«Zwangsehe»:
Große Koalition ganz klein
16.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
In der Frage, ob die Bürger im neuen Personalausweis ihren Fingerabdruck speichern lassen wollen oder diesen lieber für sich behalten, konnten sich Schäuble und Zypries nicht einigen. Nun ist der Fingerprint freiwillig. Doch was bewirkt das, außer einen Generalverdacht gegen alle Nicht-Speicherer? Auf einen freiwilligen Fingerabdruck kann der Staat politisch doch gleich verzichten.
Das Weißbuch für die Bundeswehr, ein Dokument, das Aufgaben und Struktur des deutschen Militärs an die Anforderungen der Neuzeit anpassen sollte, ist nicht über das Entwurfsstadium hinaus gekommen und auf dem Weg ins Archiv.
Beim Thema Mindestlohn hangelt sich die Koalition mit der Bildung von Arbeitsgruppen von Teilerfolg zu Teilerfolg. Zu weit liegen die Grundvorstellungen von Union und SPD auseinander. Beim Umgang mit den hohen Managergehältern sieht das Ergebnis ähnlich aus, beim Arbeitslosenversicherungsbeitrag verzögert die SPD mittels der Anmeldung von «Prüfbedarf».
Die Entfernungspauschale strichen die Regierenden für Kurzstreckenpendler, um kurz darauf den Arbeitnehmern zu ermöglichen, sich den Steuervorteil via Lohnsteuerkarte doch zu holen freilich verbunden mit dem Risiko der Nachzahlung. Denn Kläger brachten das Gesetz bis vor das Bundesverfassungsgericht, dorthin, wo auch Schäubles Luftsicherheitsgesetz zu Fall kam.
Die Ziele, die Kinderbetreuung auszubauen oder die Neuverschuldung des Bundes zu beenden, liegen in der kommenden Wahlperiode. Speziell die Haushaltskonsolidierung läuft Gefahr, vom Wahlkampf zerrieben zu werden, weil sich die Befürworter von Steuersenkungsversprechen durchsetzen. Beim Betreuungsausbau verständigte man sich auf Drängen der Konservativen darauf, dass ein Betreuungsgeld für daheim erziehende Mütter eingeführt «werden soll» ein butterweicher Kompromiss, um die Gesichter zu wahren.
Kindergeld: Das könnte noch was werden. Aber erst im Herbst, wenn die Regierung über ihre Erkenntnisse berichtet hat, was ein Mensch zur Existenz mindestens braucht. Danach wollen die Partner über Steuerfreibeträge für Kinder und das Kindergeld entscheiden.
Scheitert auch das, bleibt die erste Große Koalition des angebrochenen Jahrtausends zumindest mit einem Projekt in Erinnerung: Der größten Steuererhöhung der Geschichte. Und alles, was nicht realisiert ist, hat zumindest einen Vorteil: Es lässt sich im Wahlkampf prima nutzen, der anderen Seite Untätigkeit oder Verzögerungstaktik vorzuwerfen. Denn dass aus den einstigen Partnern erbitterte Gegner werden, ist nur noch eine Frage weniger Monate.

