Interview mit Fotograf Rubinger:
«Als ich zu Ben Gurion kam, zitterten mir die Knie»
14. Mrz 2008 18:04
Ein einziges Mal weinte der israelische Fotograf Rubinger bei der Arbeit: 1967, als Soldaten an der Klagemauer standen. Die Netzeitung hat mit ihm über diesen Augenblick und andere prägende Momente aus sechs Jahrzehnten Israel gesprochen.
Paul Goldman und David Rubinger dokumentierten die Entstehung und die 60-jährige Geschichte des Staates Israel. Ihre Bilder sind Teil des visuellen Gedächtnisses Israels. Rubinger konnte mithelfen, das große Archiv des verstorbenen Goldman für die Öffentlichkeit zu retten. Anlässlich des 60. Jubiläums der Gründung Israels präsentieren die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses diese eindrucksvollen Zeitdokumente von Paul Goldman und David Rubinger in einer gemeinsamen Ausstellung vom 13. März bis 20. April 2008 erstmals in Deutschland. Netzeitung.de: Sie waren es, der eines der berühmtesten Bilder in Israel ausfindig gemacht hat: Staatsgründer David Ben Gurion beim Kopfstand am Strand. Wie kam es dazu?
David Rubinger: Eines Tages, im Jahr 1998, beauftragte mich der Chefredakteur des «Time Magazins», es für das Millenniumsheft über die wichtigsten Persönlichkeiten des Jahrhunderts zu finden. Alle in Israel kannten das Bild, aber keiner wusste wer der Fotograf war.
Netzeitung.de: Wie kann man das erklären?
Rubinger: In jenen Zeiten war es nicht üblich, die Fotografen als Quelle zu nennen, besonders bei einer Presseagentur wie AP, für die er viel gearbeitet hat. Niemand wusste daher, wer das Bild fotografiert hatte. Dann erinnerte ich mich an Paul Goldman, der 1986 verstarb und den ich viele Jahre zuvor zusammen mit seiner Tochter fotografiert hatte.
Netzeitung.de: Zum Glück hatte seine Tochter einen ungewöhnlichen Namen: 'Medina', Hebräisch für Staat.
Rubinger: In der Nacht des 29. November 1947, in der die UN-Vollversammlung die Gründung des Staates Israel beschloss, war Goldman nicht mit seiner Frau im Spital, sondern mit Ben Gurion zusammen. Irgendwie hat er gehört, dass seine Frau eine Tochter geboren hat und hat das Ben Gurion erzählt, der daraufhin sagte: «Du muss sie 'Medina' rufen.» Wenn sie Sarah hieße, hätte ich sie nicht finden können.
Netzeitung.de: Goldman hatte 1957 am Strand drei Motive geschossen, in zweien sieht man auch Ben Gurions Bodyguard, unbewaffnet und in Badehose.
Hätte der heutige Premier Olmert ähnlich posiert, hätten wir ihn im Bild umgeben von bewaffneten Bodyguards in Anzügen und Sonnenbrillen gesehen und im Hintergrund würde ein Kriegsschiff patroullieren. Wie hat sich doch Israel in diesem Sinne 60 Jahre nach der Staatsgründung verändert?Rubinger: So wie ein Kind erwachsen wird. Kinder sind idealistischer. Ben Gurion war zum Beispiel stolz darauf, dass sein Chauffeur mehr verdient als er, weil er acht Kinder hat. Das waren die Jugendjahre Israels, die sich mit heute nicht vergleichen lassen. Der letzte Premierminister, der an den Strand gegangen ist, war Benjamin Netanjahu – von 16 Bodyguards umgeben.
Netzeitung.de: Goldman war sowohl ein Konformist als auch ein Außenseiter. Ist hier nicht ein Widerspruch?
Rubinger: Er war ein Außenseiter als Mensch – ziemlich streitsüchtig, immer verbittert. Aber ich habe ihn nicht als Freund gekannt, sondern als Vorbild. Für mich war er der große Fotograf und ich war der grüne Neuling. Er war ein richtiger Fotojournalist – nichts verschönert oder unterdrückt und immer die Wahrheit zeigen. Sein Hobby war es, Wildschweine zu jagen. Als er alt und blind war, lebte er in einem Dorf und züchtete Gänse.
Netzeitung: Ein einziges Mal haben Sie beim Fotografieren geweint.
Rubinger: Ja, das war das Bild der drei Soldaten vor der Klagemauer 1967, die sie kurz zuvor eingenommen haben. Mein Weinen übrigens war kein religiöses oder nationales, sondern eine Reaktion auf die drei Wochen zuvor, in denen wir alle gedacht hatten, wir stehen vor einem neuen Holocaust. Und wie jemand, der zum Tode verurteilt ist und man nimmt ihm den Strick vom Hals im letzten Moment und sagt ihm: Jetzt bist du König. Man wird verrückt und das ist auch unserem Volk passiert.
Für das Foto musste ich mich hinlegen, weil der Platz vor der Klagemauer damals nur drei Meter breit war. 30 Jahre später haben wir für einen Film die drei noch mal hingebracht und da sagte der Mittlere: «Damals war es so heilig. Wenn ich heute hier ohne Kopfbedeckung stehen würde, würden 16 Rabbiner auf mich springen und mir eine Jarmulke auf den Kopf setzen.» Die Klagemauer ist eine billige Synagoge geworden.Netzeitung.de: Mein Lieblingsbild in der Ausstellung zeigt die Silhouette von 18 israelischen Soldaten am Bergrang, beleuchtet von einigen Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brechen. Können Sie sich an dieses Bild aus dem Jahr 1959 erinnern?
Rubinger: Das war an einem Spätnachmittag. Was mich an dem Bild so bewegt ist, wie stark die israelische Armee damals war, gerade weil unkonventionell. Keine zwei Soldaten in dieser Reihe stehen in derselben Pose. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Soldaten sein sollen: geordnet und stramm und in derselben Richtung. Heute sind wir leider mehr zu einer regulären Armee geworden und deshalb schwächer.
Netzeitung.de: Sie haben Ben Gurion bei einer Rede geknipst, Olmert jedoch beim Geschirrspülen. Können Sie den Bogen der 50 Jahre zwischen diesen beiden Fotos spannen?
Rubinger: Als ich zum ersten Mal zu Ben Gurion ins Zimmer gekommen bin, haben meine Knie gezittert. Bei Olmert zittern sie nicht mehr.
Netzeitung.de: Ein historisches Ereignis, an dem Sie nicht anwesend waren, war die große Friedenskundgebung 1995, an deren Ende Premierminister Yitzhak Rabin erschossen wurde. Bereuen Sie, dass Sie seine Ermordung nicht photographiert haben?
Rubinger: Dieses Bild hätte ich nicht bekommen, denn hätte Yigal Amir statt einer Pistole eine Kamera gehabt, wäre Rabin am Leben geblieben: Die Sicherheitsbehörden hätten ihn sofort hinter der Absperrung gestellt, wo alle Fotografen stehen müssen. Ich wünsche mir, er hätte eine Kamera gehabt. Dann wäre Rabin heute noch am Leben.
Mit David Rubinger sprach Igal Avidan. Die Ausstellung ist derzeit im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen.