Jüdischer Publizist im Interview:
«Deutschland muss Israel kritisieren dürfen»
28. Mrz 2008 07:15
 |  Der deutsch-französische Publizist und Politologe Alfred Grosser | Foto: dpa |
|
Aus Angst, als antisemitisch gebrandmarkt zu werden, ignoriert der Westen das Leid der Palästinenser, beklagt der jüdische Publizist Grosser. Enttäuscht habe ihn vor allem Merkels Rede vor der Knesset, sagte er
Michaela Duhr.
Netzeitung: US-Außenministerin Condoleeza Rice startet am heutigen Freitag eine mehrtägige Reise in den Nahen Osten, um den Friedensprozess voranzutreiben. Die Regierung Bush hat sich vor allem durch jahrelanges Desinteresse am Nahost-Konflikt hervorgetan. Sind die Bemühungen eine Farce oder ein ernsthafter Versuch?Alfred Grosser: Es ist vielleicht ein Versuch, aber keine Farce. Es ist jedenfalls ein Leugnen dessen, was bisher geschehen ist. Allerdings finde ich Frau Rice momentan weniger dramatisch als Bundeskanzlerin Merkel, die mich mit ihrer Rede vor dem israelischen Parlament sehr enttäuscht hat.
Netzeitung: Was haben Sie von Merkels Rede vor der Knesset erwartet?Grosser: Ich hatte gehofft, sie würde Israel kritisieren. Sie hat in ihrer Rede Israel aber nur unterstützt. Sie sprach nur von den Raketen, die von Gaza aus auf Israel geschossen werden. Sie sprach nicht vom Hunger in Gaza, nicht von der furchtbaren Repression. Sie sprach nicht von all dem, was Israel anders machen müsste, damit es endlich Frieden geben kann.
Netzeitung: Darf Deutschland vor dem Hintergrund des Holocausts Israel kritisieren?Grosser: Deutschland muss Kritik üben. Die Menschen, die Hitler Widerstand geleistet haben, haben das nicht nur wegen der Vernichtung der Juden getan, sondern damit nie wieder Menschen, damit nie wieder Rassen verachtet werden. Israel aber verachtet die Würde der Palästinenser.
Bantustan im Nahen Osten
Netzeitung: Kann Deutschland eine Vermittlerrolle im Nahost einnehmen?
 |  Kanzlerin Merkel spricht vor der Knesset in Jerusalem | Foto: dpa |
|
Grosser: Nein, das einzige was Deutschland tun kann, ist ein Teil der palästinensischen Polizei mit Einwilligung Israels auszubilden. Aber damit ein Palästinenser-Staat überhaupt entstehen kann, muss es eine territoriale Kontinuität geben. Doch die gibt es nicht mehr, weil Israel eine Isolierungspolitik kleiner palästinensischer Einheiten betreibt. Manche sprechen auch von Bantustan – nicht ganz zu Unrecht…Netzeitung: ...die Stammesgebiete der Schwarzen in Südafrika wurden von den weißen Apartheid-Führern Bantustan genannt. Sie wollten unter dem Motto der «separaten Entwicklung» die Rassentrennung auch territorial durchsetzen und formell unabhängige Staaten der Schwarzen schaffen. Die Bewohner waren jedoch ökonomisch, finanziell und militärisch völlig abhängig von Südafrika.
Grosser: Israel baut ständig neue Abgrenzungen. Es gibt Straßen nur für Israelis, Palästinenser dürfen diese gar nicht benutzen. Es gibt sicherlich kleine Gebiete für Palästinenser, die aber nicht miteinander verbunden sind. Es gibt keine territoriale Kontinuität, die allein einen Staat rechtfertigen könnte.
Botschafter überwachen deutsche Politik
Netzeitung: Müssen nicht erst die zerstrittenen Palästinenser-Gruppen Fatah und Hamas zusammenkommen, um wieder Friedensverhandlungen aufnehmen zu können?
Grosser: Friedensverhandlungen über was? Das ist doch die Frage, die leider nie gestellt wird. Verhandlungen darüber, dass Israel keine Besatzungsmacht mehr ist? Verhandlungen darüber, dass Israel keine neuen Kolonien mehr baut? Aber es werden neue Kolonien gebaut, Ostjerusalem wird gerade völlig enteignet. Wissen Sie, alles was ich sage, sagen auch viele Israelis. Aber wenn Kritik an der israelischen Regierung in Deutschland oder Frankreich geäußert wird, dann wird sie als antisemitisch bezeichnet. In dieser Logik wären auch alle israelischen Kritiker der israelischen Politik Antisemiten - das ist doch ein bisschen stark.Netzeitung: Sie finden sehr klare, sehr deutliche Worte. Wie wird Ihre Kritik an der israelischen Politik aufgenommen?
 |  Früherer israelischer Botschafter in Berlin, Schimon Stein | Foto: dpa |
|
Grosser: In Deutschland und Frankreich gibt es Verteidiger Israels, die jede Kritik mit Antisemitismus gleichsetzen, was in Israel aber nicht getan wird. Die israelischen Botschafter sind eine Art Überwacher der deutschen Politik: So gab es in der FAZ einen Artikel des früheren israelischen Botschafters Schimon Stein über seine Erfahrungen in Deutschland. Seine Schilderung läuft darauf hinaus, dass er sich ständig einmischen und sagen durfte: Das ist gut, oder das ist schlecht - im Namen der deutschen Schuld.
