Himmelfahrt am 1. Mai:
Wenn sich Marx und Jesus treffen
01. Mai 2008 18:02
 |  Protest gegen die Bahn-Privatisierung am Donnerstag
| Foto: nz/tst |
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Das Wetter machte am Himmelfahrtstag die Entscheidung für die Maikundgebung leicht: Durch den Regen mag keiner den Bollerwagen ziehen. Doch viele Männer kamen aus purem Frust, wie
Tilman Steffen erfuhr.
«Kommen se, einmal im Leben Mehdorn sein», lockt der Bahner einen der Passanten. Wer will, kann am Stand der Transportgewerkschaft Transnet beim Büchsenwerfen symbolisch die Bahn zerlegen. «Sauberkeit», «Werkstatt» oder «Kundenbetreuung« steht auf den Dosen geschrieben – Bereiche, an denen die Bahn seit Jahren streicht und spart, was das Zeug hält. Mit etwas Geschick ist die Büchsenpyramide nach zwei Bällen am Boden.
Der DGB kündigte für die Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin den Chef der Transportgewerkschaft als Redner an. Doch Norbert Hansen fehlte. Schon vor Tagen erreichte die Bahngewerkschaftler eine Mail, in der sich ihr oberster Vertreter krank meldete. Der Grund ist Vielen klar: »Man kann davon ausgehen, dass es eine politische Krankheit ist«, diagnostiziert ein Gewerkschafter. Der Unmut der Mitglieder ist groß, seit die Gewerkschaftsspitze hinnahm, dass der Bund das rollende Material der Bahn an Privatanleger verscherbeln will. Den entscheidenden Impuls lieferte vor Tagen die SPD.
 |  Erst am Nachmittag sollte der Regen weichen | Foto: nz/tst |
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Mit der Blechsäule unterhalten
5000 Menschen seien da, ruft es in Berlin von der Bühne. Ohne Nieselregen hätte die Zahl vielleicht gestimmt. Tief »Agnes« trieb die Menschen deutschlandweit unter die Schirme oder hielt sie ganz zuhause. Zudem ist eine Veranstaltung, bei der Berlins Verdi-Chefin Susanne Stumpenhusen als Hauptrednerin übrig bleibt, nicht der Punkt, auf den sich das Masseninteresse konzentriert. Die Objektive richteten sich diesmal auf Mainz, wo DGB-Chef Michael Sommer und Chef-Sozialdemokrat Kurt Beck gemeinsam auftraten. Der Schulterschluss im Rheinland steht für das neue Miteinander von Gewerkschaften und Sozialdemokraten. Das verlängerte Arbeitslosengeld I für Ältere söhnte die Arbeitnehmervertreter mit der früheren Arbeiterpartei aus. Nun fordert Sommer nur noch den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn.
 |  Die Gewerkschaftsbasis ist gegen die Privatisierung | Foto: nz/tst |
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Die Transnet-Leute dagegen schieben Frust über das neue Miteinander ihres Spitzenfunktionärs mit den Bahn-Privatisierern der Großen Koalition. Sie sehen die einstige Leistungskraft ihres Unternehmens schwinden, das vom Wettbewerb aufgerieben, nur noch Durchschnitt liefert. Konzernumbau, Börsengang, Personalabbau - »Alles Entscheidungen gegen den Fahrgast« wettert der Mann am Büchsenstand über die Restrukturierungsziele des Bahnchefs. Wer auf dem Bahnsteig eine Frage habe, »kann sich dann mit einer Blechsäule unterhalten«.
Bier für fünf Mark
Doch es gibt auch die schöne Seite dieses 1. Mai. Das Bier im Plastikbecher und die Boulette vom Rost lassen die Männer den verlorenen Feiertag vergessen. »Einmal im Leben kann man den Vatertag mit dem 1. Mai verbinden«, sagt Wolfgang Michaelis, gerade in der Rente angekommener Geowissenschaftler. Das nächste Mal fällt Himmelfahrt in 154 Jahren auf den 1. Mai, zuletzt geschah das 1913. Am Stehtisch erinnert er sich daran, dass der heutige Tag der Arbeit einst hart erkämpft wurde. »Mancher ist dafür ins Gefängnis gekommen«, sagt Klaus Sawallisch und meint die Opfer des »Blutmai« von 1929 oder die Toten der Haymarket-Unruhen in Chicago von 1986.
Vor Jahren war Sawallisch noch Haustechniker im Klinikum Berlin-Steglitz. Wie Michaelis demonstrierte er ein Leben lang am Maifeiertag für gerechte Löhne. Heute erfreuen sich beide ihrer Renten. »Wir können uns für fünf Mark ein Bier leisten«, sagt Sawallisch. Der halbe Liter kostet hier 2,50 Euro.Auch Bernd Sperer war es wichtiger, sein Bier am Brandenburger Tor zu trinken. »Hier zu sein, ist wichtiger als der Vatertagsausflug«, sagt der arbeitslose Metzger, sein Kumpel Burkhard Lemker nickt von der anderen Biertischseite herüber. Vor Jahren jockelten sie noch mit Freunden und Kollegen auf einer gemieteten Kutsche ins Grüne.
Im kommenden Jahr wollen beide wieder selbst etwas organisieren. Wie sie Himmelfahrt 2009 verbringen, steht heute nur ungefähr fest: »Auf jeden Fall in Gesellschaft«, ist Sperer sicher.