Solidaritätskundgebung in Berlin: 

netzeitung.deEine Fanmeile für den Dalai Lama

 Herausgeber: netzeitung.de

Begeisterte Anhänger in Berlin (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Begeisterte Anhänger in Berlin
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Für die einen ist er ein Popstar, für die anderen politisches oder religiöses Idol: Seine Heiligkeit hat an diesem Montag Zehntausende zum Brandenburger Tor gelockt. Maike Schultz hat sich unters Publikum gemischt. Mit NZ-Video

Um kurz vor vier sieht man ihm noch nichts an, dem Pariser Platz. Straßenkünstler mimen SED-Soldaten, es riecht nach Pferdemist und die Touristen fotografieren das Brandenburger Tor. Doch dahinter erwartet sie an diesem Montag ein ungewohnter Anblick: Ein blau-rot gestreiftes Fahnenmeer.

Junge Familien, Rentner, Hippies – heute sind alle aus demselben Grund hier. Sie wollen Flagge zeigen bei der Solidaritätsbekundung der Tibet Initiative Deutschland (TID), und sie wollen Seine Heiligkeit, den Dalai Lama aus nächster Nähe erleben. „Ich bin extra aus dem Allgäu gekommen, um ihn zu sehen“, sagt ein Familienvater. Auf die Frage, was sie an dem Exil-Tibeter fasziniert, antworten fast alle das gleiche: „Seine Gewaltlosigkeit“. „Er ist mein Gott“, meint ein Tibeter, der als Flüchtling in Deutschland lebt.

Aber auch kritische Stimmen werden laut: „Ich war gerade ein halbes Jahr in China und weiß, dass vielen Menschen dort die Menschenrechte sehr wohl wichtig sind“, sagt die Wahl-Berlinerin Beatrix Massig. „Das geht hier gerade völlig unter“. Von den zehn angekündigten Gegendemonstrationen chinesischer Gruppen ist weit und breit nichts zu sehen. Das Bühnenprogramm nimmt ungestört seinen Lauf: „Wir fordern die Autonomie Tibets und eine klare Ansage der Bundesregierung“, rufen die Begrüßungsredner der TID.

Zu Menschenrechtsverletzungen nicht schweigen
Die tibetische Sängerin Ani Choying stimmt das buddhistische Mantra des Mitgefühls an. „Für die Opfer in Birma und China“, sagt sie. Als die Berliner Band 2raumwohnung mit ihrem Sommersong „Wir trafen uns in einem Garten“ weitermacht, bricht die Sonne durch die Wolken. „15.000 Menschen sind hier vor dem Brandenburger Tor – und inzwischen auch 13.000 am Pariser Platz“, schreit Schauspieler und Moderator Ralf Bauer um fünf Uhr ins Mikrofon. Polizisten haben sich an den Steinsäulen postiert und lassen niemanden mehr auf die andere Seite.


Endlich kündigt ARD-Journalist Franz Alt die Ankunft Seiner Heiligkeit an – aber nicht, ohne vorher ein paar kritische Sätze zu verlieren. „Hier in Berlin waren 1936 die Olympischen Spiele“, sagt er. „Ich möchte den Nationalsozialismus nicht mit China vergleichen, aber wir dürfen zu Menschenrechtsverletzungen nie wieder schweigen. Warum also habt ihr Angst vor einer Begegnung?“ fragt er mit Blick zum Reichstag nebenan. Alt erntet den ersten großen Applaus des Nachmittags, nur übertroffen vom Tosen, als der Dalai Lama die Bühne betritt.

Sanft und klug
„Ich habe ihn gesehen“, kreischt eine Frau im Publikum. Der 72-Jährige sieht aus wie immer: Klein, rot-gelbes Gewand, große, gelb getönte Brille. Und wie immer spricht er sanfte, klug klingende Worte: Über Mitgefühl für die chinesischen Erdbebenopfer, von denen durch die Einkindpolitik nun viele ihr einziges Kind verloren haben. „Ich möchte klarstellen, dass die Unterstützung Tibets keine antichinesische Haltung beinhaltet“, sagt er ganz diplomatisch in seinem englischen Singsang. „Auch die Berliner Mauer wurde durch eine friedliche Bewegung eingerissen. Ich wünsche mir, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des gewaltlosen Dialogs wird“.

Die Zuschauer jubeln und schwenken ihre Fahnen. Auch der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele ist unter ihnen. Eine Frau hält ein großes selbst gemaltes Dalai Lama-Porträt über ihren Kopf; ein andere verteilt Flyer für ihr asiatisches Restaurant. Aber mit dem buddhistischen Mönch verschwindet auch ein Großteil seiner Fans. Als der verspätet eingetroffene Heiner Geißler (CDU) reden darf, hat der Platz sich schon schlagartig geleert. Auch Geißler kritisiert die abweisende Haltung einiger Politiker: „Wenn wir helfen wollen, müssen wir uns einmischen. Wer schweigt, macht sich mitschuldig“.

Zum Schluss ruft Ralf Bauer die Menge auf, die 3000 vorher verteilten Luftballons fliegen zu lassen. Doch zu den Takten von „I believe I can fly“ steigt nur noch eine mickrige, rot-blaue Wolke in den Himmel: Die meisten wurden bereits losgelassen, als der Dalai Lama auf der Bühne stand. „Aber wir haben doch der Luftfahrtbehörde gesagt, dass wir ihnen kurz vorher Bescheid geben“, merkt der leicht panische Moderator an. Zu spät. „Ich bin ein Tibeter“, schreit Sänger Ray Horton angesichts mangelnder Ballon-Action zu seinem Auftritt. Seine Kollegen von Wir sind Helden kommen besser an: Frontfrau Judith Holofernes trägt einen Pullover mit Sonnenmotiv aus der Tibetfahne und trällert den Ton Steine Scherben-Song „Halt dich an deiner Liebe fest“. Lächelnd wiegt sich das Publikum im Takt.