«V2-Day» in Italien: 

netzeitung.deStatt Gewehren das Internet als «Waffe»

 Herausgeber: netzeitung.de

Das Web 2.0 macht es möglich: Im Internet ist in Italien um Beppe Grillo eine Protestbewegung entstanden. Über sein Blog macht der Komiker gegen das Parteien- und Mediensystem mobil - mit Erfolg. Eine wichtige Gegenöffentlichkeit, findet Katrin Matthes .

Wer Beppe Grillos Blog öffnet, betritt eine neue Welt. Das verwirrt erstmal. Rechts stehen bunte Kampagnen-Links, in der Mitte meist ein politischer Text, der mit Videos auf Youtube verlinkt ist. Grillo schreibt in farbigen, oft drastischen Worten über Ökonomie und Konsum, über Ökologie und Vetternwirtschaft. Seine Thesen und Anklagen belegt er mit Montagen und Videos. Sein Ziel: Das bestehende Systemgeflecht aus Medien, Wirtschaft und Politik zu demaskieren. Und das gelingt ihm gut.

Seine Worte fallen auf fruchtbaren Boden: Das Blog ist eines der meistgelesenen der Welt. Kein Wunder, die Italiener haben gerade die 62. Regierung innerhalb von 63 Jahren gewählt. Als im Jahr 1992 das politische System nach Korruptionsskandalen zusammenbrach und sich zahlreiche Parteien auflösten oder neu gründeten, hofften viele Italiener auf einen Neuanfang. Aber seitdem hat sich nur bewahrheitet, was auch schon vorher galt: Damit alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern - das so genannte Leoparden-Prinzip, benannt nach einem Buch von Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

Heute ist das Leben in Italien so teuer wie nie zuvor, das Lohnniveau stagniert dagegen. Viele junge Italiener leben in prekären Arbeitsverhältnissen und hangeln sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten. Unzählige Skandale und die Unfähigkeit von Politikern, die Probleme des Landes anzupacken, hat viele Menschen aufgebracht.

Kampagnen gegen die Mächtigen
Beppe Grillo schreibt über das, was die Leute bewegt. Seine Kampagnen richten sich gegen Parteien aller Couleur. Aber der Genuese mit dem graugewellten Haar hat auch die Unternehmen und die Wirtschaftspolitik im Visier. Er kämpft gegen die Telecom Italia und den Parmalat-Konzern genauso wie gegen die Privatisierung von Wasser oder den Bau von Müllverbrennungsanlagen.

In seinen wortgewaltigen Monologen, in denen er schwitzend über Italiens Showbühnen rennt, und die auf Youtube-Videos zu sehen sind, ereifert er sich über den Bau des Hochgeschwindigkeitszuges Tav durch das idyllische Val di Susa, an dessen Bau Firmen von Politikern beteiligt sind. Oder er schimpft über die europäische Nahrungsmittelpolitik, die forciert, dass Kartoffeln aus Westfalen zum Waschen nach Sizilien geschickt, in Zürich in Scheiben geschnitten und in Belgien frittiert werden, um anschließend wieder in westfälischen Supermärkten zu landen.

Er wolle das Publikum nicht erziehen, betont Grillo. Ihm gehe es darum, dass die Menschen bestimmte Dinge erfahren, die sonst verborgen blieben. Aber er will auch Wege zum Handeln zeigen. So fordert er - ganz im Sinne des Web 2.0. - über sein Blog zu Aktionen auf: Zum Beispiel brachte sein Aufruf «Raus aus dem Irak» dem damaligen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi im Jahr 2005 rund 800.000 Mails ein.

Bürger sollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen
Mit seiner Kritik spricht er vielen aus dem Herzen. Sein Erfolg gründet im radikalen Glauben an die direkte Demokratie: Die Bürger sollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, anstatt die Verantwortung in Wahlen an Parteien zu delegieren. Darum geht er auch nicht selbst in die Politik und wird zu einem Teil des Systems werden. Er will die Dinge von außen ändern.

Sein Ziel ist es, Bürgerlisten zu bilden. Darüber sollen die Italiener besonders die lokal wichtigen Themen wie Wasser, Strom oder Müllabfuhr selbst organisiseren und verwalten. Ihr Kommunikationskanal: das Internet. Grillos Philosophie ist nicht ein Land ohne Parlament, sondern ein Land ohne Parteien, in denen sowie in den Machtinteressen einer aufgeblähten Bürokratie er die Wurzel allen Übels sieht.

