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Preisexplosion bei Nahrungsmitteln: 

Hungerkrisen stürzen ärmste Länder ins Chaos

09. Apr 2008 09:23
Ausschreitungen in Haiti gegen hohe Nahrungsmittelpreise
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Uno und Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Sie fürchten zunehmende Unruhen in zahlreichen Entwicklungsländern. Dort tobt angesichts steigender Preise bereits der Kampf ums tägliche Brot, berichtet Matthias Breitinger.

Gewalttätige Unruhen in Haiti, Proteste in Ägypten, Tumulte in Mexiko oder in Burkina Faso: Kräftig steigende Lebensmittelpreise treiben die Menschen in vielen armen Ländern auf die Straße, sie fürchten ums Überleben. Beispiel Ägypten: Dort haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel wie Speiseöl und Reis in den vergangenen Monaten nahezu verdoppelt. Zugleich lebt fast jeder zweite Ägypter unter oder nahe der Armutsgrenze von umgerechnet 1,25 Euro pro Tag. Subventioniertes Brot ist knapp, Menschen prügeln sich vor Bäckereien um die Laibe.

In Mexiko gab es schon im vergangenen Jahr massive Proteste zigtausender Armer gegen die Preisexplosion ihres Grundnahrungsmittels Mais. Fast die Hälfte ihrer Kalorienmenge bestreiten Mexikaner über die Tortillas, die dünnen Maisfladen, die bei keinem Essen fehlen dürfen. Der Grund für den kräftigen Mais-Preisanstieg: In den USA erlebt Biosprit aus dem Getreide einen ungeahnten Boom, so dass Mexikos Tortillabäcker immer mehr mit den Autofahrern im nördlichen Nachbarland um den Mais konkurrieren.

Spekulieren mit der Nahrung

Doch das ist nicht der einzige Grund für steigende Lebensmittelpreise. Sie sind geradezu Folge der Globalisierung: In den Schwellenländern können sich viele Menschen inzwischen höherwertige Nahrung leisten – beispielsweise Fleisch, doch dazu muss immer mehr Getreide wie etwa Mais verfüttert werden. Auch den deutlich gestiegenen Milchpreis in Deutschland im vorigen Jahr führen Experten unter anderem auf den zunehmenden Milchkonsum der Chinesen zurück.

Hinzu kommt: Spekulanten haben Nahrungsmittel als kurzfristige Anlageform entdeckt und kaufen an der für Getreide weltweit wichtigsten Börse, der CBOT in Chicago, Weizen oder Mais zu, in der Hoffnung auf steigende Kurse. Von spekulativ getriebenen Notierungen konnten auch deutsche Kaffeetrinker im vergangenen Jahr ein Lied singen: Immer mehr Finanzinvestoren wurden an den Kaffeebörsen aktiv und trieben die Preise bei ohnehin steigender Nachfrage noch kräftiger nach oben.

Doch die enormen Preisschübe treffen eben nicht nur Genussmittel wie Kaffee, sondern auch Grundnahrungsmittel. Das mag die produzierenden Landwirte erfreuen – die Opfer sind vor allem die Ärmsten der Weltbevölkerung. «Die unterste Milliarde trifft es am härtesten», fasst UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Lage zusammen.

UN-Hilfsprogramm muss Etat erhöhen

Mittlerweile schlägt auch das Welternährungsprogramm WFP der Vereinten Nationen Alarm: Seit Juni vergangenen Jahres seien die Lebensmittel- und Treibstoffpreise weltweit um 55 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung zeige «ein neues Gesicht des Hungers: Volle Lebensmittelregale und immer mehr Menschen, die sie sich nicht leisten können», kritisiert das WFP, das insgesamt rund 73 notleidende Millionen Menschen versorgt.

Die weltweite Teuerung bei Nahrungsmitteln bereitet auch der UN-Organisation selbst erhebliche Probleme. Sie braucht für das laufende Jahr eine halbe Milliarde Dollar zusätzlich, um die Versorgung der Ärmsten aufrechterhalten zu können. Damit erhöht sich der Etat auf 3,4 Milliarden Dollar – sofern die Geberstaaten sich zur zusätzlichen Zahlung bereiterklären. Andernfalls, so warnte schon WFP-Generalsekretärin Josette Sheeran, wäre das Hilfswerk gezwungen, seine Nahrungsmittelhilfe in mehreren Ländern zu rationieren.

Auch die Entwicklungshilfeminister der führenden westlichen Industriestaaten (G8) zeigten sich am Wochenende auf ihrer Konferenz in Tokio besorgt. Die deutsche Vertreterin Heidemarie Wieczorek-Zeul wies darauf hin, dass ein Preisanstieg um einen Prozentpunkt die Ernährung für 16 Millionen Menschen in der Welt unsicherer mache. Da rückt das im Jahr 2000 beim Millenniumsgipfel vereinbarte Ziel, die Zahl der Hungernden weltweit bis 2015 zu halbieren, in weite Ferne.

Verbot von Biosprit aus Nahrungsmitteln gefordert

Besorgt ist auch die Weltbank. Ihr Präsident Robert Zoellick geht davon aus, dass der Preisanstieg bei Lebensmitteln sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Das erscheint durchaus plausibel. Experten warnen vor den negativen Folgen des Klimawandels, sie fürchten weltweit verstärkt Missernten wegen zunehmender Dürren einerseits und Überflutungen andererseits. Fachleute der Welternährungsorganisation FAO sehen auch im Ölpreisanstieg ein Problem: Das sorgt für Teuerung in der gesamten Kette, vom Dünger über den Transport von Lebensmitteln bis hin zur Verarbeitung.

Um zumindest dem Preistreiber Biosprit zu begegnen, forderte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, bereits ein fünfjähriges Verbot der Herstellung von Biotreibstoff aus Nahrungsmitteln. Diese Zeit sollte zur Suche nach alternativen Technologien genutzt werden, so Ziegler. Die Staaten sollten sicherstellen, dass nur Pflanzen oder Abfälle umgewandelt würden, die als Nahrungsmittel nicht geeignet seien.

Derweil warnt die Weltbank, dass in 33 Ländern mit sozialen Unruhen gerechnet werden müsse. «Die massiv steigenden Lebensmittelpreise werden mehr und mehr zu einem ernsthaften Sicherheitsproblem», stellt auch Joachim von Braun fest, der Generaldirektor des Internationalen Food-Policy-Research-Instituts in Washington. So wie jetzt in Haiti: In dem ärmsten Land Amerikas kamen bei den heftigen Protesten gegen die hohen Lebensmittelpreise seit vergangenem Donnerstag mindestens fünf Menschen ums Leben.


 
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