Kehraus im Élysée:
Sarkozy plant Befreiungsschlag
06. Mrz 2008 16:45
 |  Sarkozy: Alles soll neu werden - und besser | Foto: dpa |
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«Lifting» oder «Wirbelsturm»? Der seit Wochen im Umfragetief gefangene französische Präsident will sein Beraterumfeld im Élyséepalast erneuern – und damit seine eigenen Fauxpas kaschieren, munkelt man in seiner Partei.
Sie sind die «grauen Eminenzen» im Zentrum der Macht: die Berater des französischen Staatspräsidenten. Eigentlich sollen sie im Verborgenen hinter den Mauern des Élyséepalastes wirken. Doch seit Nicolas Sarkozy in Amt und Würden ist, drängen sie ins Rampenlicht. Regelmäßig kommentieren die «Conseillers» vor laufenden Kameras die Aktualität oder kündigen sogar Regierungsentscheidungen an - ohne Absprache mit den zuständigen Ministern.
Und mehr noch: Oft ist es nicht die Regierung, sondern sind es die zwölf Berater, die wichtige politische Entscheidungen treffen - und sich einen zerstörerischen Machtkampf liefern. Für einige könnte nun bald die letzte Stunde im Élysée schlagen. Die Anzeichen verdichten sich, dass Sarkozy die «Stunde null» nach der drohenden Schlappe bei den Kommunalwahlen am Sonntag für einen Befreiungsschlag nutzen wird - in seinem engsten Umfeld. Es drohe der große «Kehraus», schreibt das Magazin «Nouvel Observateur». Welche Strategie Sarkozy einschlägt, ob es ein «Wirbelsturm» wird oder nur ein «Lifting», hänge lediglich vom Ausmaß der Verluste ab.
Schickt Berater in die Wüste
Umfragen sagen der konservativen Regierungspartei UMP herbe Einbußen voraus. Die Sozialisten dürften die Rathäuser von Paris, Lyon oder Straßburg erobern oder wieder gewinnen. Sarkozy - seit Wochen gefangen im Umfragetief - muss befürchten, dass sich der absehbare Ärger seiner Partei über die Wahlschlappe gegen ihn richten wird. Schickt er einige seiner Berater in die Wüste, dürfte dies die Wogen glätten. «Das sind Technokraten, die zu allem 'Ja' und 'Amen' sagen», schimpft ein UMP-Abgeordneter. Zudem schiebe Sarkozy seinen Beratern die Schuld an einigen der vielen Fauxpas in die Schuhe, heißt es in seinem Umfeld. Etwa, dass sein Plan von Kinderpatenschaften für junge Holocaust-Opfer nicht mit Simone Veil, abgesprochen, der Ehrenvorsitzenden der Stiftung für die Erinnerung an die Schoah. Veil hatte den Plan prompt «unerträglich» gescholten.
Manager von Luxuskonzern soll in den Èlyséepalast
Schon stehe die Rückkehr so manch eines der «Sarko-Boys» bevor, der einstigen Wegbegleiter Sarkozys, die seiner Ex-Frau Cécilia ein Dorn im Auge waren und deren Aufstieg sie verhinderte, sagen Beobachter. Umgekehrt könnte ihr einstiger Schützling, Élysée- Sprecher David Martinon, auf einen Botschafter-Posten abgeschoben werden. Als neuer Name wird Nicolas Bazire genannt, Top-Manager beim Luxuskonzern LVMH und Trauzeuge bei der Hochzeit mit Carla Bruni. Im Regierungskabinett sei dagegen nur mit «Anpassungen» zu rechnen, schreibt der «Nouvel Observateur». Ausgerechnet Premierminister François Fillon scheint seinen Posten sicher zu haben. Das Verhältnis der beiden sei schwer angeschlagen, schreibt das Magazin «L'Express». Sarkozys Vorwurf: Fillon verberge kaum seine Befriedigung angesichts der aktuellen Umfragen.
Franzosen haben «protzigen» Sarkozy satt
Immer steiler steigen die Sympathiewerte des dezenten Fillon, während die Kurve des allgegenwärtigen «Speedy Sarko» im Keller ist. Nur 38 Prozent der Franzosen vertrauen laut dem Umfrageinstitut CSA dem Staatschef - bei Fillon sind es 55 Prozent. Fillon sei damit «unangreifbar», sagt ein UMP-Funktionär.Sarkozy habe die Botschaft der Franzosen nicht verstanden, weiß CSA-Chef Stephane Rozès. Jetzt benutzen sie Fillon, um sich Gehör zu verschaffen. Die «Botschaft»: Die Franzosen haben Sarkozys protzigen Lebensstil satt, die Zur-Schau-Stellung seines Liebesglücks mit Gattin Carla. Seit der Beschimpfung eines Messebesuchers («Hau ab, armer Depp!»), glaubt eine Mehrheit, der Präsident habe sich nicht unter Kontrolle.
In der Zeitung «Figaro» leistete Sarkozy am Donnerstag Abbitte: «Jeder macht Fehler, auch ich.» Auch auf dem internationalen Parkett tritt Sarkozy «kleinlauter» auf, meinen Beobachter. Bei der Mittelmeerunion musste er in der Auseinandersetzung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Federn lassen. (Von Dorothée Junkers, dpa)