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Interview zu US-Vorwahlen: 

«Clinton und Obama sind keine Parteisoldaten»

24. Apr 2008 10:55, ergänzt 12:34
Barack Obama bei einem Wahlkampfauftritt in Pennsylvania
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Das erbitterte Duell zwischen den demokratischen Kandidaten wird weitergehen: «Aufgeben wird keiner von beiden», meint Amerika-Experte Thomas Greven. Michaela Duhr sprach mit ihm über Clintons Kalkül und McCains Chancen.

Allein mit den Stimmen der Delegierten aus den Vorwahlen kann weder Hillary Clinton noch Barack Obama die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten erringen. Deshalb kämpfen jetzt beide um die 795 Kongressabgeordnete, Senatoren und sonstige Partei-Promis, die am Ende das Zünglein an der Waage sein werden. «Clinton sagt den Superdelegierten mehr oder weniger deutlich: Ein schwarzer Mann kann in den wichtigen Bundesstaaten mit hohen Bevölkerungsanteilen weißer Männer nicht gegen McCain gewinnen», meint der Politikwissenschaftler Thomas Greven vom Berliner Institut für Internationale Politik im Gespräch mit der Netzeitung.

Auch wenn ihr Rivale Obama insgesamt bei den Delegiertenstimmen vorne liegt, sei ihre Botschaft nicht von der Hand zu weisen, meint der Amerika-Experte. Obama habe zwar mehr Staaten gewonnen, aber darunter seien eben viele Staaten, die für die Hauptwahl der Demokraten unwichtig seien. «Ob Obama in Mississippi triumphiert, spielt keine Rolle, denn der Bundesstaat wird sowieso republikanisch wählen.» Greven rechnet damit, dass Clintons Kalkül aufgehen könnte und sie am Ende als Siegerin aus dem Zweikampf hervorgehen wird.

Zugleich warnt er, John McCains Vorsprung in landesweiten Umfragen überzubewerten. Greven geht nicht davon aus, dass McCain als lachender Dritter aus dem Wahlkampf hervorgeht. Zwar werde im Moment nicht gegen McCain mobilisiert. «Das wird sich ändern, sobald die heiße Phase des Wahlkampfes beginnt und klar ist, wer gegen ihn antritt.»

Netzeitung: Wie bereits befürchtet, ist auch nach der Vorwahl in Pennsylvania im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur alles offen. Herr Greven, wird die Entscheidung zwischen Hillary Clinton und Barack Obama erst im August fallen?

Thomas Greven: Das ist zu erwarten, wenn es nicht doch noch zu sensationellen Überraschungen kommt. Aber damit ist nicht zu rechnen. Am Ende entscheiden die Superdelegierten auf dem Nominierungsparteitag im August. Bei den Demokraten stehen zwar noch einige Vorwahlen aus, da aber die Delegierten nach Verhältniswahlrecht bestimmt werden, ist es unwahrscheinlich, dass einer der beiden die nötige Mehrheit für sich gewinnt.

Netzeitung: Die beiden Bewerber sind nach dem aufreibenden Wahlkampf sichtlich angeschlagen. Die Attacken werden persönlicher, die beiden beleidigen und beschädigen sich gegenseitig. Wird das so weitergehen?

Greven: Ja, sicherlich. Aber Obama hält sich im Vergleich zu Clinton mit seinen Attacken zurück. Das zeigt sich zum Beispiel an seiner Reaktion auf die Kritik an seinem früheren Pastor Jeremiah Wright. Dass die Clintons diesen bei ihren Eheproblemen zugezogen haben, hat Obama bisher noch mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Seine Angriffe sind sicher schärfer geworden, aber im Rahmen der politischen Kultur in den USA fährt er noch immer eine sehr kontrollierte Offensive. Das muss er auch, denn das ist der Politikstil, für den er steht. Er steckt diesbezüglich in einer Falle, aus der er nicht so leicht herrauskommt.

Aufgeben wird keiner von beiden

Thomas Greven
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Netzeitung: Der zermürbende Kampf ist ein Alptraum für die demokratische Partei. Manche führende Demokraten fordern ein Ende des Wettstreits. Gibt es einen Ausweg?

Greven: Nur wenn einer der beiden aufgeben würde. Aber warum sollten sie das tun? Sie sind keine treuen Parteisoldaten, die sich innerhalb einer Partei hochdienen, wie wir das in Deutschland kennen. Sie sind politische Unternehmer, denen es um ihre politische Karriere geht. Die beiden liegen Kopf-an-Kopf. Es gibt keinen Grund aufzugeben. Bei einer Niederlage in Pennsylvania wäre ein Ausstieg für Clinton in Frage gekommen, doch jetzt sieht sie sich selbst im Aufwind.

