US-Vorwahlen: Obama setzt auf die Macht der Blogger27. Mrz 2008 12:38  |  Per Blog zeitnah und intensiv mit der Basis kommunizieren | Foto: screenshot netzeitung |
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Jeder Schritt der US-Kandidaten ist auf Weblogs zu beobachten. Auch die Peinlichen. Die interaktiven Foren sind der direkte Weg von der Spitze an die Basis. Oder bringt das altmodische Händeschütteln vor Ort doch mehr?
Der US-Abgeordnete Mark Foley schreibt schlüpfrige E-Mails an junge Praktikanten. Senator John Allen macht sich über einen indisch-stämmigen Zwischenrufer mit dem abfälligen Ausdruck «Makaka» lustig. US-Senatorin Hillary Clinton will Eindruck schinden, in dem sie wahrheitswidrig erzählt, sie sei 1996 bei einem Besuch in Bosnien von Heckenschützen beschossen worden. All diese peinlichen Vorfälle haben eines gemein: Sie waren zumindest in den USA blitzschnell übers Internet verbreitet - wie so oft zunächst von politischen Bloggern.
Die Mächtigen mag noch immer eine Aura von Unnahbarkeit umgeben; besonders geheimnisumwittert sind sie aber kaum noch - zumindest nicht in Demokratien. Dank der vernetzten und digitalisierten Welt werden politische Entgleisungen oder sexuelle Fehltritte rasch bekannt, Lügen umgehend entlarvt. Blogger und soziale Plattformen haben den öffentlichen Raum radikal ausgeweitet - mit dramatischen Folgen für die Politik. Ein Beleg dafür ist der US-Vorwahlkampf 2008. Eine «neue Ära amerikanischer Politik», schwärmte der Medienexperte Prof. Garrett Graff. «Der erste Wahlkampf, der von moderner Technik definiert wird. (...) Die Spielregeln haben sich verändert - und nicht zugunsten der Kandidaten», schrieb er im «Washingtonian».
Stichwort: WeblogEin Weblog (kurz: Blog) ist eine interaktive Website, die mit ständig aktualisierten, chronologisch sortierten Einträgen gefüllt wird. Die Texte solcher Online-Journale sind für alle Nutzer sichtbar. In der Regel können Beiträge kommentiert und untereinander vernetzt werden. Die Blog-Suchmaschine «Technorati» verzeichnet nach eigenen Angaben inzwischen weltweit fast 113 Millionen Weblogs. Der Begriff «Weblog» ist eine Zusammensetzung aus «Web» (Netz) und «Log» (Logbuch) - ein Hinweis auf die ursprüngliche Tagebuch-Funktion der digitalen Diskussionsplattformen. Neben themenbasierten Blogs gibt es «Watchblogs». Darin wird zum Beispiel das Verhalten von Politikern, Managern und Unternehmen oder Medien kritisch betrachtet. |
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Viele Medienwissenschaftler sehen in der neuen Kommunikationswelt die Demokratisierung der traditionellen repräsentativen Demokratie. Statt der Parteikader, Funktionäre und Organisationen können Bürger und Blogger, die viel beschworene Basis, direkt in das politische Geschehen eingreifen. Zumindest heute noch scheinen diese Sichtweisen allerdings stark übertrieben.
Laut einer aktuellen Studie des Pew Research Centers in Washington informiert sich die Mehrheit der Amerikaner in erster Linie in den traditionellen Medien über Politik. Zwar haben zahllose neue Blogs Politik und Medien mächtig aufgeschreckt und durcheinandergewirbelt. Das Web hat dem US-Wahlkampf eine neue Dimension gegeben, wobei auch in erschreckendem Ausmaß Hassbotschaften Tür und Tor geöffnet wurden. Aber längst sind Medien und Politik Mitgestalter der neuen Welt der Blogger und Plattformen.
 |  Barack Obama hat zumindest im Internet die Nase vorn | Foto: screenshot netzeitung |
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Im Ringen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur hat Senator Barack Obama zumindest im Internet einen überwältigenden Vorsprung vor Clinton. Der schwarze Senator hat im Web mehr Geld gesammelt, mehr Blogs, mehr Fan-Clubs und mehr Resonanz als seine Konkurrentin. Auch alle Kandidaten nutzen inzwischen exzessiv die neuen Kommunikations-Möglichkeiten: mit Newslettern, E-Mails oder SMS werden Anhänger und Wähler schon seit Monaten geradezu bombardiert. Jeder Kandidat hat seine interaktive Web-Seite, um so intensiv und zeitnah wie möglich mit der Basis zu kommunizieren.
