20.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
US-Veteranen enthüllen schockierende Details
Fünf Jahre nach dem Einmarsch im Irak schildern US-Veteranen unzensiert und ungefiltert ihre Version dieses schmutzigen Kriegs. Michaela Duhr hat sich die erschütternden Aussagen angehört.
In den frühen Morgenstunden des 20. März 2003 fliegen die ersten Bomben der US-Luftwaffe auf Bagdad. Zwei Monate hatten US-Präsident George W. Bush und seine Falken für den Krieg im Zweistromland veranschlagt. Fünf Jahre später - nach fast 4000 getöteten US-Soldaten und unzähligen zivilen Todesopfern - steht die US-Armee noch immer im Irak.
Während Bush die US-geführte Invasion als richtig und notwendig verteidigt hat, demonstrierten Tausende seiner Landsleute gegen den Krieg – unter ihnen auch hunderte Veteranen, die im Irak und in Afghanistan gekämpft haben. Vor wenigen Tagen wandte sich eine Gruppe von ihnen – unter dem Namen «Wintersoldaten» – an die Öffentlichkeit, um über diesen schmutzigen Krieg zu berichten: über das Vorgehen der Armee, irrwitzige Befehle und grauenvolle Erlebnisse, die sie bis heute nicht mehr loslassen. Unterstützt wird die Gruppe von den «Veteranen gegen den Irakkrieg» (IVAW). Einige Aussagen wurden von IVAW aufgezeichnet und ins Internet gestellt.
Auf alles schießen, was sich bewegt «Wenn wir uns einer Stadt näherten, in der bereits viele von uns gefallen waren, dann galt praktisch: Feuer frei. Wir wurden angehalten, auf alles zu schießen, was sich bewegt», berichtet der ehemalige Irak-Soldat Jason Washburn. «Und wir führten die Befehle aus. Wir feuerten auf eine Frau, die mit einer großen Tasche auf uns zukam. Als sich der Staub gelegt hatte, sahen wir auf dem Boden verstreute Lebensmittel. Sie wollte uns etwas zu Essen bringen, dafür schossen wir sie nieder», erzählt der sichtlich erschütterte Mann.
Washburn war in der Zeit von 2003 bis 2006 drei Mal im Irak, unter anderem in den Provinzen Najaf und Anbar, die zu den gefährlichsten Regionen des Landes zählen. Ein Soldat aus seiner Einheit soll für das Massaker an 24 irakischen Zivilisten in Haditha im November 2005 verantwortlich sein.
«Wenn Zivilisten anfangs versehentlich erschossen wurden, sollten Schaufeln oder Waffen auf den toten Körper gelegt werden, um behaupten zu können, es handle sich um Aufständische», berichtet Washburn weiter. «Bei meinem dritten Einsatz lautete der Befehl: Wir schießen auf Zivilisten, wenn sie Schaufeln und große Taschen bei sich tragen. Also führten wir Schaufeln und große Taschen gleich im Fahrzeug mit uns.»
Glückwunsch für den ersten Toten Washburn spricht auch über die langsame Entfremdung von sich selbst. Oft beginne die erst, wenn man aus dem Einsatz heimkehrt. «Du denkst darüber nach, was du dort getan hast. Dann stellst du fest: Das bist nicht du. Das ist nicht, wie du bist. Und du fragst dich, wer du geworden bist.»
Ein anderer früherer Soldat, John Michael Turner, wirft seine Medaillen, mit denen er für seine Verdienste im Irakkrieg ausgezeichnet wurde, auf den Boden. «Am 18. April 2006 beging ich den ersten offiziellen Mord», erzählt Turner den Anwesenden bei der Veranstaltung in Washington. «Der Mann war unschuldig. Als er zu seinem Haus ging, tötete ich ihn - vor den Augen seines Vaters und seines Freundes. Beim ersten Schuss schrie er auf und sah mich an. Ich sagte zu meinem Freund: 'Das kann ich nicht zulassen' und schoss ein zweites Mal. Danach wurde ich beglückwünscht.»
Niemand kann einem Kind die Mutter zurückgeben Auch Steve Mortillo diente im Irak und sagt, was er heute vom Irakkrieg hält: Es sei falsch zu glauben, wir könnten dort Familien zusammenfügen, die wir vorher zerstört haben. «Die Vorstellung, wir könnten dort hingehen, so viel Zerstörung anrichten und das alles wieder in Ordnung bringen. Ich meine, wie kann man es wieder gut machen, wenn dein Bruder gerade gestorben ist, wie kann man den Verlust eines Kindes wieder gut machen, wie kann man einem Kind seine Mutter zurückgeben?», fragt Mortillo in einem der IVAW-Filme.
Mortillo, Washburn und Turner schildern ihre Geschichten in einer Mischung aus soldatischer Disziplin, Verbitterung und Fassungslosigkeit: Wie konnte es zu nur so weit kommen? Schon einmal war es gelungen, mit einer Aktion «Wintersoldaten» die Öffentlichkeit zu sensibilisieren: 1971 gegen den Vietnamkrieg.
Aktion «Winter Soldaten»: Jason Washburn