Tagesthema Artenschutz: 

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Geochelone abingdoni - zum Aussterben verdammt (Foto: Jeffrey R. Powell<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Geochelone abingdoni - zum Aussterben verdammt
Foto: Jeffrey R. Powell
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Was kostet eine Tierart? Was ist schlimmer: der Verlust einer Insektenspezies oder das Aussterben von Orang-Utans auf Borneo? In Bonn sucht die Welt nach Antworten, sammelt Geld und feilscht um Worte. Von Tilman Steffen

Man kann auf vielfältige Weise zum Artensterben beitragen. Durch das Autofahren, weil die Ölpflanzen für Biosprit auf Regenwaldflächen gedeihen. Durch das Essen: Weil in den reichen Ländern so viel Fleisch auf den Tisch kommt, sterben Tiere aus, denn die Nutztiere fressen Futter, das auf gerodeten Regenwaldflächen wächst. Oder weil wir in der Zoohandlung seltene Kreaturen wie die Schmuckschildkröte kaufen und sie aussetzen, wenn wir in den Urlaub fahren wollen. Die Verstoßenen verdrängen dann seltene Artverwandte wie die Sumpfschildkröte aus ihrem Lebensraum.

Das sind Einzelbeispiele, ohne Anspruch auf Repräsentativität. Doch das Grundproblem ist klar: Jeden Tag sterben je nach Schätzung bis zu 150 der noch 1,7 bis 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten aus. Der bekannteste Bedrohte dürfte «Lonely George» sein, jener Riesenschildkröten-Mann auf Galapagos, der als allerletzter seiner Art beharrlich die Paarung mit Weibchen einer Unterart verweigert. Nur noch 40 Jahre lang wird kommerzieller Fischfang möglich sein, sagt der Finanzexperte Pavan Sukhdev, der im Auftrag der EU die Kosten des weltweiten Artensterbens hochrechnete: Allein die Kosten des Waldverlusts beliefen sich auf sechs Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts - das wären zwei Billionen Euro.

Da ist es besser und billiger, jetzt in den Artenschutz zu investieren. Bislang zahlen Geberländer für den Erhalt der biologischen Vielfalt etwa sechs bis 10,5 Milliarden Euro im Jahr - ein Betrag, der seit einigen Jahren stagniert. Die Umweltorganisation WWF schätzt, dass bis zu 40 Milliarden Euro jährlich nötig wären, um den Artenschwund tatsächlich zu bremsen. Eine Investition, die sich lohnen würde. Denn der wirtschaftliche Verlust, der durch ungebremsten Artenschwund droht, wäre wesentlich höher, meinen Umweltpolitiker und Naturschützer.

Deutschland gibt aus dem Fonds für Entwicklungszusammenarbeit jährlich 210 Millionen Euro für internationale Waldprojekte. Zur Freude der Umweltschützer soll künftig jedes Jahr noch einmal eine halbe Milliarde hinzukommen, wie Kanzlerin Angela Merkel während der UN-Tagung in Bonn bekanntgab. Das ist ebensoviel wie Vorreiter Norwegen. Die Zusage sei ein «starkes Signal» an die Staatengemeinschaft, sagte WWF-Sprecher Jörg Roos. Die Organisationen sehen die Zusage als ein Signal für den kommenden G8-Gipfel in Japan, wo das Thema Artenschutz auch zur Sprache kommen soll.

Das Geld der reichen Länder soll die Kettensägen von den tropischen Regenwäldern fernhalten, die 80 Prozent der Artenvielfalt bergen. Etwa Kongo gilt es zu überzeugen, 15 Prozent seiner Fläche unter Schutz zu stellen. Zu dem Land gehört der zweitgrößte Regenwald der Welt. Einfach ist das nicht für ein Land mit hoher Kindersterblichkeit und niedrigem Bildungsgrad seiner Bewohner, das von Unruhe gepeinigt ist. «Naturschutz hat keine Priorität bei denen, die um ihr Überleben kämpfen», bekennt EU-Umweltkommissar Stavros Dimas.

Nun wird sich zeigen, wer noch die Schatulle öffnet, um vor den deutschen Gastgebern nicht allzu knauserig dazustehen. Arbeitsgruppen haben in den vergangenen Wochen getagt und Lösungsvorschläge gemacht. Nun feilen die Stäbe der Regierungschefs und Minister an den Änderungen. Umweltminister Gabriel erhofft sich als Resultat ein Gerüst, das auf der nächsten UN-Konferenz im Jahr 2010 im japanischen Nagoya in Form eines Vertrages beschlossen werden könnte.