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Bildung in Deutschland: 

Dieses Land ist einfach zu blöd

16. Jun 2008 14:32
Wer gute Bildung will, muss Geld ausgeben
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«Billig zu haben ist Bildung nicht», kommentiert «Berliner Zeitungs»-Redakteur Harald Jähner. «Billig sind nur die Phrasen, mit denen die Politik an Pathos ausgibt, was sie an nötigen Ausgaben spart.»

Der nationale Bildungsbericht ist ein Wunderwerk der Statistik. Seine Berichtsaufgabe ist, das muss man einfach wörtlich zitieren, «die summative Bewertung des gesamten Bildungsgeschehens einschließlich seiner non-formalen und informellen Komponenten». Das heißt, man will von dem Bericht wissen, was Deutschland weiß und was nicht, und vor allem, ob es was dazulernt. Seit dem sogenannten Pisa-Schock erforscht ein ganzes Konsortium von statistischen Institutionen im Auftrag der Bundesregierung kontinuierlich den Bildungsstand der Nation, von den Kleinkindern bis zu den Alten, und das anhand aller Daten, die es dazu irgend bekommen kann.

Das sind naturgemäß niemals genug. Deshalb wird derzeit an neuen Verfahren gefeilt, mit denen sich die Kompetenz von Dreijährigen messen, der Migrationsstatus von Einwandererkindern darstellen und der individuelle Bildungsverlauf der Deutschen im Erwachsenenalter ermitteln lässt. Vorgenommen hat man sich für die nahe Zukunft ein geradezu verwegen genaues Bild des Bildungsgeschehens in Deutschland.

Dieses Land ist einfach zu blöd

In groteskem Gegensatz zu dieser ehrgeizigen Raffinesse der Bildungsforscher steht ihr Forschungsbefund: Dieses Land ist einfach zu blöd. Noch immer verlassen fast acht Prozent eines Altersjahrgangs die Schule ohne Abschluss. 40 Prozent der ehemaligen Hauptschüler haben nach zwei Jahren noch keine Berufsausbildung begonnen. Der Zentralverband des Handwerks hält jeden vierten Jugendlichen für nicht ausbildungsfähig. Es studieren noch immer zu wenig junge Menschen; die Weiterbildung stagniert, die Benachteiligung von Migrantenkindern bleibt bestehen. Abhilfe ist kaum in Sicht. Laut Bildungsbericht wird der Nachwuchs an Lehrern und Erziehern immer knapper.

Bildung, Bildung!, sagt Merkel - aber es klingt hohl
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Schlicht zu blöd ist man freilich auch an der Spitze, man kann das kaum charmanter formulieren. Denn gelernt hat man dort aus dem gründlichen Wissen über den deutschen Bildungsrückstand nichts. Trotz allen Geredes um «Bildung als Zentralressource» und «Bildung für alle» und «Wissen als Rohstoff der Zukunft» ist der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland sogar gesunken.

Billig sind nur die Phrasen

Billig zu haben ist Bildung aber nicht; billig sind nur die Phrasen, mit denen die Politik an Pathos ausgibt, was sie an nötigen Ausgaben spart. Elf schlecht genützte Jahre ist es her, da rief Bundespräsident Roman Herzog die Bildung als «Megathema» aus. Im selben Jahr erhob der CDU-Parteitag die Bildung zur sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Jetzt redet Angela Merkel, als hätte sie das Thema neu entdeckt: Bildung sei die zentrale Aufgabe des kommenden Jahrzehnts. Die Bundesrepublik müsse eine Bildungsrepublik werden. Sie wolle zu einer Bildungsreise durch die Republik aufbrechen - vom Kindergarten zur Seniorenfakultät. Die Reise werde auf einen gemeinsamen Bundesgipfel von Bund und Bundesländern führen. Ist das nicht eine ermutigende Nachricht?

Tatsächlich sollte sie die Reise sich und uns ersparen. Statt eine Vielzahl von Bildungseinrichtungen zusätzlich mit ihren Stippvisiten zu belasten, sollte sie ein paar Tage an ein und derselben Stelle hospitieren, sagen wir in einer durchschnittlichen Kindertagesstätte, dort, wo jeder künftige Bildungswille gesät wird. Dort könnte sie versuchen, zwanzig lärmenden Kindern jene frühkindliche Qualifikation zu vermitteln, von denen ihre Bildungspolitiker so gerne träumen.

Tage der Überforderung

Fünf Kinder auf eine Erzieherin gelten in der Pädagogik als gute Gruppengröße, bei der Drei- bis Fünfjährigen spielerisch Wissen, Neugier und Lernbegierde vermittelt werden kann. Zehn Kinder auf eine Erzieherin sieht das Kitaförderungsgesetz als Richtwert vor. In Wahrheit aber kommen in Berlin fünfzehn Kinder im Schnitt pro Erzieherin zusammen, in Spitzenzeiten noch weit mehr.

So vergeht an der Kita, die Angela Merkel erleben würde, Tag um Tag, an denen nicht gelernt, sondern bloß verwahrt wird. Solche Tage sinnlicher Anschauung von Überforderung wünscht man sich der Kanzlerin neben der ausgefeilten Statistik des Bildungsberichts. Tage, an denen eben nicht von den Kindern die Entstehung von Rost untersucht werden kann, an denen keine Salzkristalle beobachtet werden und nicht ins Museum gegangen wird. Tage, an denen nicht gemalt, an denen nicht über den Sternenhimmel gesprochen wird. Tage, die einfach nur vergeudet werden, weil es an Personal und Geld und politischem Willen fehlt.
[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

 
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