Doch ist der Protest nicht nur virtuell. Das er über sein Blog Massen bewegen kann, hat Grillo im vergangenen September gezeigt. In ganz Italien fanden am so genannten «V-Day» (V steht für Vaffanculo, auf deutsch: «Leck mich») in rund 300 Städten Demonstrationen statt, 300.000 Italiener unterzeichneten eine Petition Grillos, für ein «sauberes Parlament». Die Forderung: Rechtskräftig verurteilte Politiker sollen nicht mehr kandidieren und niemand soll länger als zwei Legislaturperioden im Parlament sitzen dürfen.

Zum zweiten Mal heißt es «Leck mich»
Nun rief der Kabarettist zum «V2-Day» auf - am 25. April, dem Nationalfeiertag zur Befreiung vom Faschismus. An diesem Tag wird auch der Partisanen-Bewegung Resistenza gedacht. Viele sehen darin ein Zeichen dafür, Grillos eigentliches Ziel sei es das Land zu spalten. Es ist die x-te Provokation, schreibt die linksliberale Zeitung «La Repubblica». Grillo antwortet darauf in seinem Blog: «Der V2-Day ist die Fortsetzung der Befreiung, er richtet sich gegen niemanden, dem dieser Tag viel bedeutet.» Die Bewegung der «grillini», wie sich die Anhänger des Komikers nennen, wird zu einer Art neuer Resistenza. Mit einem Unterschied: Sie benutzen keine Gewehre. «Unsere Waffe ist das Internet», sagt Grillo.

Der V2-Day nimmt das italienische Mediensystem in Augenschein. Grillo startete seine Karriere als Komiker Anfang der achtzigeer Jahre bei dem öffentlichen Sender Rai, hat inzwischen aber Auftrittverbot im Fernsehen - weil er zuviel über die Mächtigen im Land spottete. Auch die Zeitungen berichten, wenn überhaupt, mit negativem Zungenschlag über den 59-Jährigen.

Am vergangenen Freitag sammelte er unter dem Titel «Freie Information in einem freien Land» die Unterschriften der Italiener. Es geht dabei um die Abschaffung des Berufsverbands für Journalisten, einem Relikt aus Mussolinis Zeiten. Bis heute muss jeder, der in Italien Journalist werden will, zuvor über eine Prüfung in diesen Verband aufgenommen werden. Außerdem fordert Grillo, dass die öffentliche Finanzierung von Zeitungen eingestellt wird, um sie vom Einfluss parteilicher Interessen zu befreien. Sein drittes Ziel ist es, die Aufhebung des «Gesetz Gasparri» zu erreichen, das die marktbeherrschende Stellung Berlusconis Mediaset-Konzerns ausweitet und das Verbot aufhebt, dass eine Person nicht mehr als zwei Sender besitzen darf.

Die krachende Sprache Grillos rüttelt viele Italiener auf
Viele Italiener vertrauen Grillo, weil er keiner Partei angehört und nie angehört hat. Weil er glaubhaft gegen die Mächtigen im Land kämpft. Das er dabei eine einfache Sprache benutzt, stört nur wenige. Im Gegenteil: Er spricht die Sprache des Volkes, klopft jedem, der es möchte, auf die Schulter, kommt authentisch rüber und geht mit eigenen Widersprüchen offensiv um. Man kann vieles davon als Populismus kritisieren, und einige tun das auch. Aber manchmal braucht es eben Populismus, um dem Populismus der Mächtigen etwas entgegensetzen zu können.

Über sein Blog hat er jedenfalls eine Gegenöffentlichkeit in Italien geschaffen. Sein Ziel, über Bürgerlisten das Land zu regieren, mag utopisch sein. Doch seine Kampagnen finden mittlerweile Eingang in politische Agenden. Außerdem bringt er das Engagement einer Zivilgesellschaft zurück in die Öffentlichkeit. Zu viele Menschen lassen sich von den Fernsehsendern Berlusconis mit tanzenden, halbnackten Mädchen einlullen. Die krachende Sprache Grillos und seine Internet-Welt haben viele aufgerüttelt und mobilisiert. Das ist eine Hoffnung für Italien.