Gedenken an Bücherverbrennung: «Barbarischer Ungeist» regierte vor 75 Jahren09. Mai 17:02  |  Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 | Foto: AP |
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Mit klaren Worten hat Bundespräsident Köhler an die Verbrennung «undeutscher» Schriften durch die Nationalsozialisten im Mai 1933 erinnert. Niemand hätte danach noch Illusionen über den Charakter des Regimes haben dürfen.
Deutschland hat am Freitag der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 gedacht. «Wir erinnern uns heute mit Scham daran, dass vor 75 Jahren nicht nur hier in Berlin, sondern überall in Deutschland, Zehntausende applaudiert und gejubelt haben, als die Bücher von Erich Kästner, Sigmund Freud, Karl Marx, Kurt Tucholsky und vielen anderen von Studenten ins Feuer geworfen wurden», sagte Bundespräsident Horst Köhler auf der zentralen Gedenkveranstaltung in der Berliner Akademie der Künste.
Die Nazis verbrannten 1933 weit über 1000 Titel verfolgter Autoren. Die Bücherverbrennungen waren Auftakt einer beispiellosen Jagd auf Intellektuelle. Die mehr als 90 Bücherverbrennungen 1933 waren der Höhepunkt einer Welle des Terrors gegen kritische und jüdische Intellektuelle in Kultur und Wissenschaft.
Köhler sagte vor rund 200 Gästen, dass sich damals in aller Öffentlichkeit ein barbarischer Ungeist entfaltet habe, der sich für das «wahre Deutschland» hielt. Er wies darauf hin, dass dieses Ereignis kein zufälliges Spektakel gewesen sei, sondern eine exakt geplante Vorgeschichte gehabt habe. «Es waren gerade auch Studenten und Professoren, die gegen alles, was sie für undeutsch hielten, Propaganda machten.» Die Bücherverbrennung sei keine staatliche Maßnahme, keine Aktion der SA oder der NSDAP gewesen. Veranstalter sei die Deutsche Studentenschaft gewesen.
Denkbar größte Öffentlichkeit Die quasi-religiöse Zeremonie mitten in der Nacht sei vom Deutschlandsender direkt übertragen worden. Das Ereignis habe also vor der denkbar größten Öffentlichkeit stattgefunden, sagte Köhler. So habe sich niemand mehr Illusionen darüber machen können, «wohin es mit Deutschland gekommen war und wohin es in Zukunft gehen würde». Es sei nur ein kleiner Schritt von der Ausgrenzung der Juden zur Verbrennung ihrer Bücher, und abermals ein kleiner Schritt von der Verbrennung der Bücher zur Verbrennung der Menschen gewesen. Und es habe kaum Widerstand gegen die Aktion gegeben.
Deutschland als «Exilheimat» für Autoren Das Gedenken an die Bücherverbrennung erinnere auch an eine bleibende Aufgabe: «Den Schutz des Geistes und der Humanität», sagte Köhler. Deutschland sei zur «Exilheimat» von verfolgten und bedrohten Autoren aus aller Welt geworden. «Und das ist gut.» Angriffe auf die Freiheit müssten zurückgewiesen werden. «Wer Bücher, wer Filme, wer Theateraufführungen, wer Karikaturen verbieten will, der ist auf dem falschen Weg.» Jeder könne sich in Wort und Schrift gegen das wehren, was ihm nicht passe. Verbot und Unterdrückung aber zerstörten Freiheit und Humanität.
 |  Horst Köhler und Klaus Staeck in der Berliner Akademie der Künste | Foto: AP |
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Die geschichtlichen Erfahrungen sollten genügend Ansporn sein, «mit den Mitteln, die wir haben, auch in anderen Teilen der Welt für die Freiheit zu werben», meinte Köhler. Von Generation zu Generation müsse immer neu an einer Zivilisation gearbeitet werden, «in der niemand wegen seines Glaubens, seiner Herkunft, seiner Überzeugungen ausgegrenzt oder verfolgt wird.» Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, sagte, die Bücherverbrennung sei vor allem ein intellektuelles Versagen gewesen. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, erklärte, die Verbrennung sei ein großer Schritt hin zum Untergang Deutschlands gewesen.
 |  Die 96-jährige Schriftstellerin Elfriede Bruening berichtete aus eigener Erinnerung | Foto: AP |
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Die Gedenkveranstaltung wurde von der Akademie der Künste, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Pen-Zentrum und dem Verbandes deutscher Schriftsteller unter dem Titel «Literatur auf dem Scheiterhaufen – Der Geist im Feuer» organisiert. Die Schauspieler Günter Lamprecht und Jutta Wachowiak sowie die Schriftsteller Volker Braun, Ingo Schulze und Herta Müller lasen aus Werken der damals verfemten Autoren Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Bertolt Brecht. (AP)
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