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Neue Pflicht in Marburg: 

Auf jedem Dach eine Solaranlage

21. Jun 2008 14:21
So wie dieses Dach werden bald ganz viele Dächer in Marburg aussehen
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«Wir wollen von Marburg aus nicht die Welt retten», sagt ein verantwortlicher Stadt-Politiker, aber eine kleine Revolution ist es dennoch: Jeder muss bei größeren Renovierungen zusätzlich einen Sonnenkollektor installieren.

Als erste deutsche Stadt will Marburg Solaranlagen auf Hausdächern flächendeckend zur Pflicht machen. SPD, Grüne und Linke setzten im Stadtparlament am späten Freitagabend eine entsprechende Neuregelung durch. Vom 1. Oktober an müssen Bauherren bei größeren Umbauten sowie bei Neubauten Sonnenkollektoren auf dem Dach installieren - sonst droht ihnen ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro. Damit will die hessische Stadt in Zeiten von Rekordpreisen für Energie unabhängiger von großen Stromkonzernen werden.

Allerdings gibt es noch eine Hürde: Das Regierungspräsidium Gießen als Aufsichtsbehörde muss der neuen Solarsatzung noch zustimmen. Die Behörde hatte im Vorfeld rechtliche Bedenken geäußert. Im Stadtparlament stimmten CDU, FDP und «Marburger Bürgerliste» dagegen. Die Gegner der Solarpläne kritisieren die Satzung als Eingriff in die Eigentumsrechte der Bürger und Verstoß gegen die hessische Bausatzung.

«Wir wollen von Marburg aus nicht die Welt retten und erheben auch nicht den Anspruch, den Klimaschutz zu revolutionieren», begründete Bau-Bürgermeister Franz Kahle von den Grünen den Beschluss. «Aber wir müssen Neuland betreten, um für die Zukunft eine öl- und gasunabhängige Energieversorgung zu gewährleisten.»

Eine Reihe von Ausnahmen

Mit der Satzung wird der Einsatz von Sonnenkollektoren für Privat- und Gewerbegebäude verpflichtend. Die Regelung greift, wenn an Gebäuden die Dächer auf einer Fläche von mehr als 20 Prozent erneuert, Heizungsanlagen ausgetauscht werden oder ein Anbau geplant ist. Die Kosten müssen die Hausbesitzer selbst tragen. Die Stadt rechnet für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit einer Belastung von mindestens 4000 Euro.

Vorgesehen sind allerdings eine Reihe von Ausnahmen: So gilt die Regelung beispielsweise nicht für die beiden Wahrzeichen Marburgs, das Landgrafenschloss und die Elisabethkirche, sowie für das Rathaus. Weitere Ausnahmen sind Häuser, deren Dächer immer im Schatten liegen, und Kühlhäuser.

Die meiste Energie wird in Altbauten verbraucht

Mit der Neuregelung geht die Verwaltung weit über alle bisherigen Bundes- oder Landesgesetze hinaus. «Das Vorhaben in Marburg scheint in der Tat sehr innovativ», lobte auch der Bundesverband der Solarwirtschaft. «Solarthermie» ermöglicht es, aus Sonnenlicht Wärme zu erzeugen, die zum Baden und Duschen, aber auch als Unterstützung von Heizungen verwenden werden kann.

Etwa 60 Prozent der Trinkwassererwärmung eines Haushalts kann eine thermische Solaranlage erledigen. Das Heizen mit Erneuerbaren Energien hat in Deutschland ein gewaltiges Potenzial, aber eine magere Quote: Gerade einmal sechs Prozent der Heizwärme wird bisher aus Quellen wie Solarkollektoren, Holzpellets, Biogas oder Geothermie gewonnen. Mit Hilfe des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes will die Bundesregierung bis 2020 eine Quote von 14 Prozent erreichen.

Marburg will mehr. Die Satzung zur Nutzung der Solarenergie geht über die ambitioniertesten Länder- und Bundesgesetze hinaus. «Wir sind konsequenter», sagte Bürgermeister und Baudezernent Franz Kahle bereits vor einigen Monaten mit Stolz. «Es ist ja schön und gut, wenn man die Vorschriften für Neubauten verschärft. Aber die meiste Energie werde in Altbauten verbraucht.» Es gelte die Faustformel: Je höher die Energiekosten, desto rentabler die thermische Anlage. (dpa/AP)

 
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