Neues Tussauds in Berlin: 

netzeitung.deHitler ist nicht unterhaltsam

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Auch bei deutschen Jugendlichen beliebt: Posen mit dem Führer in London (Foto: nz/tst<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Auch bei deutschen Jugendlichen beliebt: Posen mit dem Führer in London
Foto: nz/tst
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Initiator des Holocaust hat seinen Platz in Geschichtsbüchern, in Wissenschaft und Film. An seine Opfer erinnern Mahnmale und Erinnerungsstätten. Als Wachsfigur ist der Diktator verzichtbar, meint Tilman Steffen .

Zu besichtigen ist es in London: Ein deutscher Halbwüchsiger posiert grinsend neben dem Mann in braun, ballt die Faust zur Siegerpose. Seine Freundin hält das Bild mit der Digitalkamera fest. Ein Lacher auf dem nächsten Cliquentreff ist damit sicher. Wer Hitler mal so richtig gut finden will, kann das bei Madame Tussauds in London. Nun soll auch im neuen Tussauds Unter den Linden in Berlin ein Hitler einziehen.

Den Briten muss man keinen Vorwurf daraus machen, dass sie den Initiator des Holocaust in London in einer Wachsfigurenschau ausstellen. Im Bund mit den Alliierten hat Churchill Kriegsgegner Deutschland geschlagen, die Wehrmacht besiegt. Als Randfigur steht Hitler da, direkt neben Churchill, wenige Schritte entfernt von Bush, Putin und Blair («The World Leaders»), Gorbatschow, Castro und Arafat. In London ist Hitler, was er ist: ein Gescheiterter, ein Verlierer. Doch einer mit gewaltiger Anziehungskraft, wie sich zeigt.

Der Besuch eines Wachsfigurenkabinetts soll vor allem eine lustige, unterhaltsame Angelegenheit sein. Wer die Warteschlange hinter sich hat, will die lebensgroßen Kopien gemeinsam mit anderen anfassen, ihre Wirkung spüren, das Erinnerungsfoto mit nach Hause nehmen. Daniel Radcliffe, Keira Knightley, Johnny Depp – wie groß sind sie eigentlich, wie klein, wie echt?

Hitler aber ist nicht unterhaltsam. Es sei denn, ein Mann wie der Regisseur Dani Levy macht einen Film. «Mein Führer» spielt jedoch auf einer Leinwand, persifliert, physisch unerreichbar. Die Figur lässt sich nicht durch den Betrachter instrumentalisieren, sie entzieht sich durch die filmische Distanz einer Ingebrauchnahme wie im Tussauds in London.

Hitler ist nicht unterhaltsam. Filme wie «Der Untergang» begleiteten vor allem die Kontroversen darüber, ob die Figur richtig getroffen sei, die rechten Gefühle wecke und Eindrücke hervorrufe. Der jüdischstämmige Regisseur Levy hat es geschafft, dass die Deutschen über Hitler befreit lachen können. Denn weil es diesen Film gibt, wird die Gedenkstätte Deutscher Widerstand ja nicht geschlossen. Denn es muss beides geben: Befreiung und Erinnerung.

Absperrband hilft nicht
Hitler ist nicht unterhaltsam. Tussauds jedoch schlägt aus dem Judenvernichter Kapital. Das Unternehmen will auf den Sog, den der Diktator auslöst, nicht verzichten. Künftige Berlin-Tour-Angebote werden Touristen erst das wenige Gehminuten entfernte Holocaust-Mahnmal empfehlen, dann das Berliner Wachsfigurenkabinett. Das macht nicht nur dem Regierenden Bürgermeister Sorgen. Klaus Wowereit wandte sich brieflich an die Berliner Tussauds-Niederlassung und bat um Erläuterungen zur geplanten Schau.

Hitler ist nicht unterhaltsam. Es hilft wenig, dass Tussauds Skulpteure den Berliner Hitler nicht als aufrechte Figur, sondern als gebrochenen Mann im Führerbunker zeigen wollen. Selbst wenn Absperrband das Posieren mit dem Despoten verhindern soll – ein einem deutschen Wachsfigurenkabinett hat eine solche Figur eben nichts zu suchen. Denn Hitler ist in Deutschland kein Verlierer an dem man sich erfreuen kann, er ist Täter, verantwortlich für ein singuläres Verbrechen. Hitler zu zeigen, muss Museen, den Schulen, dem Film vorbehalten bleiben.

Dass es Kritik geben würde, hätten Tussauds Planer mit einem Blick in die Archive leicht vorhersehen können. Vor vier Jahren löste die Betreiberin eines Wachsfigurenkabinetts am Berliner Checkpoint Charlie internationale Proteste aus, indem sie einen Wachs-Hitler zeigte. Der Vermieter kündigte, die Ausstellung musste schließen. Hitler ist einfach nicht unterhaltsam.

Ein Kameraschwenk durch «The World Leaders» im Tussauds in London