22.02.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Abgemagert und gesundheitlich angeschlagen: Betancour
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt ist seit 2002 in Rebellenhand und versuchte schon fünfmal zu fliehen - vergeblich. Der Kampf um die Freilassung von Kolumbiens prominentester Geisel.
Sie sitzt auf einer schmalen Holzbank, den Blick zum Boden gewandt. Ingrid Betancourt ist schmal geworden. Kaum wiederzuerkennen ist die einst so kämpferische kolumbianische Präsidentschaftskandidatin auf der im Oktober vergangenen Jahres aufgetauchten Videobotschaft. Es war das bislang letzte offizielle Lebenszeichen der wohl prominentesten Geisel der Rebellenarmee Farc(Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia).
Inzwischen ist Betancourt seit sechs Jahren in den Händen der Guerilla. Zusammen mit ihrer Wahlkampfhelferin Clara Rojas wollte Betancourt am 23. Februar 2002 an einer Kundgebung einer Menschenrechtsorganisation in der mitten im Guerillagebiet gelegenen Stadt San Vicente teilnehmen. Sie kamen nie am. Am letzten Kontrollposten wurde der Jeep gestoppt und die weißen Fahnen vom Fahrzeug gerissen. Die beiden Frauen wurden als lebendiger Faustpfand festgehalten. An ihre Freilassung knüpft die Farc Bedingungen: den Austausch mit Kämpfern, die in kolumbianischen Haftanstalten sind.
Harte Strafen nach FluchtDer Poker um die Freilassung von Betancourt, in dem es um Lösegeld, Drogenhandel, Waffengeschäfte und politische Intrigen geht, ist in Bewegung gekommen. Venezuelas Präsident Hugo Chávez, international um Anerkennung bemüht, nutzte seine Kontakte zu den Rebellen. Kurz vor Weihnachten sollte die langersehnte Freilassung stattfinden. Hubschrauber warteten und US-Regisseur Oliver Stone war eigens gekommen, um den emotionalen Moment filmisch festgehalten. In letzter Minute ließ die Guerilla den Deal platzen. Clara Rojas und die ehemalige Abgeordnete Consuelo González kamen Anfang des Jahres in Freiheit. Jetzt warten alle auf Ingrid.
Fünf Mal soll Betancourt versucht haben zu fliehen. Aber sie wurde immer wieder - oftmals erst nach Tagen - im unwegsamen Regenwald von ihren Peinigern aufgegriffen. Was folgte, waren harte Strafen. Auch die langen Märsche von einem Guerilla-Camp zum nächsten zehrten an den Kräften, wie Rojas berichtete. Betancourt soll mehrfach erkrankt und auch stark abgemagert sein. Sie selbst berichtete im Oktober 2007: «Wir vegetieren wie lebende Tiere.» Das Haar sei ihr in Büscheln ausgefallen.
Worte übers Radio an die MutterVor allem ihre Familie kämpft seit Jahren um die Freilassung von Betancourt. Ihre in Bogotá lebende Mutter Yolanda Pulecio mobilisiert die Öffentlichkeit, wird von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Brasiliens Staatsoberhaupt Luiz Inacio Lula da Silva empfangen. Regelmäßig wendet sie sich über den Sender Caracol an ihre Tochter. Sie hat die Hoffnung, dass Ingrid irgendwo im stickigen Dschungel die Worte der Mutter über einen Weltempfänger hören kann.
Betancourts Kinder aus erster Ehe, inzwischen 19 und 22 Jahre alt, organisieren Mahnwachen und Solidaritätskomitee. Ihr Ehemann ließ zehntausende Flugblätter mit den Fotos von Lorenzo und Mélanie über unwegsame Gebiete im Süden Kolumbiens abwerfen.
«Die Wut in meinem Herzen» Betancourt führte seit Jahren ein Leben in ständiger Bedrohung. «Angst gehört hier zur Politik, aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen», hatte sie einmal gesagt. Betancourt stammt aus einer angesehen Diplomatenfamilie und besitzt den kolumbianischen und französischen Pass. 1998 gründete sie die Partido Oxigenio Verde (Grüne Partei). «Die Korruption ist die Aids-Krankheit Kolumbiens», hieß einer ihren Slogans, als sie 1994 das erste Mal als Abgeordnete kandidierte. Als Senatorin und im Kongress deckte sie dann die Namen von fünf korrupten Politikern auf.
Von da an begannen die Drohungen, die Anrufe mit Beleidigungen von Unbekannten. Betancourt konnte nicht mehr ins Kino gehen, ihr Telefon wurde abgehört. Ein Dutzend Bodyguards gehörte zu ihren ständigen Begleitern. Als sie erfuhr, dass Killer auf sie und ihre Kinder angesetzt waren, floh die Familie nach Neuseeland. Sie selbst kehrte schon nach wenigen Wochen zurück, ihre Kinder blieben länger. Ihr Leben zwischen Angst und Bedrohung schrieb Betancourt 2001 in der Autobiografie «Die Wut in meinem Herzen» nieder. Insgesamt werden rund 3000 Geiseln in den Händen der Farc vermutet. Einige leben schon seit mehr als zehn Jahren in Gefangenschaft. Die Rebellen wollen Lösegeld und den Austausch von inhaftierten Kämpfern erpressen. (Susann Kreutzmann/AP)