Sorge um biologische Vielfalt:
Gabriel bringt Artenschwund auf die Agenda
07. Mai 2008 17:33
 |  Bezog sich auf die neue WWF-Studie: Sigmar Gabriel. | Foto: dpa |
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Immer mehr Tierarten sind vom Aussterben bedroht, warnt eine WWF-Studie. Auf einer Sonderkonferenz hat Umweltminister Gabriel prompt vor den wirtschaftlichen Folgen der Entwicklung gewarnt.
Die Umweltminister von Bund und Ländern haben zum verstärkten Kampf gegen die weltweite Vernichtung der Artenvielfalt aufgerufen. Es gehe beim Artenschutz um harte ökonomische Fragen, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) auf einer Sonderkonferenz der Minister am Mittwoch in Mainz. Sie diente der Vorbereitung auf den UN-Umweltgipfel zum «Übereinkommen über die biologische Vielfalt» (CBD), der vom 19. bis 30. Mai in Bonn stattfindet.So sei die Entwicklung neuer Medikamente vielfach von Tier- und Pflanzenarten abhängig, die nur in der Natur vorkämen. Gabriel verwies darauf, dass die Weltgemeinschaft auf der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 beschlossen habe, das Artensterben bis 2010 möglichst zu stoppen: «Die Wahrheit ist, dass es zunimmt.» So sei etwa ein Viertel aller Fischbestände gefährdet. Die Abnahme der Bestände sei derart dramatisch, dass ab 2050 vermutlich kein kommerzieller Fischfang mehr möglich sei, mit katastrophalen Auswirkungen auf die Ernährung der Weltbevölkerung.
Naturschutzgebiete leisten mehr als Schlüsselindustrien
In einer gemeinsamen Erklärung verwiesen die Minister darauf, dass Wissenschaftler die Leistungen der Natur für die Menschheit auf einen Wert von bis zu 42 Billionen Euro pro Jahr schätzen. Artenvielfalt sei eine entscheidende Grundlage für die menschliche Ernährung und Gesundheit.
Nach Einschätzung des indischen Umweltökonomen Pavan Sukhdev übersteigen die von den weltweit rund 100.000 Naturschutzgebieten geschaffenen Werte sogar die der wichtigsten Schlüsselindustrien. So beliefen sich die berechenbaren Leistungen der Reservate auf jährlich vier bis fünf Billionen US-Dollar. Verglichen damit bringe es die weltweite Autoindustrie auf eine Wertschöpfung von 1,9 Billionen Dollar.Sukhdev sagte, Naturschutzgebiete versorgten die Menschen unter anderem mit Trinkwasser und schützten die Böden vor Erosion. Unglücklicherweise würden die ökonomischen Leistungen der Naturschutzgebiete noch immer verkannt, weil diese der Allgemeinheit gehörten und nicht ökonomisch ausgebeutet würden. Ihr Wert werde daher nicht unmittelbar in Geld sichtbar.
Zahlreiche Biotope von der Vernichtung bedroht
Vor dem Treffen hatte die Umweltorganisation WWF die Ergebnisse eine Studie über Artensterben Deutschland veröffentlicht. Demnach ist der Anteil bedrohter Biotope zwischen 1994 und 2006 von 68,7 Prozent auf 72,5 Prozent gestiegen. Langfristig drohe die Hälfte aller Biotope zu verschwinden, warnte der WWF. Zudem habe nur ein halbes Prozent der Landesfläche den Schutzstatus eines Nationalparks, während die Landschaftsschutzgebiete und Naturparks größtenteils keinen Beitrag zur Bewahrung der Artenvielfalt leisteten. Besonders Amphibien und Reptilien seien gefährdet, aber auch andere Vorkommen wie die des seltenen Apollofalters und des Haussperlings seien rückgängig.
«Naturschutz in Deutschland gleicht noch immer einem Flickenteppich von minderer Qualität», sagte der WWF-Artenschutzexperte Frank Barsch. Die Schutzgebiete seien häufig zu klein, zu isoliert und in einem schlechten Zustand, warnte er. «Bund und Länder werden ihr Ziel, das Artensterben zwischen Wattenmeer und Alpen bis 2010 zu stoppen und die biologische Vielfalt in Deutschland zu bewahren, nur mit erheblichem Mehraufwand erreichen können.» Die größten Erfolge gibt es laut WWF beim Schutz stark bedrohter Arten: Seeadler, Kranich, Biber und Seehund seien seit Jahren im Aufwind, auch der Wolf sei zurückgekehrt. «Diese erfreulichen Nachrichten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rote Liste immer länger wird», sagte Barsch.
Noch viel Arbeit vorm UN-Umweltgipfel
Er forderte die Umweltminister von Bund und Ländern auf, Naturschutz konsequent umzusetzen: «Wenn Bundeskanzlerin Merkel beim anstehenden UN-Gipfel zur Biodiversitäts-Kanzlerin werden und als gutes Vorbild vorangehen will, muss Deutschland endlich seine Hausaufgaben machen», betonte Barsch. Notwendig seien klare Standards in den Schutzgebieten, weniger Belastungen sowie mehr Geld und mehr Personal.