Internationale Presseschau:
Papst als «Lichtgestalt» oder «Komplize»
17. Apr 2008 11:26
 |  Journalisten sind gespannt, was Papst Benedikt dem Präsidenten Bush rät | Foto: dpa |
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Bei seinem Besuch in den USA muss der Papst noch deutlichere Worte finden zu dem Missbrauchsskandal, meinen viele Kommentatoren der internationalen Presse. Zudem soll Benedikt XVI. auf den Wandel der US-Kirche reagieren.
«Washington Post»: Papst als Komplize
«Mit seiner Antwort hat der Papst die Art des klerikalen Pädophilieskandals ziemlich falsch dargestellt. Der Skandal ist nicht, dass es in der Kirche Pädophile gibt, sondern dass der Kindesmissbrauch institutionalisiert wurde, indem die Schuldigen beschützt und sogar gefördert wurden von Nicht-Pädophilen.
Der schwerste Übeltäter in dieser Hinsicht ist Kardinal Bernard Law, der im Vatikan sehr angesehen ist. Dessen Verachtung der Opfer macht den Papst selbst zu einem direkten Komplizen dieser grausamen Taten, die er vorgibt anzuprangern.»
«Guardian» aus London: Lange Liste sensibler Themen
«Vatikan-Beobachter glauben, dass Papst Benedikt die amerikanische Religiosität schätzt, diese jedoch besser einbinden möchte. Seine Reden und Predigten in den USA werden sorgfältig auf Äußerungen über private und öffentliche Moralauffassung geprüft werden. In seinen Bemerkungen im Weißen Haus hat er keine Hinweise gegeben, doch die Liste sensibler Themen ist lang und reicht von der Stammzellenforschung über Schwangerschaftsunterbrechungen bis hin zu Einwanderung, dem Irak, Atomwaffen und Klimawandel. Kaum anzunehmen, dass er diese weite Reise unternommen hat, bei der er im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, ohne zu diesen Themen etwas Grundsätzliches zu sagen.»
«Die Tageszeitung» aus Berlin: Bushs Lichtgestalt
«Für Bush ist Papst Benedikt eine willkommene Lichtgestalt, die das Dunkel seiner verfehlten Präsidentschaft für einen Augenblick etwas aufhellt. Bush hat die Gelegenheit prompt genutzt, um sich selbst als moralisch integeren und streng gläubigen Präsidenten zu inszenieren. Für diesen Imagegewinn geht er als protestantischer Fundamentalist auch auf den Papst zu. Denn damit lässt sich ein bisschen Wahlkampf machen. Schließlich sind die US-Katholiken bei der Präsidentschaftswahl die am härtesten umkämpfte Wählergruppe.»
«Die Presse» aus Wien: Impulse für die US-Kirche
«Was (Benedikt XVI.) da visitiert (besucht), ist eine Kernregion für die Entwicklung der Kirche in den nächsten Jahren. Auch weil sie in manchem Europa voraus ist: Sie hat längere Erfahrung mit einem säkularen Staat und der Bürgergesellschaft. Sie ist mit weit größerer Selbstverständlichkeit (...) aktiv an der politischen Meinungsbildung beteiligt. Und es gibt einen starken intelligent-konservativen Flügel, den der Papst gut kennt und schätzt. Relevanter als die Papstrede vor der Uno könnte also sein, welche Impulse der Papst dem amerikanischen Katholizismus gibt und vice versa. Damit ist auch, aber nicht nur, die Aufarbeitung des Missbrauchs-Skandals gemeint, auf den der Vatikan seinerzeit skandalös zögerlich reagiert hat - und den auch der damalige Kardinal Ratzinger zunächst bloß als böswillige Medienkampagne angesehen hatte. Ist das erst einmal bereinigt, wird der Einfluss des US-Klerus kaum noch zu bremsen sein.»
«Süddeutsche Zeitung« aus München: Globale Moral
«Die Welt braucht einen wie den Papst, der ihr ins Gewissen redet. Gerade der USA-Besuch des Papstes zeigt das, wo der Präsident der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Weltmacht den Vertreter einer geistlichen, geistigen und moralischen Weltmacht trifft. Die politische, militärische und wirtschaftliche Weltmacht setzt auf Durchsetzungskraft, Stärke, die Wucht der eigenen Interessen. (…) Doch wie sehr die katholische Kirche zur Vertreterin einer globalen Moral wird, hängt von ihrer inneren Glaubwürdigkeit ab. Deshalb ist es nicht egal, wie sie mit den Missbrauchsopfern umgeht.»
»Kölnische Rundschau«: Bröckelnde Grundmauern
Nein, unpolitisch wird die Papst-Premiere in den USA nicht verlaufen. Benedikt XVI. wird sich zudem den Reparaturarbeiten für eine Kirche widmen müssen, deren Grundmauern in den USA bröckeln: Eine junge Generation, die sich zwar für gläubig erklärt, aber den Kirchgang scheut, ein wachsender Anteil zu integrierender Latino- Einwanderer und eine nicht geringe Zahl unter den 65 Millionen Katholiken, die sich an bestimmte Vorgaben aus Rom partout nicht halten mag. Dies alles bildet für den Papst trotz aller inszenierter Jubelszenen ebenso ein Minenfeld wie die vielen Missbrauchsskandale der jüngeren Vergangenheit.
«Westfälische Nachrichten» aus Münster: Affront gegenüber dem Papst
Es fällt schwer, Gründe zu finden, warum gerade am Tag, an dem Papst Benedikt XVI. in den USA empfangen wird, die höchsten US- Richter die Giftspritze bei Hinrichtungen für zulässig erklären. Das Urteil dürfte für zahlreiche Verurteilte den Tod bedeuten. Eine Ohrfeige gegenüber den katholischen Gegnern der Todesstrafe, die deutlich zeigt, wie tief die Gräben sind. Dieser Vorgang wirkt wie ein Affront gegenüber dem Papst, der in seiner Ansprache die Religion als Basis der Politik hervorhob. (nz/dpa)