60 Jahre als palästinensischer Flüchtling: «Ein Leben voller Frustration»08. Mai 2008 10:27  |  Palästinenser werfen Steine auf ein israelisches Militärfahrzeug im Flüchtlingslager Balata | Foto: dpa |
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In dem 1950 gebauten Flüchtlingslager Balata im Westjordanland leben heute 25.000 Palästinenser unter trostlosen Bedingungen. Wasser gibt es nur alle fünf Tage und jede Nacht durchstreift die israelische Armee das Lager.
Ein, zwei, vielleicht drei Tage wollte die Familie fortbleiben. «Nur bis die Kämpfe vorbei waren.» Sein Fahrrad hatten sie mitgenommen, auf dem der 14-Jährige seine beiden kleinen Geschwister schob. Und einen Esel, den die Eltern mit einigen Decken und Essen beladen hatten. Mehr nicht. Gerade genug für ein paar Nächte draußen im Feld. «Aber dann, dann haben die Juden unser Dorf übernommen», sagt Ahmed Eswid. Aus den ein, zwei, vielleicht drei Tagen wurden 60 Jahre. Und der Palästinenser wurde zum Flüchtling im eigenen Land.
Die Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 - in die arabischen Geschichtsbücher ging dieser Akt als «al-Nakba», die Katastrophe, ein. Im arabischen Bewusstsein wird bis heute verdrängt, dass ihre Armeen Israel noch in der Gründungsnacht angriffen und damit den Krieg begannen, der zur Flucht und Vertreibung führte.
Wie Fremdkörper Etwa 700.000 Palästinenser flüchteten damals aus ihren Häusern und Dörfern vor den Kämpfern der jüdischen Untergrundarmee «Hagana» und anderen zionistischen para-militärischen Gruppen oder wurden von ihnen vertrieben. Sie strandeten im heutigen Westjordanland, im Gaza- Streifen sowie in Jordanien. In Ländern wie dem Libanon und Syrien leben sie wie Fremdkörper und haben keine Chance auf Integration. Mit ihren Nachkommen ist die Zahl der Vertriebenen laut Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) bis heute auf mehr als 4,5 Millionen angestiegen. Ein Drittel von ihnen lebt noch immer in Flüchtlingscamps, die nach der «Katastrophe» von 1948 eigentlich nur kurzzeitig als Auffangort dienen sollten.
Balata bei Nablus ist heute das größte Flüchtlingslager im Westjordanland. «1950 wurde es für 4000 bis 5000 Flüchtlinge gebaut», sagt Schahir Badawi vom Kulturzentrum «Jafa» in Balata. «Heute leben auf der gleichen Fläche 25.000 Menschen.» Die Probleme im völlig überfüllten Lager sind vielfältig. «Es gibt keine Arbeit, die medizinische Versorgung ist schlecht und die Nahrungsrationen werden weniger», sagt Badawi. In den Schulen wird in zwei Schichten unterrichtet, weil es zu wenig Platz, zu wenig Lehrer für zu viele Kinder gibt. Rund 40 Prozent der Bewohner sind laut UNRWA unter 14 Jahre alt. Wasser gebe es bloß alle fünf Tage für drei Stunden, und fast jede Nacht komme die israelische Armee ins als Widerstandsnest bekannte Lager, um nach bewaffneten palästinensischen Kämpfern zu suchen. «Es ist ein Leben voller Frustration», sagt Badawi. Der Frust, die Verbitterung ist auch bei Ahmed Eswid zu spüren. Der 75-Jährige sitzt in seinem Wohnzimmer in einem der heruntergekommenen Häuser in Balata, seinen kleinen Enkel, der wie schon sein Vater im Camp geboren wurde, auf dem Schoß. «Ja, ja, die Juden helfen dir, wenn du willst», sagt er laut. «Aber nur, wenn du sterben willst.» Nachdem Eswid im Mai 1948 mit seiner Familie sein Dorf Kfar Ana in der Nähe Tel Avivs verlassen hatte, zogen sie auf der Flucht vor den zionistischen Kämpfern von Ort zu Ort. Immer weiter vom Meer, in dem Eswid als Kind so oft gebadet hatte, immer weiter von der Heimat weg. «Wir waren so sauer, wir waren aufgeregt und verzweifelt. Wir hatten das Versprechen von den arabischen Ländern, dass wir bald zurück in unsere Dörfer gehen könnten, aber nichts passierte.» 1955 kam der Palästinenser nach Balata.
Sehnsucht nach der Heimat
 |  Arabische Frauen und Kinder fliehen nach der Gründung Israels in den Libanon | Foto: dpa |
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Auch nach 60 Jahren kann sich Eswid noch gut an seine Heimat erinnern. «Wir hatten viel Land», sagt er, «es waren gute Lebensbedingungen.» Seine Eltern waren Bauern, haben ihre Früchte sogar bis nach Europa exportiert. «Als wir gesehen haben, dass man hier Orangen pro Kilo verkauft, haben wir nur gelacht», sagt er. Mit den Juden hätten sie zunächst friedlich zusammengelebt. «Die haben immer Eier von uns gekauft.» Eine schöne Kindheit habe er gehabt. Die Sehnsucht nach der Heimat, die Erinnerungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, sind es, welche die Menschen im Camp vereint, sie ihre trostlose Situation aushalten lässt. «Die Leute akzeptieren das Leben hier», sagt Schahir Badawi. «Aber sie würden niemals ihr Recht auf Rückkehr, das in der UN- Resolution 194 verankert ist, aufgeben.» Auch Ahmed Eswid träumt noch immer von seinem Dorf. «Ich bin nun 75 Jahre alt», sagt er, «und ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, zurückzugehen.» (Von Indra Kley, dpa)
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