Tagesthema: Zehn Jahre Attac: Weltreformer ohne Vetorecht02. Jun 2008 13:27  |  | Foto: AP |
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Ein Zeitungsartikel war die Initialzündung für das globalisierungskritische Netzwerk Attac. Inzwischen sind die Thesen des «Aldi unter den Weltverbesserern», wie Kritiker die Organisation nennen, eher Mainstream.
Ist unsere Erde ein riesiger Hamburger, der gerade dabei ist, von einem gierigen Maul verschlungen zu werden? So sieht es ein Karikaturist des Netzwerks Attac. Am Dienstag wird das globalisierungs- und kapitalismuskritische Netzwerk zehn Jahre alt. Rund 90.000 Menschen aus 50 Ländern machen inzwischen mit. Und Attac zeigt sich selbstbewusst: «Unsere Diagnose stimmt, und unsere Sicht ist locker mehrheitsfähig», sagt Sven Giegold, Mitbegründer der deutschen Sektion.
Tatsächlich sind manche Attac-Thesen links von der Mitte schon beinahe Mainstream geworden. Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine ist Attac-Mitglied, ebenso die stellvertretende SPD-Chefin Andrea Nahles. Aufsehen erregend war der Beitritt des früheren CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler kurz vor dem G8-Gipfel von Heiligendamm. Und auf Geißler geht auch der Satz zurück: «Wenn Jesus heute leben würde, «wäre er natürlich bei Attac». Selbst Bundespräsident Horst Köhler - zu seiner Zeit als Direktor des Internationalen Währungsfonds IWF nicht gerade für Kapitalismuskritik bekannt - sagte jüngst, die Finanzmärkte hätten sich «zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden» müsse. «Besser», sagt der Magdeburger Politikprofessor Roland Roth, «hätte es Attac nicht formulieren können». Roth ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und hat die Organisation von Anfang an begleitet.
Der Anfang, das war im Dezember 1997, als in der Zeitung «Le Monde diplomatique» ein Artikel erschien, der zum Gründungsmanifest werden sollte: Darin schlug der Journalist Ignacio Ramonet eine «Vereinigung zur Besteuerung der Finanztransaktionen zum Nutzen der Bürger» vor. Sechs Monate später war «Attac» gegründet, die deutsche Sektion folgte anderthalb Jahr später. Die Besteuerung von Finanztransaktionen ist noch immer eine der Hauptforderungen von Attac.
«Am Anfang stand eine Gruppe Intellektueller: Diese Leute sahen Ende der 90er Jahre globale Probleme heraufziehen, von denen viele Politiker damals nichts wissen wollten», berichtet Roth. Auffassungen wie ,Der Weltmarkt wird's schon richten' seien noch sehr verbreitet gewesen. Unter dem Eindruck der verheerenden Folgen der Asienkrise begann Attac, vor der Entfesselung von Banken, Investmentfonds und transnationalen Konzernen zu warnen.
Schnell gelang es, die zunächst noch diffusen Ängste vor einer sich immer weiter beschleunigenden Globalisierung aufzugreifen und Kritikern eine Stimme zu geben: «Seit den Protesten beim WTO-Treffen von Seattle 1999 gab es kaum einen transnationalen Gipfel, der ohne Protest geblieben wäre», betont Roth. Seither habe Attac Massen mobilisiert.Als besonders zeitgemäß habe sich die Netzwerkstruktur von Attac erwiesen: «Weil sie breite Bündnisse ermöglicht», betont Roth. Tatsächlich ist die deutsche Sektion sehr vielfältig: Neben Privatpersonen gehören ihr auch mehr als 100 große und winzig kleine Organisationen an, darunter Parteien, Gewerkschaften, Verbände und Initiativen.
Eine Kampagnen- und Volkshochschulbewegung Die Mitgliederzahl der deutschen Sektion wuchs jahrelang stetig: «Den stärksten Zuwachs hatten wir 2001 und 2002 nach dem G8-Gipel von Genua», berichtet Jutta Sundermann aus dem Attac-Koordinierungsrat. Im vergangenen Jahr habe Attac in Deutschland - nicht zuletzt wegen des G8-Gipfels von Heiligendamm - von 17.500 auf 19.500 Mitglieder zugelegt.
«Jetzt hoffen wir, bald die 20.000er-Marke zu knacken.» Viele der «Attacies», wie die Mitglieder im Netzwerk-eigenen Jargon heißen, engagieren sich in einem der 250 lokalen Netzwerke oder in einer der bundesweiten Kampagnen: Zuletzt machte Attac beispielsweise gegen die Bahn-Privatisierung oder für eine Enteignung der vier großen Energiekonzerne mobil. Dabei arbeite Attac «wie das Bürgerinitiativen im lokalen Rahmen tun». Zum Selbstverständnis gehöre aber auch «der Charakter einer Volkshochschulbewegung», sagt Roth mit einem Augenzwinkern: «Attac versteht sich als ein Forum, wo Ideen ausgetauscht werden und Lernprozesse über transnationale Politik stattfinden. Und zwar ohne dass die Leute vorher ein Parteiprogramm unterschreiben müssen.» (Matthias Armborst, AP)
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