Unterstützung für Frauen:
«Frühstart» soll Müttern helfen
09. Jun 2008 11:44
 |  Um solche Tragödien zu verhinder, soll Eltern besser geholfen werden | Foto: AP |
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Arbeit, Kinder und ein Vater, der sich selten kümmert, mit dieser Belastung fühlen sich viele Mütter oft überfordert. Damit den Kinder kein Unglück geschieht, sorgt nun eine Initiative für Hilfe.
Die junge Frau stand kurz vor dem Zusammenbruch. Mit fünf Kindern und einem Mann, der meist unterwegs auf Montage ist, fing ihr Tag um vier Uhr an und endete gegen Mitternacht. Das war zu viel. Familienhebamme Manuela Nitschke aus Halle/Saale, die die junge Frau betreut, konnte helfen. Sie veränderte den Tagesablauf der Frau. Wo können die großen Kinder helfen, wie kommt Ordnung in die Wohnung, was kann die Mutter entlasten? Nach Rücksprache mit dem Jugendamt dürfen die Kleinen zwei Stunden länger im Kindergarten bleiben.
«Das war ein leichterer Fall», sagt Nitschke, die Vorsitzende des Landeshebammenverbandes Sachsen-Anhalt ist und im Modellprojekt «FrühStart» mit arbeitet. «FrühStart» ist eines von bislang zehn Projekten, die das «Nationale Zentrum Frühe Hilfen» mit Sitz in Köln ausgewählt hat und nun koordiniert. Vor genau einem Jahr wurde das Kompetenzzentrum von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gegründet und mit insgesamt zehn Millionen Euro bis 2010 ausgestattet.
Eltern sollen besser betreut werden
Jährlich gibt es nach einem Bericht des Deutschen Jugendinstituts in der Bundesrepublik «vier bis sieben Todesfälle von zumeist sehr jungen Kindern infolge von Verhungern oder Verdursten». Wesentlich mehr Kindern kommen «vermutlich durch Unfälle infolge einer Vernachlässigung bei der Beaufsichtigung ums Leben». Damit es gar nicht erst zu Vernachlässigung, Missbrauch oder Kindstötung kommt, soll ein «soziales Frühwarnsystem» entwickelt werden. Für «FrühStart» sitzen in jedem Landkreis von Sachsen-Anhalt zwei Familienhebammen, die nach einer Zusatzausbildung sogenannte «belastete» Familien ein Jahr lang betreuen. Ziel ist zum einen, noch vor der Geburt eines Kindes den Kontakt insbesondere zu solchen Familien zu knüpfen, die Probleme etwa mit Sucht, Arbeitslosigkeit, Gewalt oder psychischen Erkrankungen haben. Zudem sollen Geburtskliniken, Ärzte und Hebammen sowie Jugendamt, Polizei und Familiengerichte besser zusammenarbeiten.
Hebammen als Ansprechpartner
Ein großes Problem ist bisher, dass die Akteure sich häufig nicht kennen. So weiß mancher Kinderarzt nichts von der Familienhebamme, der Sozialarbeiter im Jugendamt kennt den «Müttertreff» der Diakonie nicht. Eine weitere Schwierigkeit: Bemerkt etwa der Arzt Spuren einer Misshandlung am Kind und gibt der jungen allein erziehenden Mutter die Adresse einer Hebamme, weiß er nicht, ob sie dort tatsächlich Hilfe sucht. «Das wird nicht kontrolliert», beklagt die Medizinerin Christiane Luderer.Für «FrühStart» nimmt Luderer an der Uni Halle die Arbeit von bislang zwanzig Hebammen mit mehr als 340 Müttern wissenschaftlich unter die Lupe. Sie untersucht, wie es den Frauen mit den Hebammen geht und welche Hilfe sie noch benötigen. Warum manche Familien Hilfe nicht in Anspruch nehmen, bleibe oft im Dunkeln.
Das ist nur der erste Schritt
Dass sein Projekt jetzt schon eine Wirkung zeigt, stellt Norbert Könne fest, Abteilungsleiter des Jugend- und Sozialamtes der Stadt Pforzheim. Seine Kommune nimmt als eine von acht in vier Bundesländern am Projekt «Guter Start ins Kinderleben» teil. Da werden Eltern mittels Videoaufnahmen in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt, der «Babybegrüßungsdienst» kommt ins Haus. Wo früher die Gesundheitshilfe «in Bauchwehfällen» selten das Jugendamt verständigte, lernen sich nun die Experten an Runden Tischen kennen und besprechen anonymisierte Fälle. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen will die Ergebnisse bündeln. Am Ende könnte ein Handbuch für Kommunen stehen, mit Tipps für die lückenlose Zusammenarbeit aller Experten. Oder ein Qualitätssiegel, mit dem fortschrittliche Kommunen für sich werben.
Eine 100-prozentige Sicherheit wird nicht zu erreichen sein. «Familienhebammen sind nicht die Retter», betont Manuela Nitschke: «Es wird immer Fälle von Kindstötung und -missbrauch geben.» Die Realität gibt ihr Recht: Am Mittwoch vergangener Woche fanden Spaziergänger am Stadtrand von Zeitz eine verscharrte Babyleiche. Die Obduktion ergab, dass der Junge noch lebte, als er ausgesetzt wurde. (Isabel Fannrich-Lautenschläger, epd)