02. Jun 2008 12:39
Vor zehn Jahren verbündeten sich Aktivisten in Frankreich gegen die Globalisierung. Der einstige Garagenclub hat sich seither zum weltweiten Netzwerk entwickelt. Die
sprach mit dem Protestforscher Rucht über Ziele, Professionalisierung und Misserfolge von Attac.
Netzeitung: Herr Rucht, welche Rolle spielt Attac heute?Dieter Rucht: Attac hat etwa 20.000 Mitglieder in Deutschland. Also ist Attac eine vergleichsweise kleine Organisation. Andere große Umweltverbände in Deutschland haben an die 400.000 Mitglieder. Aber zu Attac gehört auch ein Verbund von Organisationen, die das Netzwerk unterstützen. Deshalb ist Attac nicht so wichtig wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Funktion: Die Organisation baut eine Brücke zwischen rivalisierenden Lagern. Es gibt militante oder revolutionär gesonnene Linksradikale einerseits und andererseits den pragmatisch orientierten Flügel, der parteiennah ist.
Diese Lager haben sehr unterschiedliche Politikvorstellungen. Attac vereint diese Leute, weil es nach beiden Seiten gesprächsfähig ist. Es entspricht dem Selbstverständnis von Attac, keine scharfen Ausgrenzungen vorzunehmen.Netzeitung: Wie hat sich Attac seit der Gründung verändert?
Rucht: Attac war anfangs ein sehr lockerer Verbund junger Aktivisten. Die Organisatoren haben sich damals in Verden bei Bremen zusammengetan. Sie haben Attac in den ersten anderthalb Jahren vorangebracht. Damals haben die Aktivisten rund um die Uhr unbezahlt gearbeitet. Aber das ist vorbei. Attac hat sich festere Strukturen gegeben: gewählte Repräsentanten, ein Büro, bezahlte Angestellte und einer Pressesprecherin. Es werden sogar Dienstverträge abgeschlossen. Attac ist kein lockerer, loser Verein mehr. Netzeitung: Dann ist Attack zahmer geworden?
Rucht: Dynamische und radikale Organisationen werden meist zahmer, wenn sie sich feste Formen geben. Attac ist aber aufgrund seiner noch jungen Existenz nicht so empfindlich dagegen. Attac ist nur zahmer geworden, was die ideologische Begleitmusik angeht. Da ist ein Teil der radikaleren Linken abgewandert. Die dachten anfangs, Attac ließe sich nach links außen verschieben oder könnte durch Unterwanderung radikalisiert werden von innen heraus. Sie waren aber erfolglos und sind aus Enttäuschung gegangen. Es gibt auch Leute, die wandern ab, weil sich ihre berufliche Situation verändert. Oder sie gehen, weil der Freundeskreis zerbröselt oder weil sie eine Familie gründen. Viele bleiben nicht ihr Leben lang in so einer Gruppierung aktiv.
Netzeitung: Welche Erfolge kann Attac nach zehn Jahren vorweisen?Rucht: Attac hat es zusammen mit anderen Gruppierungen geschafft, die Globalisierung, die zuvor nur als Zukunfts- und Fortschrittsthema angeboten wurde, als ein zwiespältiges Thema zu präsentieren. Es ist der Verdienst der Organisation, die Schattenseiten der Globalisierung aufzuzeigen. Organisationen wie der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank präsentieren sich inzwischen anders. Sie gestehen eigene Fehler ein. Gemeinsam mit anderen Gruppen hat Attac diese Themen auf die Tagesordnung gebracht haben. Die Probleme Steuerflucht und Privatisierung sind der Bevölkerung zunehmend bewusst geworden. Zudem hat die Berichterstattung über die Proteste bei den G8-Gipfeln weit mehr im Mittelpunkt gestanden als die Berichterstattung über die Gipfel selbst.
Netzeitung: Wo hat Attac versagt?Rucht: Wenn man eine harte Bilanz zieht, hat Attac in der Bundesrepublik nur wenige politische Veränderungen bewirkt. Da steht Attac als Zwerg gegen mächtige Interessen. Ziele wie die Einführung der Devisentransaktionssteuer, also der Tobin-Steuer oder das Aufhalten der Privatisierungswelle hat Attac nicht erreicht.
Netzeitung: Wie geht Attac mit Gewalt um?Rucht: Es gibt niemand bei Attac, der Gewalt propagiert oder sich dafür einsetzt. Es gab Gruppen, die versucht haben, Attac zu unterwandern. Radikale Linke haben es in Ortsgruppen zeitweise geschafft, das Klima und das Personal zu dominieren. Sie waren aber nicht erfolgreich. Manche meinen, der Name Attac suggeriert Angriff und Gewalt.
Netzeitung: Wer tritt heute bei Attac ein?Rucht: In letzter Zeit sind es eher die jüngeren Leute. Sie sind zum Beispiel durch den G8-Gipfel in Heiligendamm politisch aktiv geworden. Insgesamt treten Leute ein, die gut gebildet und protestfreudig sind. Es gibt generell einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und politischem Interesse. Das sind Leute, die eine bestimmte Sozialisierung hatten, bei denen das Elternhaus politisch wach war und die in der Schule Anstöße bekommen haben.
Netzeitung: Wie haben sich die Protestmethoden bei Attac im Laufe der Zeit verändert?
Rucht: Ich glaube, dass die Orientierung an Nachrichteneffekten und Medienaufmerksamkeit sehr wichtig geworden ist. Attac macht kaum mehr klassische Demonstrationen, bei denen man zu einem Ort trottet, wo viele Reden gehalten werden. Heute geht es um pfiffige Aktionen mit Witz. Manchmal sind es aber auch Aktionen, bei denen Sanktionen drohen, zum Beispiel Geld- oder Gefängnisstrafen. Aber nur wenige Attac-Mitglieder nehmen solche Risiken in Kauf.
Das Interview führte Bettina Meier.