Spenden sammeln über Blogs Vor allem hat sich das Internet als faszinierendes Instrument zum Sammeln von Wahlkampf-Spenden entpuppt. Dem charismatischen Obama gelang es so, Hunderttausende von Kleinspendern zu finden. Denn Geldsammeln im Internet ist denkbar simpel, mit einem Mausklick wird der Polit-Obolus transferiert. Das ist eine der Ursachen, warum die Wahl 2008 mit weit über eine Milliarde Dollar Kosten der teuerste Wahlkampf in der Geschichte der Demokratien werden konnte.
Allgemeine Wahlkampf-Blogswww.dailykos.com www.4-president.com www.webcandidate.blogspot.com
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Technisch besonders gewieft ist Obamas junges Wahlkampfteam. Zahlreiche Blogs verbreiten seine Botschaft von «Hoffnung» und «Wandel». Obama bietet auf seiner Web-Site Poster, Buddy-Icons, Fotos und Videos an, die jeder auf die eigene Homepage stellen kann. Obamas Wahlhelfer nutzen besonders gerne Handys, um ihre Botschaft zu verbreiten: Sie offerieren neben aktuellen SMS sogar Klingeltöne - etwa mit Obama-Redefetzen wie «Yes, we can!». Anhänger der heftig umworbenen Minderheit der Hispanics erhielten beispielsweise Daten anderer Wähler lateinamerikanischer Herkunft. Damit wurden zigtausende Obama-Anhänger ohne großen Aufwand aktiviert, persönlich Wahlkampf zu führen.
 |  McCain setzt mehr auf altmodisches Klinkenputzen | Foto: screenshot netzeitung |
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Die Webseite «MoveOn.org» sammelte nicht nur Millionen für Obama, sondern schuf auch ein Programm, mit dem Hunderttausende E-Mails für «Facebook» verschickt wurden. Immerhin sollen schon zwei Drittel aller US-Bürger zwischen 18 und 29 Jahre bei der Internet-Plattform registriert sein. Hier hat Obama fast eine halbe Million Anhänger - Clinton lediglich ein Viertel davon. Die Video-Plattform Youtube ist ebenfalls zentraler Schauplatz des Wahlkampfs, CNN gestaltete sogar eine Debatte der Kandidaten mit Fragen von Youtube- Mitgliedern. Auch auf Youtube rangieren Obamas Videos mit mehreren Millionen Abrufen vor denen der Ex-First-Lady.
Alle Pannen blitzschnell im Internet Im Web wird aber auch gnadenlos alles ans Licht gezerrt, was es an Missglücktem gibt. Relativ harmlos sind noch Videos, auf denen zum Beispiel der republikanische Senator John McCain öffentlich Terror- Gruppen verwechselt oder Clinton mit schräger Stimme die Nationalhymne singt.Die inzwischen millionenfach abgerufene Hasspredigt des Geistlichen Jeremiah Wright von der Heimatgemeinde Obamas droht schon sehr viel mehr den Ruf des Senators als Mann der «Versöhnung» und des «Ausgleichs» zu gefährden. Misslich ist auch, wenn Obama meint, ein Tornado in Kansas habe 10.000 Menschen getötet, dabei waren es nur zwölf - oder wenn er auf einer Veranstaltung penetrant um Spenden bettelt, «egal wie arm ihr seid».
Inoffizielle Unterstützer-Blogswww.blogobama08.blogspot.com www.votehillary.org/CMS/blog www.blogs4mccain.com |
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Das Netz ist längst auch Schauplatz übler Beschimpfungen und Verleumdungen geworden. Da wird Obama in Blogs als heimlicher Moslem hingestellt, der als Kind eine islamische Schule besucht habe. Das entspricht zwar nicht der Wahrheit, findet aber im Internet weite Verbreitung. Mehrere Webseiten widmen sich auch der Demontage und Diffamierung von Hillary Clinton.
Live-Auftritte dennoch von großem Wert Blogger und Internet-Plattformen haben enorm an Bedeutung gewonnen - der Schlüssel zum politischen Erfolg sind sie offenbar noch nicht. Schließlich war im Vorwahlkampf der unbestrittene Star des Internets neben Obama der radikalliberale Republikaner Ron Paul. Der aber hatte keine Chance gegen den 71-jährigen McCain, der vor allem mit der Teilnahme an Hunderten von Bürgerversammlungen («townhall-meetings») die Wähler Live beeindruckte. Zudem fährt Mc Cain mit seinem «Straight Talk Express» (übersetzt etwa: offener, direkter Rede- Express), einem altmodisch bemalten Wahlkampf-Bus, durch die Provinz, um Klinken zu putzen, Hände zu schütteln und Babys zu streicheln. (Laszlo Trankovits, dpa)
Offizielle Kandidaten-Blogswww.my.barackobama.com/page/content/hqblog www.blog.hillaryclinton.com/ www.johnmccain.com/blog |
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