02.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Er soll nach dem Willen einiger Kollegen Parteichef werden
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So recht wollte sich für die Nachfolge von Grünen-Chef Bütikofer niemand finden. Bis der Berliner Fraktionschef Ratzmann ins Spiel gebracht wurde. Jetzt hat ein erster Anwärter seine Kandidatur offiziell angekündigt.
Lange hat sich Cem Özdemir geziert so wie all die anderen. Wie Boris Palmer, der Bürgermeister von Freiburg. Wie Tarek Al-Wazir, der Fraktionschef der hessischen Grünen. Wie Anja Hajduk, seine Kollegin aus Hamburg, die neue Senatorin. Sie alle wurden in Realokreisen als neue Vorsitzende der Grünen gehandelt und sahen ihre Aufgabe woanders, eher im Regionalen. Cem Özdemir, der Europaabgeordneter ist, seit ihn die Bonusmeilenaffäre sein Bundestagsmandat gekostet hat, wollte ebenfalls nicht. Und nun scheinen ihn all jene, die selbst nicht wollten, gedrängt zu haben, die Nachfolge von Reinhard Bütikofer anzutreten. Zumindest stünden sie alle hinter ihm, hat Boris Palmer stellvertretend verkündet. Und Özdemir zeigt sich nun gütig: «Wenn die Partei das möchte, dann stehe ich zur Verfügung.» Er wolle dafür sorgen, dass die Grünen ein eigenständiges Profil bekommen, sagte er «Spiegel Online».
Es gibt noch einen anderen, der als Kandidat für die Position neben Claudia Roth gehandelt wird, die weiterhin an der Grünen-Spitze bleiben will: Volker Ratzmann. Der ist Fraktionsvorsitzender der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, und wird von Parteikollegen ein bisschen weiter links verortet als Özdemir. Der Platz neben der linken Roth ist eigentlich einem Realo zugedacht. Der «Süddeutschen Zeitung» sagte Ratzmann, Özdemir sei «ein in vielen Schlachten erprobter und erfahrener Politiker und sehr respektabler Kandidat». Er selbst will weiter Gespräche führen und dann entscheiden, ob er auch antritt.
Fraktionschefin Renate Künast hatte sich gerade für Ratzmann stark gemacht. Sie hat den Sorgen widersprochen, ein ehemals Linker könne den realpolitischen Flügel nicht vertreten. Özdemir nun bezeichnet sich selbst nicht als Realo: «Ich nenne das lieber Reformer - Realo klingt nach alten Grabenkämpfen, mit denen ich nichts zu tun habe. Und es ist sicherlich kein Geheimnis, dass ich ein Reformer bin.» Jetzt will er also der Ober-Reformer werden.
Özdemir, der mit seiner Familie in Berlin-Kreuzberg lebt, war der erste Bundestagsabgeordnete türkischer Herkunft. Er hat sich nicht nur als innenpolitischer Sprecher für die Integration und die Belange von Migranten eingesetzt. Erst am Wochenende hatte er eine Moschee und türkische Vereine in Duisburg besucht. Da hat er zumindest wieder einmal seine Schlagfertigkeit bewiesen. Als einige Deutsche sich in der Moschee die Schuhe nicht ausziehen wollten, witzelte er: Die hätten wohl seit zwei Wochen nicht die Socken gewechselt. Dass er als Europaabgeordneter nur mehr ein politisches Leichtgewicht ist und damit für den Parteivorsitz nicht gerade bestens geeignet, bestreitet er. Er habe in den vergangenen Jahre schließlich nicht Däumchen gedreht, sagt er im «Spiegel-Online»-Interview
Seine Karriere im Bundestag endete im Sommer 2002, als bekannt wurde, dass er dienstlich erworbene Bonusmeilen auch privat genutzt hatte. Manche glauben, dass das seine Chancen auf den Grünen-Vorsitz schmälert. Reinhard Bütikofer jedenfalls, dem er folgen würde, hat angekündigt ins Europaparlament wechseln zu wollen. Insofern könnten die beiden einfach tauschen. (nz)