Bürgermeisterwahl in London: 

netzeitung.deBizarres Duell um die Macht an der Themse

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Zwei exzentrische Politiker liefern sich ein spannendes Rennen um das Londoner Bürgermeisteramt. Michaela Duhr stellt den Wassermolch-Züchter und Amtsinhaber Livingstone und seinen reaktionären, schlagfertigen Gegner Johnson vor.

Witzig, lausbübisch, zerzaust, intelligent und reaktionär. Das sind nur einige der Attribute, die dem britischen Konservativen Boris Johnson zugeschrieben werden. Der exzentrische 43-Jährige kämpft gegen den nicht minder exzentrischen Amtsinhaber Ken Livingstone um die Londoner City Hall. Anfangs siegessicher muss der 62-jährige Labour-Politiker inzwischen um seine Macht fürchten: Bei der Bürgermeisterwahl am 1. Mai zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden ab. Und in den Wettbüros hat Johnson das Duell schon gewonnen.

Johnson und Livingstone eint lediglich Exzentrik, doch damit enden bereits die Gemeinsamkeiten. «Kompetenz und Erfahrung» gegen «Glanz und Charme» brachte der Leitartikler der britischen Zeitung «Independent» den Wettstreit am Montag auf den Punkt. Mit politischen Erfolgen kann der 1964 in New York geborene Alexander Boris de Pfeffel Johnson bisher nicht punkten. Auch hat er keinerlei Erfahrung in der Verwaltung oder Organisation einer Metropole wie London. Dennoch ließ er sich von seiner Partei überzeugen, als Kandidat gegen Livingstone anzutreten. Würde er gewinnen, wäre er der erste konservative Bürgermeister Londons.
Zitat gefälscht
Johnson weist als britischer Konservativer eine recht unkonventionelle Karriere auf, obwohl er die Elite-Schule Eton und später die renommierte Oxford-Universität besucht hat. Nach seinem Philologiestudium tat er sich vor allem als Journalist hervor. Er arbeitete zunächst für mehrere Lokalblätter, dann bei der «Times», die ihn allerdings feuerte, weil er ein Zitat gefälscht hatte. Schließlich arbeitete er mehrere Jahre als Chefredakteur des konservativen Wochenmagazins «Spectator». 2005 gab er den Posten auf, als er zum Erziehungsminister in das Schattenkabinett der oppositionellen Konservativen Partei von Michael Howard berufen wurde. Aus diesem Team flog Johnson, weil er eine Affäre mit der New Yorker Korrespondentin des «Spectators» geleugnet hatte.

Breitere Bekanntheit erreichte Johnson durch die TV-Show «Have I got news for you?». Bei mehreren Gastauftritten machte er sich beim Publikum vor allem als zerstreuter Tollpatsch beliebt. So schloss er sich bei einem Interview vor seinem Haus vor laufender Kamera versehentlich aus seiner Wohnung aus, ein andermal klingelte sein Handy während der Sendung. Allerdings machte der Journalist mit dem unbändigen, blonden Haarschopf nicht nur als sympathischer Witzbold Schlagzeilen.

Für Empörung sorgten vor allem rassistischen Aussagen über Schwarze, die «wie Wassermelonen grinsen» oder Artikel, in denen er den Islam als «mittelalterlich, herzlos und widerlich arrogant» bezeichnete. Um die Wogen zu glätten, grub Johnson nun unter seinen Ahnen einen muslimischen Verwandten aus: Sein Urgroßvater Ali Kemal war der letzte Innenminister des Osmanischen Reiches und ließ Kemal Atatürk verhaften. Dafür wurde er von Atatürks Anhängern gelyncht. Der Sohn Osman Ali, Johnsons Großvater, floh nach London.

Antisemitische Äußerungen
Aber auch sein Widersacher Livingstone ist nicht zimperlich in der Wahl seiner Worte: Dieser hatte einst einen jüdischen Zeitungsreporter mit einem KZ-Aufseher verglichen. Er wurde damals für vier Wochen von seinem Amt suspendiert.

Livingstone ist wie Johnson kein typischer Vertreter seiner Partei. Er wurde aus Labour vertrieben, um dann wieder in deren Reihen aufgenommen zu werden. Lange Zeit genoss der aus bescheidenen Verhältnissen stammende 62-Jährige große Popularität in der britischen Hauptstadt. Vor allem die Einführung der City-Maut vor fünf Jahren brachte ihm viele Sympathien. Er investierte in das Busnetz, verbesserte das Ticketsystem der U-Bahn und holte die Olympischen Spiele 2012 an die Themse.

Whiskey am Morgen
Die Londoner verziehen dem «roten Ken» denn auch so manches, wie beispielsweise seine Verbindung zu dem linken Autokraten Hugo Chávez und seine Nähe zu umstrittenen moslemischen Organisationen. Allerdings scheinen sie nach acht Jahren genug von dem auch «Umweltfanatiker» genannten Livingstone zu haben. Dem Bürgermeister, der auch schon mal am Morgen bei Meetings in der City Hall zu einem Glas Whiskey greift, werden Arroganz, Abgehobenheit und Vetternwirtschaft vorgeworfen.

Außerdem überschatten einige Skandale die Amtszeit des Wassermolch-Züchters. So trat erst vor wenigen Wochen sein Berater für Gleichstellungsfragen, Lee Jasper, zurück. Er hatte Zehntausende Pfund an Bürgerinitiativen überwiesen, die ihm offensichtlich alle viel zu nahe standen. Wenig überrascht zeigte sich die britische Öffentlichkeit, als herauskam, dass Livingstone über die beiden offiziellen Kinder hinaus noch drei weitere hat.

Allerdings ist ungewiss, wie ernst es dem politischen Leichtgewicht Johnson wirklich ist: Als er darauf hingewiesen wurde, dass er im Falle eines Wahlsieges am 24. August nach Peking reisen müsse, um die Olympische Flagge entgegenzunehmen, soll er in seinem Kalender geblättert und ausgerufen haben: «Aber in dieser Woche bin ich in der Toskana!».