Da stimme ich ganz Martin Walser zu, der in seiner Friedenspreis-Rede von der Keule gesprochen hat, die ständig gegen Deutschland geschwungen. Danach fragte der israelische Botschafter: «Wovon redet Walser da»? Und ich sagte: «Er redet davon, wie Israel Deutschland ständig erpresst.»Ich nenne Ihnen nur ein Beispiel: In Israel findet man heraus, dass Überlebende der Shoah Hunger leiden. Israel beruft sich ständig auf die Shoah, also könnte die Regierung die Überlebenden doch auch anständig versorgen. Aber dann heißt es sofort, Deutschland soll für die Holocaust-Überlebenden zahlen. Und das finde ich nicht würdig.
Grosser als Antisemit verschrien
Netzeitung: Sie haben einmal gesagt, es bedarf der Legitimation jüdischer Herkunft, um Kritik an Israel zu üben...
Grosser: Nein, ich habe gesagt, das gelte in Deutschland. Das ändert aber nichts daran, dass auch meine Kritik von manchen Deutschen – beispielsweise der Historiker und Schriftsteller Arno Lustiger – als antisemitisch bezeichnet wird. Ein Beispiel: Ein sehr schönes Buch von Rupert Neudeck über das Schicksal der Palästinenser mit dem Titel Ich will nicht mehr schweigen sollte in einer evangelischen Kirche in Frankfurt vorgestellt werden. Arno Lustiger drohte mit wehenden israelischen Flaggen, die Versammlung zu stören. Die Veranstaltung fand nicht statt, die evangelische Kirche ist zurückgewichen. Das sind furchtbare Methoden.
Netzeitung: Sie haben auch gesagt, dass die israelische Politik Antisemitismus produziert.
Grosser: Den gibt es auch ohne diese Politik schon zur Genüge. Aber sie stärkt ihn. Es gibt eine Gleichsetzung von Israel und jüdisch, die es in dieser Form nicht geben dürfte.Netzeitung: Was sollte Israel tun, um eine Lösung des Nahostkonfliktes zu ermöglichen?
 |  Menschen im Gazastreifen stürmen Grenzzaun zu Ägypten | Foto: dpa |
|
Grosser: Israel muss Verständnis für das Leiden der Palästinenser zeigen. Ich bin in Berlin als Antisemit verschrien worden, weil ich sagte, dass der Dirigent Daniel Barenboim mehr für den Frieden tue als Sharon. Man sollte vielmehr auf Menschen wie Barenboim hören. Gewalt erzeugt Gewalt und bringt keinen Frieden.1991 kam der israelischer Botschafter Frankreichs in den südfranzösischen Ort Chambon-sur-Lignon und überreichte der evangelischen Gemeinde die Medaille der Gerechten. In dem Dorf waren Hunderte jüdischer Kinder im Zweiten Weltkrieg von Franzosen versteckt und gerettet worden. Der Pastor, der Vorsteher der Gemeinde war und die Medaille entgegennahm, sagte am Schluss seiner Dankesrede: «Heute sind palästinensische Kinder bedroht, deren Häuser und Schulen zerstört werden.»
Netzeitung: Nicht nur Deutschland, der ganze Westen schaut weg vom Gazastreifen. Warum?
Zur Person: Alfred GrosserAlfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren. Er ist Publizist, Politologe und Soziologe. Seine jüdische Familie emigrierte 1933 nach Frankreich, 1937 wurde er französischer Staatsbürger. Grosser wurde mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen gewürdigt. So erhielt er unter anderem das Große Verdienstkreuz mit Stern, 1975 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als "Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kontinente", 1996 den Schillerpreis der Stadt Mannheim und 2004 für seine Verdienste um die Vielfalt des Judentums und den Pluralismus den Abraham-Geiger-Preis. |
|
Grosser: Aus Angst davor, dass Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Man will nicht sehen, dass die Leute im Gazastreifen nahezu verhungern, weil sie einer Blockade unterliegen. Man will nicht sehen, dass Israel systematisch Infrastrukturen zerstört, die mit Geldern der EU gebaut wurden. Als Antwort auf Raketen müssen keine Elektrizitäts- und Wasserwerke zerstört werden. Das ist nicht notwendig. Aber Israel hat das auch im Libanon gemacht, um einen Gegner zu bekämpfen, den sie am Ende doch nicht besiegt haben.
Araber wollen keinen Krieg
Netzeitung: Warum setzt sich die arabische Welt nicht stärker für die Sache der Palästinenser ein?Grosser: Sie will keinen Krieg. Viele arabische Länder haben gute Beziehungen zu Israel und zu den USA. Die wollen sie nicht aufs Spiel setzen. Über Druckmittel verfügen vor allem die USA, aber sie setzen sie nicht ein: Amerikanische Politiker haben Angst, jüdische Wähler zu verlieren.
Israel feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen, weil eine Uno-Resolution die Gründung des Staates Israel 1948 ermöglichte. Seit 60 Jahren aber hält sich Israel selbst an keine Uno-Resolution bezüglich Palästina, wobei es ohnehin nur wenige gibt, denn gerade die USA blockieren mit ihrem Veto im Sicherheitsrat immer wieder israel-kritische Resolutionen.
Das Gespräch mit Alfred Grosser führte Michaela Duhr.