19.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Opfer der Unruhen in Tibet
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Über 100 rebellierende Tibeter sollen sich der Polizei gestellt haben. Die Regierung in Peking sieht sich dennoch in einer «heftigen Blut-und-Feuer-Schlacht gegen den Feind».
Die Verbalattacken der chinesischen Führung auf den Dalai Lama nehmen an Schärfe zu. Der tibetische KP-Chef Zhang Qingli sagte am Mittwoch über das geistliche Oberhaupt der Tibeter: «Der Dalai Lama ist ein Wolf in Mönchskutte, ein Teufel mit dem Gesicht eines Menschen, aber mit dem Herzen einer Bestie.» Laut einem Zeitungsbericht fügte er hinzu: «Wir befinden uns jetzt in einer heftigen Blut-und-Feuer-Schlacht mit der Clique des Dalai Lamas, einem Kampf auf Leben und Tod zwischen uns und dem Feind. Der frühere tibetische Gouverneur Raidi äußerte sich ähnlich: Die «Gewaltverbrechen der Dalai-Lama-Clique» sollten nur dazu dienen, die soziale Stabilität zu einem kritischen Zeitpunkt zu stören.
Gleichzeitig wiesen die chinesischen Olympia-Organisatoren einen Boykott der Eröffungsfeier zurück. «Was einzelne Leute oder Organisationen darüber denken, ist ihre Sache», sagte der Vizepräsident des Organisationskomitees, Jiang Xiaoyu und reagierte damit auf entsprechende Überlegungen des französischen Außenministers Bernard Kouchner. Die Mehrheit werde «die richtige Entscheidung» treffen und an der Eröffnung am 8. August teilnehmen. Die vom chinesischen Starregisseur Zhang Yimou inszenierte Feier werde unter dem Motto «Zivilisation und Harmonie» stehen.
Aktivisten sollen sich freiwillig gestellt habenNach den Unruhen sollen sich nach chinesischer Darstellung 105 Aktivisten der Polizei ergeben haben. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua zitierte am Mittwoch einen hohen Funktionär in Tibet mit den Worten: Aufrührer hätten «geprügelt, zerstört, geplündert und gebrandschatzt». Einige hätten nun das geraubte Geld zurückgegeben. Gegen sie werde jetzt juristisch vorgegangen, hieß es weiter. Die Regierung hatte am Sonntag erklärt, dass alle Teilnehmer an den Protesten, die sich bis Montag freiwillig stellten, mit Milde rechnen könnten. Alle anderen würden hart bestraft. Nach Berichten aus Lhasa strahlte der örtliche Fernsehsender Bilder von Männern und Frauen aus, die von der Polizei gesucht wurden.
Tote in den zentralen ProvinzenUnterdes gehen die Berichte über die Zahl der bei den Unruhen Getöteten weiter aus einander. So melden die amtlichen chinesischen Stellen, bei den Unruhen seien 16 Personen getötet worden. Dagegen nennen Exiltibeter und Menschenrechtsorganisationen Zahlen zwischen 80 und 300 Menschen, die getötet wurden. So berichtet das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD), chinesische Sicherheitskräfte in Kardze in der Provinz Sichuan hätten am Dienstag das Feuer auf eine Gruppe von Demonstranten eröffnet und mindestens drei Teilnehmer getötet.
Bereits am Dienstag hatte die Organisation von mindestens 39 Opfern durch Schüsse von chinesischen Truppen in Aba in Sichuan und Machu in Gansu berichtet. Free Tibet Campaign berichtet, 20.000 Angehörige der paramilitärischen Bewaffneten Polizei (Wujing) seien von der Provinzhauptstadt Lanzhou an fünf Orte in den tibetischen Regionen von Gansu entsandt worden. Augenzeugen hätten in Gannan 102 Lastwagen mit Polizeikräften gezählt, die mit Waffen und Tränengas ausgerüstet gewesen seien.
An beiden Orten sollen Mönche und Tibeter sich für die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lamas ausgesprochen haben und hätten dazu die tibetische Flagge gehisst. Die chinesischen Sicherheitskräfte hätten zum Teil Tränengas eingesetzt. Free Tibet Campaign veröffentlichte Fotos von Toten mit Schusswunden, die vom Kirti-Kloster in Aba stammen sollen.
Kritik an Darstellung westlicher MedienDie chinesische Führung reagierte inzwischen auf die ihrer Meinung nach falschen Darstellung des Konfliktes in westlichen Medien. Der tibetische KP-Funktionär Raidi sagte, einige westliche Medien hätten absichtlich die Tatsachen verdreht und «schwere Straftaten als eine friedliche Demonstration dargestellt». Die «legitimen Bemühungen zur Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität» seien hingegen als gewaltsame Niederschlagung bezeichnet worden. Unterdessen wurden ausländische Journalisten weiter daran gehindert, über die Lage in Tibet zu berichten. Der Club der Auslandspresse in China (FCCC) teilte mit, er habe 30 Verhaftungen und Reiseverweigerungen registriert. Zahlreiche ausländische Fotografen, Reporter und Kameraleute sind festgenommen worden.
Olympia-Staffelllauf im Mai durch TibetDie Organisatoren der Olympischen Spiele in Peking betonten derweil, dass der geplante Staffellauf mit der olympischen Flamme zum Mount Everest wie geplant im Mai stattfinden werde. Die Staffel zum höchsten Gipfel der Welt werde einen Höhepunkt der Feierlichkeiten markieren, erklärte der Vizepräsident des Veranstaltungskomitees, Jiang Xiaoyu. Da die Staffel durch Tibet verlaufen wird, haben Aktivisten eine Absage gefordert, um damit gegen das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen tibetische Demonstranten zu protestieren. Vor der chinesischen Botschaft in Bangkok demonstrierten am Mittwoch etwa 20 Aktivisten. In Spruchbändern forderten sie einen Boykott der Olympischen Spiele im August. (nz/dpa/AP/epd)