Netzeitung: Barack Obama liegt insgesamt bei den Delegiertenstimmen deutlich vorne. Lässt sich denn bei den Superdelegierten schon eine bestimmte Tendenz ausmachen?

Greven: Selbst wenn sich eine Tendenz abzeichnen würde, könnte man darauf nicht viel geben, denn es handelt sich nur um Momentaufnahmen. Die Superdelegierten sagen in Interviews das, was sie genau in diesem Augenblick denken. Am Ende kommt es darauf an, für wen sie sich im August tatsächlich entscheiden.

Clinton wird sicher versuchen, die nächsten Vorwahlen zu gewinnen, aber letztlich sagt sie den Superdelegierten mehr oder weniger deutlich: Ein schwarzer Mann kann in den wichtigen Bundesstaaten mit hohen Bevölkerungsanteilen weißer Männer nicht gegen McCain gewinnen. Ihr müsst die Sache für mich entscheiden, denn nur ich kann diese wichtigen Staaten gewinnen. Sie hat die Rassenkarte gezogen.

Netzeitung: Können die Superdelegierten den Vorsprung Obamas bei den Delegierten insgesamt ignorieren?

Greven: Auf jeden Fall. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Obama zwar mehr Staaten gewonnen hat, aber darunter sind eben viele Staaten, die für die Hauptwahl der Demokraten unwichtig sind. Ob Obama in Mississippi triumphiert, spielt keine Rolle, denn der Bundesstaat wird sowieso republikanisch wählen.

Die Arithmetik der US-Präsidentschaftswahlen ist sehr viel komplizierter als bei uns. Nur höchstens zwei Handvoll Staaten werden für die Hauptwahl letztlich entscheidend sein. Dann dreht sich alles nur noch um die Frage: Welcher der beiden Kandidaten hat in welchen Wählerschichten in diesen wichtigen Staaten welche Resonanz? Und Clinton kann glaubwürdig behaupten, dabei einen eindeutigen Vorsprung gegenüber Obama zu haben.

Republikaner wecken wenig Begeisterung

Netzeitung: Der erbitterte Vorwahlkampf hat zu einer tiefen Spaltung bei den Demokraten geführt. Wie können die Anhänger der beiden Bewerber im Hauptwahlkampf wieder zusammengeführt werden?

Greven: In der einen oder anderen Weise wird das sicherlich passieren. Vor allem von der für beide kritischen Wählerschaft, nämlich weiße Männer mit geringem Einkommen und wenig Ausbildung, werden wohl einige zu McCain überlaufen oder nicht zur Wahl gehen. Es kann auch sein, dass weniger Schwarze als üblich demokratisch wählen und im Falle einer Nominierung Clintons zuhause bleiben.

Aber die Demokraten haben bei den Vorwahlen eine enorme Begeisterung und ein großes Engagement bei den Wählern geweckt: Obama hat in manchen Staaten alleine mehr Wähler mobilisiert als alle republikanischen Bewerber zusammen. Die Republikaner locken dagegen momentan fast niemanden hinterm Ofen hervor. Und zudem gibt es noch die großen gesellschaftlichen Gruppen wie beispielsweise Kirchen, Gewerkschaften oder Vereine. Diese Organisationen werden, wenn der endgültige Kandidat feststeht, gegen den politischen Gegner mobilisieren.

Republikanischer Präsidentschaftskandidat John McCain
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Netzeitung: Der Kandidat der Republikaner, John McCain, scheint von dem erschöpfenden Zweikampf der Demokraten zu profitieren. In nationalen Umfragen liegt er leicht vorne. Könnte er der lachende Dritte sein?

Greven: Wie schon erwähnt, bei einer Wählergruppe liegen Clinton und Obama zurück: Gering verdienende, schlecht ausgebildete, weiße Männer haben Vorbehalte sowohl gegen Obama als auch Clinton. Diesen Vorteil wird McCain im Hauptwahlkampf leicht ausspielen können. Im Moment ist er in einer komfortablen Lage: Er kann abwarten und die Demokraten liefern ihm die Munition, die er später abfeuern kann – gegen wen auch immer er antritt.

Dennoch: Man sollte McCains Vorsprung nicht überbewerten, denn es wird im Moment nicht gegen ihn mobilisiert. Das wird sich ändern, sobald die heiße Phase des Wahlkampfes beginnt und klar ist, wer gegen ihn antritt.

Netzeitung: Auf wen tippen Sie?

Greven: Ich glaube, Clinton wird das Rennen machen. Ihr Kalkül, genügend Superdelegierte davon zu überzeugen, dass die Demokraten mit einem schwarzen Kandidaten keine Chance gegen McCain haben, wird wohl aufgehen.

Das Gespräch mit Thomas Greven führte Michaela Duhr.

 
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