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60 Jahre Israel: 

Noch kein friedlicher Tag in Israels Geschichte

08. Mai 2008 08:59
David Ben Gurion verliest am 14. Mai 1948 in Tel Aviv die israelische Unabhängigkeitserklärung
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Vor 60 Jahren hat David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel ausgerufen: Für viele Juden ihr größter Freudentag, für die Palästinenser ihre größte Katastrophe.

«Es war der größte Tag in meinem Leben. Nichts reicht da auch nur annähernd heran. Wir haben alle das Gefühl gehabt, als ob der Messias gekommen ist», erinnert sich Arieh Händler an den Gründungstag Israels vor 60 Jahren. Der in Magdeburg geborene 92- Jährige ist der letzte lebende Zeitzeuge, der am 14. Mai 1948 an der Zeremonie in Tel Aviv teilgenommen hat, bei der David Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung verlas. Die Menschen hätten in Ekstase auf den Straßen getanzt, erzählt Händler. «Und ich hatte das Gefühl: Auch wenn Israel viele Feinde hat, diese Stimmung wird dafür sorgen, dass aus diesem Staat etwas wird. Und dieses Gefühl habe ich bis heute.»

Noch in der Gründungsnacht griffen fünf arabische Staaten Israel an. «Wir haben noch auf den Straßen getanzt, als die ägyptische Luftwaffe gestartet ist und mit dem Bombardement begonnen hat», erinnert sich Händler. Nach sechs Nahostkriegen mit mehr als 20.000 getöteten Soldaten fühlt sich das kleine Land Israel, in dem gut sieben Millionen Menschen leben, auch heute noch in seiner Existenz bedroht, insbesondere durch das iranische Atomprogramm.

Gefahr der völligen Vernichtung

«Wir sind das einzige Land in der Welt, das der Gefahr der völligen Auslöschung ausgesetzt ist. Man muss seine Feinde ernst nehmen. Das ist die Lehre aus dem Holocaust», sagt Efraim Zuroff, der letzte Nazi-Jäger vom Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem. Der in den USA geborene Zuroff sieht den Staat Israel als ein fantastisches Experiment. «Aber das ursprünglich aufregende Gefühl wird von tiefer Angst vor Israels Zukunft gefärbt. Israel ist das einzige Land in der Welt, das in seiner Geschichte nicht einen friedlichen Tag hatte», sagt Zuroff.

Angesichts des Dauerkonflikts in Nahost ist der wirtschaftliche Erfolg des jüdisches Staates umso erstaunlicher. Von einer sozialistisch ausgerichteten Agrargesellschaft mit einer puritanischen Arbeitsmoral hat sich Israel zu einem modernen, konsumorientierten Hightech-Staat gewandelt. In Israel leben heute weit mehr als fünf Millionen Juden.

Für die Palästinenser bedeutete der Freudentag der Juden jedoch ihre größte Katastrophe. «Der 60. Jahrestag der Nakba (Katastrophe) bezeichnet den Tag, an dem unsere Menschen aus ihren Häusern und von ihrem Land vertrieben und zu staatenlosen Flüchtlingen verteilt über die Welt wurden», sagt der Berater von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, Nimr Hammad. Die etwa eine Million Menschen zählende arabische Minderheit in Israel wird von vielen Israelis noch immer als fünfte Kolonne - als gegen den Staat arbeitende Gruppe - angesehen und hat nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mit Diskriminierung zu kämpfen.

«Das heilige und nationale Recht der Rückkehr»

Israelische Militäranlagen im Westjordanland
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Seit mehr als 40 Jahren hält Israel zudem das Westjordanland unter Besatzung. Nur im Gazastreifen wurden die Siedlungen im Sommer 2005 geräumt - Israel kontrolliert aber weiterhin die Grenzen. Die radikal-islamische Hamas-Organisation, die dort im Juni gewaltsam die Kontrolle übernommen hat, will Israel nicht anerkennen und fordert eine Rückkehr der Flüchtlinge als «heiliges, individuelles und nationales Recht». «Wir opfern unsere Führer, uns selbst und unser Blut für diese prinzipielle Sache», sagt Hamas-Führer Ismail Radwan. «Der Traum der Palästinenser, nach Jaffa, Aschkelon und Jerusalem zurückzukehren, wird eines Tages wahr werden.»

Ungeachtet der vielen Rückschläge bemühen sich Israel und die Palästinenser weiter um eine friedliche Einigung. Nach siebenjähriger Unterbrechung wegen des zweiten Palästinenseraufstands (Intifada) nahmen beide Seiten im Januar ihre Gespräche wieder auf - mit der erklärten Absicht, bis Jahresende ein Rahmenabkommen auszuhandeln. Die Hoffnungen sind so groß wie die Zweifel, dass die größten Streitfragen wie die Hoheit über Jerusalem oder das Rückkehrrecht der Palästinenser gelöst werden können.

Marodes Bildungssytem

Doch nicht nur die Konflikte mit den Palästinensern bereiten vielen Israelis Sorgen, es sind auch interne Probleme. Etwa die Kluft zwischen einer säkularen, westlich orientierten Mehrheit und einer politisch einflussreichen strengreligiösen Minderheit, die aufgrund einer hohen Geburtenrate stetig wächst. Als Bedrohung für die innere Einheit werden auch das marode Bildungssystem empfunden sowie eine zunehmende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft, als deren Ursache viele Menschen die Dauerbesatzung sehen. Auch die Diskrepanz zwischen Armen und Reichen wird größer. Nach einer Untersuchung der Zentralbank teilen sich 20 Familienunternehmen knapp 40 Prozent des israelischen Marktes. Diese wenigen superreichen Familien bilden eine neue Aristokratie, die großen Sozialneid weckt.

«Nicht alles ist gut, aber vieles ist besser als früher», meint Zeitzeuge Arieh Händler. «Um diesen Staat zu haben, muss man bereit zu Opfern sein. Das ist etwas, was die Leute vergessen haben.» Der Pionier wünscht sich eine Rückbesinnung auf die alten Werte der Gründerjahre, etwa auf die soziale Gerechtigkeit. «Wenn man will, dass junge Juden nach Israel kommen, dann müssen die das Gefühl haben, dass das Land auf gesunden Idealen basiert und nicht nur darauf, Geld zu machen.» (Von Sara Lemel und Hans Dahne, dpa)

 
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