30.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Seehofer erwartet, das Dreiviertel der Produkte gekennzeichnet werden
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Verbraucher sollen anhand einer farbigen Kennzeichnung künftig erkennen können, wie viel Fett oder Zucker Lebensmittel enthalten. Verbraucherminister Seehofer will dafür einen Leitfaden entwickeln. Kritiker halten das Vorhaben für eine Mogelpackung.
Bislang hat Horst Seehofer (CSU) eine verbindliche Ampel für Lebensmittel abgelehnt - nun ist er umgeschwenkt und peilt eine Farbkennzeichnung auf freiwilliger Basis an. In Gesprächen mit der Wirtschaft werde er darüber beraten, sagte der Verbraucherminister am Freitag in Berlin. Parallel strebe er auf europäischer Ebene an, bestimmte Produktinformationen farblich zu unterlegen.
Seehofer stellte einen Leitfaden für die erweiterte Nährwertinformation bei Lebensmitteln vor. Firmen sollen künftig freiwillig deutlich sichtbare Angaben zu Energie, Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz machen. Beim nun geplanten Modell soll Rot auf der Packung für ungesund, Gelb für neutral und Grün für gesund stehen.
«Wir erwarten von der Lebensmittelwirtschaft, dass sie in den nächsten zwei, drei Jahren etwa Dreiviertel ihrer Produkte mit dieser Nährwertkennzeichnung ausstattet», sagte Seehofer. Viele Produkte für Kinder sind stark überzuckert und begünstigen Übergewicht.
Die Portionsgröße bestimmen die HerstellerDie Grünen kritisieren die fehlende Verbindlichkeit des Leitfadens. «Freiwilligkeit bei der farblichen Kennzeichnung bringt gar nichts», sagte Grünen-Expertin Bärbel Höhn.
Die Informationen sollen sich dem Leitfaden Seehofers zufolge auf den Nährwert pro Portion beziehen. Wie groß die ist, definieren die Lebensmittel-Hersteller selbst. Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke ist das zu schwammig: «Nötig ist aber eine einheitliche und auf einer festen Mengeneinheit basierende Farben-Kennzeichnung», sagte sie der Netzeitung.
Denn: «Je kleiner die Portion, desto kleiner wird natürlich die Prozentangabe», erläutert die Verbraucherorganisation Foodwatch. «Wie britische Studien gezeigt haben, essen die Menschen durchschnittlich größere Portionen, als die Hersteller ansetzen.» Auch eine im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums erstellte Meinungsumfrage hat ergeben, dass ein Großteil der Befragten Nährwertangaben pro Einheit zum Beispiel pro 100 Gramm bevorzugen würden.
Rote Punkte regen zum Nachdenken an Mit seiner Ankündigung, zunächst Gespräche mit der Industrie zu führen, letztlich aber auf eine europäische Regelung zu setzen, «öffnet Seehofer sich Tür und Tor, die Ampel doch nicht zu machen», sagte der Geschäftsführer von Foodwatch, Thilo Bode. Dabei sei eine einfache, schnell verständliche Kennzeichnung ungesunder Lebensmittel gerade für sozial schwache Familien und bildungsferne Schichten wichtig. «Wenn man den ganzen Einkaufskorb voll mit roten Punkten hat, denkt man eher noch mal nach.»
Auch für Grünen-Politikerin Lemke bleibt Deutschlands Ernährungsminister weit unter seinen Möglichkeiten. Seehofer müsse endlich im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher handeln und eine klare und verbindliche Kennzeichnung von Zucker oder Fett in Lebensmitteln einführen. «Die Verbraucher wollten bewusst und informiert einkaufen und haben keine Lust mehr auf Versteckspielchen und Täuschungsmanöver». Noch immer stelle der Minister Lobbyinteressen über die der Verbraucher. «Seehofer und seine Industriefreunde wollen unklar und ungeregelt anpinseln.»
«Irreführende Farbgebung»Nun müssten die Verbraucher weiter Druck machen, sagt Foodwatch-Geschäftsführer Bode. Von 32 speziell für Kinder angepriesenen Lebensmitteln seien laut der jüngsten Studie 80 Prozent überzuckert.
Obwohl Seehofer bei der Ampel auf Freiwilligkeit setzt, ist der Verband der Lebensmittelwirtschaft mit dem Leitfaden nicht zufrieden: «Wir lehnen eine solche irreführende Farbgebung strikt ab», sagte Geschäftsführer Matthias Horst. «Qualitativ hochwertige Produkte würden verunglimpft werden.» Stattdessen sei Nährwertkennzeichnung mit Konzentration auf die Kalorienangabe als zentrale Information sinnvoll. (dpa/AP/nz)