06.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Kanzlerin Merkel spricht als erste deutsche Regierungschefin vor der israelischen Knesset
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Schon Israels Staatsgründer David Ben Gurion hat dem deutschen Kanzler Adenauer in den fünfziger Jahren die Hand gereicht. Politiker beider Länder sprechen von einer besonderen Freundschaft. Die Bundesbürger sind indes distanzierter.
Es war ein besonderer Moment in den schwierigen deutsch-israelischen Beziehungen: Nach der Rede der Kanzlerin erhoben sich vor gut anderthalb Monaten die Abgeordneten der Knesset von ihren Sesseln. Angela Merkel hatte ihre Ansprache - die erste eines ausländischen Regierungschefs vor dem israelischen Parlament überhaupt - einen Augenblick zuvor mit dem Bekenntnis beendet: Deutschland werde Israel «nie alleinlassen, sondern treuer Partner und Freund sein».
Viele Parlamentarier applaudierten Merkel in Jerusalem stehend. Ein Israeli sagte im Anschluss, das letzte Mal habe es in der Knesset Beifall für einen ausländischen Gast gegebenen, als sich Ägyptens Präsident Anwar el Sadat dort vor 31 Jahren zum Frieden mit Israel bekannte. Und nun diese Sympathiebekundung ausgerechnet für die Repräsentantin des Landes, von dem aus das Menschheitsverbrechen der Vernichtung des jüdischen Volkes, der Schoah, ausgegangenen war.
Deutschland wichtigster Partner in EuropaEs war aber nicht nur dieser Schlusspunkt der Merkel-Reise, der Aufsehen erregte. Schon während des gesamten dreitägigen Aufenthalts kurz vor Ostern entstand der Eindruck, dass die deutsch-israelischen Beziehungen auf Regierungsebene noch nie so gut waren wie gerade jetzt zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels.
Der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, schrieb kürzlich in der Wochenzeitung «Das Parlament»: «Die Bundesrepublik ist für Israel der wichtigste Freund nach den Vereinigten Staaten geworden.» In allen Fragen sei Deutschland für sein Land «die Nummer eins in Europa». Die israelische Parlamentspräsidentin Dalia Izik fügte hinzu, dass Deutschland neben den USA der einzige Staat sei, der Israel militärisch und wirtschaftlich helfe.
Wegen der Schoah, des millionenfachen Massenmords an Juden, haben die beiden Länder allerdings auch heute noch eine ganz besondere Beziehung. Das betonten auch deutsche Politiker in Israel immer wieder. Nach der Gründung Israels grenzte sich der Staat völlig von Deutschland ab. In den Pässen der neuen Staatsbürger stand: «Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands.» Der Gebrauch der deutschen Sprache war in Israel verboten.
Ein langer Prozess der Aussöhnung Doch bereits in den fünfziger Jahren reichte Israels Staatsgründer David Ben Gurion dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer die Hand. Ein langer Prozesse der Aussöhnung begann. Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert umschrieb dies in der Knesset mit den Worten: Die Freundschaft sei «gegen alle Widrigkeiten erwachsen» - «wie eine zarte Pflanze, die aus einem Aschehaufen erwuchs».
Die deutsche Politik hat sich parteiübergreifend immer dazu bekannt, dass noch heute die Erinnerung und das Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für den Holocaust die Basis für die Zukunft sind. Denn auch mehr als 60 Jahre danach ist der Schmerz in Israel über den Verlust von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter, Onkeln und Tanten in den Gaskammern nicht gewichen. Auch das hat Izik am 18. März in der Knesset vor der Rede Merkels bewegend ausgedrückt. Und nach wie vor gibt es Parlamentarier, die in der Knesset keine Rede auf Deutsch ertragen können.
Merkel und Olmert haben dennoch ein neues Kapitel aufgeschlagen. Während der Reise gab es die ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen. Sie sollen den Rahmen für eine noch tiefere Zusammenarbeit bilden. Schon jetzt lassen sich dazu beeindruckende Zahlen zusammenstellen: 500 000 junge Leute haben bereits am gegenseitigen Schüler- und Jugendaustausch teilgenommen. Mehr als 85 deutsche Städte und Gemeinden pflegen eine Städtepartnerschaft mit Orten in Israel.
Wenig ZustimmungTrotzdem stößt Israel in Deutschland - ist Umfragen zu glauben - auf eine weit verbreitete Ablehnung. Nur 13 Prozent der Deutschen äußerten in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift «Internationale Politik» ausdrückliche Bewunderung für die einzige Demokratie im Nahen Osten. Die Mehrheit von 57 Prozent sehen den Staat der Juden wegen des Konflikts mit den Palästinensern kritisch.
Auch will sich die Mehrheit der Deutschen nicht zur besonderen Verantwortung zu Israel bekennen, so eine andere kürzlich veröffentlichte Umfrage. Das tiefe Gefühl der Verbundenheit mit Israel, das viele deutsche Politiker haben - es findet sich in der Bevölkerung offensichtlich so nicht wieder. Gespalten sind aber scheinbar auch die Gefühle in Israel. Deutschland steht dort in der normalen Bevölkerung für eine Mischung «des Dunklen und des Großartigen», wie der Chefredakteur des Ersten israelischen Fernsehens, David Witzthum, analysiert. (Von Ulrich Scharlack, dpa)