03.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Hitler (neben Churchill) in London
Foto: nz/tst
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Wachs soll der Diktator in die einstige Reichshauptstadt zurückkehren. In eine Ausstellung, die vordergründig der Unterhaltung dient. Das weckt Skepsis. Der Zentralrat der Juden sieht darin aber auch eine Chance.
Der Zentralrat der Juden hält die Ausstellung einer Hitlerfigur im neuen Berliner Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds ohne einordnende Begleitinformationen für inakzeptabel. «Die Ausstellung darf nicht unkommentiert bleiben», sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, der Netzeitung. «Die Figur durch einordnende Informationen zu Hitler und der NS-Zeit zu ergänzen, ist unverzichtbar.»
Üblicherweise sind die Figuren bei Tussauds nur mit Namensschildern versehen. Der Plan, ab Juli im unweit des Holocaust-Mahnmals gelegenen neuen Berliner Wachsfigurenkabinett auch eine Hitlerfigur auszustellen, war bei Politikern auf Kritik gestoßen. «Geschmacklos» oder «stillos» hieß es. Die Berliner Tourismus-Marketinggesellschaft zeigte sich «nicht glücklich». Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit schrieb besorgt an die Berliner Tussauds-Niederlassung.
Bisher ist der Diktator nur im Londoner Stammhaus des Belustigungsunternehmens zu besichtigen. Hitler steht dort mit erhobener, geballter Faust neben dem entspannt dargestellten früheren britischen Premier Churchill und unweit von «The World Leaders» Bush, Blair und Putin. In Deutschland zeigt ein privat betriebenes Panpotikum in Hamburg seit Jahrzehnten eine schon 1941 modellierte Hitler-Figur.
In Berlin soll Hitler jedoch nicht aufrecht, sondern als gebrochener Mannn im Führerbunker dargestellt sein, vor zuviel Publikumsnähe geschützt mittels Absperrband.
Aus Sicht des Zentralrats birgt die Schau durchaus auch Chancen für die Aufarbeitung der Geschichte. Kramer sagte zwar, Hitler solle in Berlin keine Touristenattraktion werden. «Wenn eine solche Ausstellung jedoch dabei hilft, unsere Sicht auf Hitler zu normalisieren und ihn zu demystifizieren, dann sollte man es versuchen.»
Dazu gehört für den Zentralrat auch die Beschäftigung mit der Historie: «Zu versuchen, Hitler aus der Geschichte zu löschen, funktioniert nicht und ist kontraproduktiv», sagte Kramer. Dies mache die Opfer des Holocaust nicht lebendig und beseitige nicht die verursachten Schäden und begangenen Verbrechen. Ähnlich sieht es auch das Unternehmen. «Ihn auszulassen wäre eine Verschönerung der Geschichte», sagt die Berliner Tussauds-Vertreterin Susanne Keller. (nz)