Regierungsreport und Unicef-Bericht:
Kinder sind arm dran
26. Mai 2008 20:17
 |  Kinder, die in Armut leben, haben oft schlechtere Bildungsmöglichkeiten | Foto: AP |
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Der Arbeitsminister präsentierte eine Studie zur Kinderarmut, dsann legten das Familienministerium und Unicef nach - mit abweichenden Zahlen. Einig sind sich die Ressorts aber darin, dass das Problem rasch angepackt werden muss.
Mehr als jedes sechste Kind in Deutschland wächst in einer von Armut bedrohten Familie auf. Ein besonders hohes Armutsrisiko haben Kinder allein erziehender Eltern, in Familien mit ausländischer Herkunft oder aus kinderreichen Familien, sagte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei der Vorstellung des Unicef-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland.
Mit einer Kombination aus einem nach Kinderzahl gestaffelten Kindergeld, erweitertem Kinderzuschlag und Ausbau der Betreuung für unter Dreijährige will sie die Armut in Familien bekämpfen. Einer Prognos-Studie für das Bundesfamilienministerium zufolge sind 17,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Armut bedroht. Für Kinder Alleinerziehender beträgt das Armutsrisiko rund 40 Prozent. Das höchste Armutsrisiko haben Kinder und Jugendliche, deren Eltern beide arbeitslos sind oder Hartz-IV-Leistungen beziehen.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern
Deutschland liege bei der Armutsbekämpfung im Vergleich mit anderen EU-Ländern im oberen Drittel, sagte von der Leyen. Angesichts des Konjunkturaufschwungs und der Verbesserung am Arbeitsmarkt sei dies aber nicht genug. Neben der gezielten finanziellen Förderung von Kindern sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unerlässlich, damit gerade Alleinerziehende arbeiten könnten. «Wenn Eltern Arbeit haben, dann ist das die beste Armutsverhinderung, die ein Staat leisten kann.»
 |  Kinder von Alleinerziehenden leben öfter in Armut | Foto: AP |
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Im nationalen Armutsbericht, dessen Entwurf Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) im Mai vorgestellt hatte, war die Kinderarmut niedriger eingeschätzt worden. Demnach ist nur etwa jedes achte Kind in Deutschland von Armut bedroht. Der Armutsbericht basiert auf einer Datenbasis, die ihn in der EU vergleichbar macht. Die Prognos-Studie nutzt nach Auskunft des Familienministeriums eine breitere Basis, in die auch diese europäischen Daten einfließen. Nach den Worten von der Leyens ist ein Statistik-Streit «absurd». Sie verlangte, nach den Ursachen für Armut zu fragen.
Das dritte Kind geht leer aus
In der Ressortabstimmung des Armutsberichts wolle sie das von ihr geforderte gestaffelte Kindergeld in den Fokus stellen. Von der Leyen: «Tatsache ist, dass das Kindergeld für das erste und zweite Kind seit 2001 nicht erhöht worden ist. Aber für das dritte Kind ist es seit 1995 nicht mehr erhöht worden. Man hat völlig das dritte Kind in diesem Land vergessen und damit auch die folgenden Kinder.» Dadurch präge sich ein Bild, dass Kinderreichtum Hand in Hand gehe mit Abrutschen in finanziell prekäre Situationen. «Dies ist grundsätzlich falsch. Nicht Kinder machen arm, sondern Kinder leben in Armut, wenn die Eltern keine Arbeit haben und wenn die gezielten finanziellen Hilfen des Staates nicht wirkungsvoll genug sind.»
Ein Drittel aller Armen schaffe nach spätestens zwei Jahren den Sprung aus der Armut, sagte die Ministerin weiter. Es müsse aber auch verhindert werden, dass Familien wegen eines weiteren Kindes Armut riskierten. Einen gesetzlichen Mindestlohn lehnte sie erneut ab. Lohnuntergrenzen seien auf eine Person ausgerichtet und zerstörten Arbeitsplätze.
Mittelmaß in Chancenförderung
In dem Unicef-Bericht namhafter Familienforscher heißt es, Deutschland bleibe trotz erheblicher Aufwendungen nur Mittelmaß in der Chancenförderung von Kindern. Die Kluft zwischen abgesicherten Kindern und denen, deren Alltag durch Mangel und Ausgrenzung geprägt sei, wachse. Neben geringen Bildungschancen litten benachteiligte Kinder immer öfter auch an chronischen Krankheiten und Übergewicht.
Die FDP im Bundestag forderte eine Erhöhung des Kindergeldes ab 2009 von derzeit 154 Euro auf zunächst 170 Euro. «Gäbe es kein Kindergeld, würden zirka 1,7 Millionen Kinder zusätzlich unter die Armutsgrenze rutschen», sagte der Vize-Fraktionsvorsitzende, Carl- Ludwig Thiele. Eine Erhöhung müsste aber allen Familien zugute kommen. Der Sozialverband VdK Deutschland forderte, den Hartz IV- Regelsatz für Kinder um mindestens 20 Prozent auf 250 Euro zu erhöhen.
Unterschiede zwischen Stadt und Land
Das Kinderhilfswerk Unicef forderte Bund, Länder und Gemeinden auf, die Lebenschancen benachteiligter Kinder zu verbessern. Das Wohlergehen von Kindern müsse zum Maßstab für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft gemacht werden, sagte der Vorsitzende der deutschen Sektion von Unicef, Jürgen Heraeus. Der Herausgeber des Unicef-Berichts, der Familiensoziologe Hans Bertram, betonte, die Unterschiede zwischen den großen Städten und den Flächenländern seien größer als zwischen Ost und West. Das sicherste Mittel gegen Kinderarmut sei die Berufstätigkeit der Eltern. Die hohe Erwerbsrate von Frauen im Osten Deutschlands gleiche in Bezug auf die relative Kinderarmut teilweise die hohe Arbeitslosenrate wieder aus. (dpa/AP/epd)