig Studierte in Parlamente, Ministerien und Staatskanzleien einzogen. Die Verantwortung, SPD-Chef zu werden, hatte Beck nicht übernommen. Das Amt überfiel ihn, als der kranke Müntefering-Nachfolger Matthias Platzeck sich nach wenigen Monaten zurückziehen musste. Sich darüber klar zu werden, ob er das alles überhaupt will und kann, dafür hat Kurt Beck nie wirklich Zeit gehabt.
Er spricht Volkes Sprache, dafür kaum Englisch. Er schämt sich nicht dafür. Das ist zunächst einmal kein Problem. Denn Beck ist echt. Wenn es bei ihm eine Inszenierung gibt, dann ist es sein unbewusstes Setzen auf Authentizität. Sein Vorvorvorgänger Gerhard Schröder kam zwar auch aus einfachem Hause, nutzte das Mittel der Selbstdarstellung jedoch immer stark, um seinen Zielen näher zu kommen. Unter anderem mit «Brioni»-Werbeanzeigen ging er in die jüngere deutsche Geschichte ein. Einer, der Bundeskanzler werden will, muss vieles können: sein Land in der Welt verkaufen, die Politik seiner Regierung und seiner Partei nach der Wahl dem eigenen Volk vermitteln. Und vor allem muss er erfolgreich um Stimmen für seine Wahl werben. Mängel des Kandidaten an diesen Grundfähigkeiten können auch noch so brillante Berater nicht erfolgreich kompensieren. Für Beck war noch keine Gelegenheit, im Ausland repräsentierend aufzutreten. An den anderen Kompetenzen fehlt es gründlich, was wiederum einen Erfolg bei ersterem ausschließt.
Dabei wären die Grundvoraussetzungen gar nicht schlecht: Von den Menschen, die zur Bundestagswahl gehen würden, wählen die Ärmeren am ehesten SPD. Doch CDU/CSU liegen in dieser immerhin wachsenden Bevölkerungsgruppe nur einen Prozentpunkt entfernt (31 Prozent laut ARD-Deutschlandtrend/infratest dimap). Nicht einmal die Ärmeren trauen also der SPD wirklich mehr zu als der politischen Konkurrenz. Und alle anderen, die im Haushalt monatlich 1500 Euro und mehr netto haben, vergrößern den Abstand zwischen den Volksparteien: In der Gunst derer, die ab 3000 Euro Haushaltseinkommen erzielen, fällt die SPD unter 20 Prozent, die Union steigt auf mehr als 40. Wenn schon die Politik der einstigen Arbeiterpartei nicht taugt, die sozial Schwächeren zu überzeugen, bliebe Beck die Chance, diese Gruppe wenigstens als Person zu gewinnen. Seine Herkunft, sein Habitus müsste doch die Wachschützer, Lagerarbeiter, Friseurinnen und Arbeitssuchenden Deutschlands zu SPD-Wählern machen. Auch weil Beck in diesen Monaten innerparteilich stark unter Druck steht, wäre er die Sympathie der Masse wert. Doch die Solidarität mit dem Schwachen setzte bisher nicht ein. Beck ist unbeliebt, nur noch ein Fünftel der Bundesbürger will ihn als Merkel-Herausforderer.
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Schade, dass es Beck nicht gelingt, seine Bodenständigkeit in Sympathiepunkte zu wandeln. Im Gegenteil: Mit einem arbeitslosen Bartträger aus Mainz legte sich der SPD-Chef sogar öffentlich an. («Wenn Sie sich waschen und rasieren, kriegen sie einen Job!») Am Ende behielt Beck zwar Recht, der durch die Begebenheit bekannt gewordene Mann wurde - bartlos - Musikredakteur in Frankfurt. Doch schon damals bewies Beck, dass er schnell überfordert ist. Jüngster Beleg dafür ist sein Zornesgeheul während einer Sommerreise mit Journalisten durch sein Bundesland («Schreiben Sie doch: Beck macht alles falsch!»), währenddessen seine Zuhörer peinlich berührt zu Boden blickten. Nun brüten Parteistrategen an einem Szenario, wie weiterer Schaden von der Partei abzuwenden ist: Der beliebte und integre Außenminister und Parteivize Frank-Walter Steinmeier könnte Beck als Kanzlerkandidat ersetzen. Doch das hieße, den aussichtsreichen Herausforderer in der aus heutiger Sicht für die SPD aussichtslosen Bundestagswahl zu verbrennen. Dann lieber Beck gegen Merkel verlieren lassen. Er kann auch als Verlierer in Mainz am Machterhalt arbeiten. Und Steinmeier kann immer noch antreten. Zur übernächsten Bundestagswahl ist er 57 Jahre alt.
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