Ernährungsprogramm gegen Übergewicht: 

netzeitung.deBundesregierung will Dicken an den Speck

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Ernährungsprogramm gegen Übergewicht 

Lupe Bundesregierung will Dicken an den Speck

«Nicht mit der Keule» sollen die Deutschen von gesünderer Ernährung überzeugt werden, sondern mit einem Programm, das 30 Millionen Euro kostet. «Zeitverschwendung» nennen das die Grünen.

Mit einem Nationalen Aktionsplan will die Regierung die Deutschen überzeugen, sich gesünder zu ernähren und besser zu bewegen. Dabei setzt sie auf Aufklärung, lehnt aber strengere Vorschriften etwa zur Kennzeichnung von Dickmachern bei Lebensmitteln oder Werbeverbote ab. Das Kabinett billigte am Mittwoch das Programm, das in den nächsten drei Jahren 30 Millionen Euro kosten soll.

Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) versicherte, dass der Bund bei seinem Programm gegen Übergewicht «nicht diskriminieren» und auch nicht mit Verboten vorgehen wolle. Er distanzierte sich denn auch von der Formel «Fit statt Fett» und unterstrich den Anspruch, «Deutschland in Form» bringen zu wollen. Für diese Überzeugungsarbeit hin zu einer Verhaltensänderung sei «ein langer Atem» notwendig. Daher sei das Programm bis ins Jahr 2020 angelegt.

Hintergrund sind dramatische Zahlen. So sind Statistiken zufolge 37 Millionen Erwachsene und zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland zu dick oder sogar krankhaft übergewichtig. Die Behandlung von Krankheiten, die von falscher Ernährung oder zu wenig Bewegung verursacht werden, kostet nach Regierungsangaben 70 Milliarden Euro pro Jahr.

«Ehrgeizige Ziele»
Eines der Hauptziele des Aktionsplans ist demnach die Vernetzung bestehender Angebote. In Deutschland würden bereits dreistellige Millionenbeträge, wenn nicht gar Milliarden für Gesundheitsförderung ausgegeben, sagte Seehofer zu den vergleichsweise geringen Finanzmitteln für den Aktionsplan.

Bis 2020 wolle man erreichen, dass sich der Trend zu immer mehr Übergewicht und immer mehr vermeidbaren Krankheiten umkehre und sich die Gesundheitssituation der Bevölkerung verbessere, sagte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). «Das sind ehrgeizige Ziele.» Sie müssten aber auch erreicht werden, um die Sozialsysteme auf Dauer finanzierbar zu halten.

Jährlich erkrankten allein 210 Kinder und Jugendliche an der sogenannten Altersdiabetes, sagte Schmidt. Es wäre ein Erfolg, wenn es künftig nur noch 170 oder 160 seien. Die Erfolge des Aktionsplans insgesamt sollen bis 2020 sowohl mit der Gesundheitserhebung über Kinder und Jugendliche als auch über die langfristige nationale Verzehrstudie überprüft werden.

Gesünderes «Essen auf Rädern»
Für das Aktionsprogramm soll eine gemeinsame Geschäftsstelle beider Ministerien eingerichtet werden. Geplant sind für dieses Jahr zudem unter anderem eine Internetplattform, die Weiterentwicklung bestehender Programme (»Leben hat Gewicht», «3000 Schritte extra»), die Veröffentlichung von Qualitätsstandards für Kindergarten-Essen sowie die Förderung der «Vernetzungsstellen Schulverpflegung» und von «Kompetenzzentren für Bewegungsförderung». In den nächsten Jahren folgen ähnliche Projekte, unter anderem für gesünderes «Essen auf Rädern» und bessere Krankenhausverpflegung.

Die Grünen kritisierten das Programm als «Sammelsurium von bürokratischen Aktivitäten» und als Zeitverschwendung. «Dieses Schneckentempo reicht nicht zur Lösung der vielfältigen Probleme in der Ernährungspolitik», meinte Verbraucherexpertin Ulrike Höfken.

Der Zentralverband der Werbewirtschaft hingegen begrüßte, dass die Regierung auf «aufgezwungene Selbstzensur» bei kommerzieller Werbung verzichte. Die jetzige Reglementierung reiche aus. (dpa/AP)