Netzeitung Logo
 
Aktuelles  »  Politik  »  Ausland
DruckenVersenden
 

Namenstreit zwischen Athen und Skopje: 

Mazedonien ist das «Fyrom» leid

02. Apr 2008 16:42
Kampagne gegen die Bezeichnung 'Fyrom' für Mazedonien
Bild vergrößern
Wer sind die Nachfahren der Makedonen? Nicht die Bewohner von Mazedonien, meint die griechische Regierung, die den Staat unter diesem Namen nicht akzeptiert. Matthias Breitinger über eine Posse, die den Nato-Gipfel überschattet.

Jedes Jahr das gleiche Spiel: «Former Yugoslav Republic of Macedonia» – für das Land mit diesem Namensmonstrum treten Sänger oder Bands des Balkanstaates beim Eurovision Song Contest an. Und der unbedarfte Zuschauer fragt sich vermutlich immer wieder: Fyrom? Warum so kompliziert – warum wird beim Grand Prix das Land nicht einfach unter «Mazedonien» geführt?

Dahinter steckt ein jahrelanger Namensstreit, den man fast schon als Posse abtun könnte, wenn er nicht durchschlagen würde bis auf die Bühne der Weltpolitik: Der Disput um den Staatsnamen «Republika Makedonija» sorgt auch auf dem Nato-Gipfel in Bukarest wieder für Verstimmung. Griechenland bekämpft eine Einladung an die Regierung in Skopje zum Nato-Beitritt, solange der Konflikt um die künftige Bezeichnung der früheren jugoslawischen Teilrepublik nicht beigelegt ist.

Gefahr der Verwechslung?

Der Grund für das Vorgehen: In Nordgriechenland gibt es eine Region Makedonien – und Athen fürchtet mehr als nur eine Verwechslung. Wie wichtig die Frage den Hellenen ist, belegt eine ganzseitige Anzeige, die der Weltverband der Griechen im Ausland (SAE) passend zum Start des Nato-Gipfels an diesem Mittwoch im «Handelsblatt» und der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» geschaltet hat. Darin wird die Geschichte zu einer «Herausforderung für die regionale Stabilität» hochstilisiert.

Der SAE behauptet gar, die Führung der Fyrom wolle einen «großmazedonischen» Staat schaffen und erhebe folglich Ansprüche auf die nordgriechische Region sowie ein Stück Bulgariens. Das versuchen die Autoren mit einem Foto vom Februar 2008 zu belegen, auf dem der mazedonische Ministerpräsident Nikola Gruevski einen Kranz am Denkmal des Nationalhelden Georgi Delchev niederlegt. Teil des Denkmals ist eine Landkarte von «Groß-Mazedonien». «Kann das das Verhalten eines Freundes und potenziellen Alliierten sein?», fragt der Verband.

Streit um die Abstammung

Dass die frühere jugoslawische Republik in ihrer Verfassung längst festgelegt hat, dass sie keine territorialen Ansprüche gegenüber benachbarten Staaten hat, wird bewusst verschwiegen. Denn dann würde der Streit tatsächlich wieder zu dem verkommen, was er tatsächlich ist: eine Posse, in der sich Politik vor allem mit Etymologie und historischem Bewusstsein vermischt.

Das beginnt bei der Frage, wer die wahren Nachfahren der Makedonen sind – Athen verweist darauf, dass die Bewohner der Fyrom von slawischen Stämmen abstammten und dieser Staat mit dem Makedonien der Antike nichts zu tun habe. Erst unter dem jugoslawischen Staatschef Tito habe dort eine Geschichtsfälschung eingesetzt, durch die auch das in der Region gesprochene Slawisch (das dem Bulgarischen nahe steht) in Mazedonisch umbenannt worden sei. Große Empörung rief in Griechenland denn auch Ende 2006 die Ansage aus der Fyrom-Hauptstadt hervor, den dortigen Flughafen nach Alexander dem Großen zu benennen.

Kurzum: Athen bestreitet das historische wie ethnische Fundament der Fyrom, ist aber immerhin bereit, einen zusammengesetzten Namen wie «Nord-Mazedonien» zu akzeptieren. Dagegen sperrt sich Skopje noch, auch wenn den Bewohnern der ex-jugoslawischen Republik die Bezeichnung «Fyrom» seit langem auf die Nerven geht: «Don't you f.y.r.o.m. me» – also «Fyrome mich nicht, ich bin Mazedonier!» – wurde vor einigen Jahren als Kampagne gestartet, die im Internet mit Clips auf Youtube fortgesetzt wurde und dort auch eine griechische Gegenbewegung ausgelöst hat.


Youtube-Video der Kampagne «Don't you f.y.r.o.m. me - say Macedonia!»


Gegen-Kampagne: «Macedonia is Greek! Say F.Y.R.O.M.»


Griechischer Clip zum kulturellen Erbe: «Fyrom, don't steal my history»

Du bist skopje

Für die Bewohner der früheren jugoslawischen Republik noch schlimmer als «Fyrom»: Griechen bezeichnen sie gern als «skopje», so als ob jeder Mazedonier in der Hauptstadt wohnte. Zur Abwehr der griechischen Argumente verweisen sie nicht nur auf den Satz in ihrer Verfassung, sondern auch darauf, dass eine Verwechslungsgefahr sowieso nicht bestehe, denn sie seien der einzige Staat mit dem M-Wort im Namen – Belgien und seine Provinz Luxemburg hätten schließlich auch keine Probleme mit dem gleichnamigen Großherzogtum.

Eine Lösung im Namenstreit ist jedenfalls nicht in Sicht – daran wird weder der Nato-Gipfel in Rumänien noch die ganzseitige Anzeige des Hellenen-Verbands etwas ändern. Vorschläge liegen zwar auf dem Tisch, von «Republik Skopje» über «Vardar-Republik» (benannt nach Mazedoniens wichtigstem Fluss) bis hin zu der für Athen inakzeptablen Bezeichnung «Republik Mazedonien (Skopje)». Die Mazedonier wiederum lehnen jeden Namen ab, der ohne das M-Wort auskommt. Solange bleibt Fyrom die völkerrechtliche, wenn auch sperrige, Bezeichnung für den Balkan-Staat – auch beim nächsten Eurovision Song Contest.
 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Anschlagsserie mit Dutzenden Toten: 
13-Jährige sprengt sich im Irak in die Luft
Nach dem Tod von acht Zivilisten: 
Syrien kritisiert «Aggression» der US-Armee
 
«Außergewöhnliche Umstände»: 
Merkel und Sarkozy wollen Stabilitätspakt lösen
Alternative Energien, alternative Lieferanten: 
Brüssel macht sich auch für Atomkraft stark
 
Koalition einigt sich bei Online-Durchsuchung: 
BKA-Trojaner erhält Verfallsdatum
Trauerfeier zu Afghanistan-Soldaten: 
Jung würdigt Verdienste «gefallener Soldaten»
 
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.